{"id":233618,"date":"2019-12-11T13:54:00","date_gmt":"2019-12-11T12:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/eva-lindner.com\/?p=233618"},"modified":"2026-05-20T12:04:18","modified_gmt":"2026-05-20T10:04:18","slug":"mit-scharfer-klinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eva-lindner.com\/en\/mit-scharfer-klinge\/","title":{"rendered":"Mit scharfer Klinge"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dieses Schwert geh\u00f6rte dem Urururgro\u00dfvater unserer Autorin. Er war der letzte Henker der Stadt M\u00fcnchen. Mehr wollte die Familie lieber nie \u00fcber ihn wissen \u2013 bis jetzt<\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>von Eva Lindner, SZ Magazin, 13. April 2018 <\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Auf dem Dachboden meiner Eltern steht ein Schwert. Das Haus war einst, als sie noch lebte, das Haus meiner Gro\u00dfmutter. Seit ich denken kann, lehnt das Schwert unter der Dachschr\u00e4ge zwischen den Gartenzwergen meiner Mutter, Balduin und Ferdinand. Daneben steht mein altes Barbie-Wohnmobil in kreischendem Pink. Dazu eine Kiste voller Rohrteile meines Vaters, von denen er sagt, man wisse nie, ob man sie irgendwann einsetzen k\u00f6nne. Das Schwert \u2013 der Griff vergoldet, die Klinge gl\u00e4nzend \u2013 wirkt wie aus der Zeit gefallen. Als h\u00e4tte ein K\u00e4mpfer aus der Vergangenheit es nach einer Schlacht hier vergessen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Henkersschwert. Und es geh\u00f6rte meinem Urururgro\u00dfvater. Martin H\u00f6rmann schlug damit M\u00f6rdern, R\u00e4ubern und Verr\u00e4tern den Kopf ab. Mehr wusste ich nicht \u00fcber dieses Schwert. Meine Oma, Martin H\u00f6rmanns Urenkelin, sprach nie von ihm. Ihr Haus, in dem heute meine Eltern leben, steht in einem Dorf in Oberbayern, 1700 Einwohner, siebzig Kilometer von M\u00fcnchen und doch eine Welt entfernt. Hellbraune K\u00fche zermalmen Gras hinter dem Gartenzaun, am Horizont stemmt sich das verschneite Zugspitzmassiv in den Himmel. In der Dorfkirche knien die M\u00e4nner in den B\u00e4nken rechts, die Frauen links. Weil das immer schon so war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin in M\u00fcnchen aufgewachsen. Jedes Wochenende fuhren mein Bruder und ich aufs Land. Meine Oma strich Schinkensemmeln, so viele wir essen konnten, und abends, wenn sie in ihrem Sessel eingeschlafen war, guckten wir Horrorfilme.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Oma hat versucht, das Schwert auf dem Dachboden loszuwerden. Niemand wollte es haben, ihre Schw\u00e4gerin nicht, ihr Sohn nicht, meine Mutter nicht. Also blieb es, wo es war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist, als ob eine Scham an dem Schwert klebe, die immer weitervererbt wird. Die Vorstellung, dass unser Vorfahr damit seine Mitmenschen in zwei Teile gehackt hat, l\u00e4sst meine Familie noch heute erschaudern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Martin H\u00f6rmanns Aufgabe als Scharfrichter war es, Geschichten zu beenden. Meine Aufgabe als Journalistin ist es, Geschichten aufzurollen. Doch die blutige Vergangenheit meiner Familie zu erz\u00e4hlen, schreckte mich lange ab. Vor ein paar Monaten habe ich meine Meinung ge\u00e4ndert. Vielleicht liegt es daran, dass ich schwanger bin. Bald werde ich, die J\u00fcngste in der Familie, eine neue Generation ins Leben setzen und damit selbst um eine Generation nach hinten rutschen. Vielleicht \u00f6ffnen wir uns erst f\u00fcr die Vergangenheit, wenn uns klar wird, dass sie unsere Zukunft jagt. Vielleicht liegt es aber auch an dem vergilbten Zeitungsartikel, den meine Mutter und ich neulich im Haus meiner Oma fanden. Sie hatte ihn vor fast 100 Jahren datiert und auf einen Lieferschein geklebt. Es ist ein Text in Frakturschrift vom 2. Mai 1931 aus einer Lokalzeitung im Berchtesgadener Land. Darin steht:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die letzte \u00f6ffentliche Hinrichtung fand am 11. Mai 1854 in M\u00fcnchen auf dem Marsfeld, wo das neue Postgeb\u00e4ude steht, durch den Scharfrichter H\u00f6rmann jun. statt. Der zum Tode Verurteilte war ein 19j\u00e4hriger Dienstknecht Christian Hussend\u00f6rfer, der bestialisch seinen Dienstherrn ermordet und beraubt hatte. Dem Scharfrichter gelang es nicht, mit dem ersten Hieb der strafenden Gerechtigkeit zu gen\u00fcgen. Er musste siebenmal schlagen, ehe das Werk vollendet war. Der dabei einsetzende Skandal war f\u00fcr die Regierung der Grund, noch im gleichen Jahre das Fallbeil einzuf\u00fchren und die \u00f6ffentlichen Hinrichtungen zu verbieten.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter und ich starrten auf den Text. Als w\u00e4re es nicht genug, dass mein Vorfahr den brutalsten Beruf der Welt aus\u00fcbte. Nein, diesen Job hat er auch noch schlecht gemacht! Ein Dilettant, der eine Krise im bayerischen Strafsystem ausl\u00f6ste. Ein Halbblinder, der mit sieben Schl\u00e4gen ein Gemetzel anrichtete. Ein Folterer, der den Dienstknecht leiden lie\u00df und die M\u00fcnchner traumatisierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich googelte \u00bbMarsfeld M\u00fcnchen\u00ab. Die Richtst\u00e4tte lag damals vor den Toren der Stadt und hei\u00dft heute Marsplatz. Er liegt zwischen Hackerbr\u00fccke und Circus Krone, ich kenne den Ort gut. Am Marsplatz 1 steht das Wittelsbacher Gymnasium. Es ist die Schule, an der ich Abitur gemacht habe. Ein Zufall, bestimmt. Und doch: Die Geschichte meines Vorfahren ist so nah an mein eigenes Leben ger\u00fcckt, dass ich sie nicht mehr ruhen lassen konnte. Jetzt wollte ich alles wissen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Anruf bei Oliver P\u00f6tzsch. Der Autor ist Nachfahre einer Scharfrichterfamilie aus Schongau. Auch ich wurde dort geboren. Mit einer historischen Romanreihe \u00fcber eine Henkerstochter aus seiner oberbayerischen Kleinstadt ist P\u00f6tzsch in der Region bekannt geworden. Meine Mutter liebt seine B\u00fccher, sie hat mir von ihm erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob ihm Martin H\u00f6rmann etwas sage?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa klar, die H\u00f6rmanns waren \u00fcber Jahrhunderte eine Henkersdynastie in <br>\nBayern.\u00ab&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie? Es gab mehr als den einen? Meine Vorfahren, alle M\u00f6rder?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu, sag mal, das Schwert, das ihr da habt\u00ab, sagt P\u00f6tzsch pl\u00f6tzlich: \u00bbKann es sein, dass das meins ist?\u00ab Das Schwert seiner Familie sei aus dem Schongauer Stadtmuseum geklaut worden und seitdem verschollen. Sollten wir unseres nicht mehr brauchen, w\u00e4re er interessiert, f\u00fcr Pressefotos und so.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAuf keinen Fall\u00ab, sagt meine Mutter sp\u00e4ter und klingt gar nicht mehr besch\u00e4mt \u00fcber die Waffe, sondern ein bisschen stolz. \u00bbWir behalten unser Schwert!\u00ab&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schon seltsam, niemand will es haben, es hergeben aber auch nicht. Uns scheint etwas mit dem Schwert zu verbinden. Gibt es uns ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, wie sehr unser Leben von unseren Ahnen abh\u00e4ngt? Wie ihre Geschichte sich auf unsere auswirkt? Die Vorstellung jedenfalls, dass es bei einer anderen Familie auf dem Speicher steht, gef\u00e4llt uns nicht. Das Schwert geh\u00f6rt zu uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich steige auf den Dachboden. Es ist kalt und riecht nach alten Rohren. Ich schiebe Ferdinand und Balduin zur Seite und fasse das Schwert mit beiden H\u00e4nden am Griff.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein graues Band windet sich um ihn, rau und fest. Es f\u00fchlt sich an wie Schlangenhaut. Das Schwert ist einen Meter lang und \u2013 ich wiege es sp\u00e4ter \u2013 zwei Kilo schwer. Wenn ich es auf seine Klinge stelle, reicht es mir bis zur H\u00fcfte. Die goldenen Kn\u00e4ufe sehen aus wie Kr\u00f6nchen. Ich fahre mit den Fingern \u00fcber die Klinge. Sie ist scharf, als h\u00e4tte mein Ahne sie gestern geschwungen. An einigen Stellen haben sich Rostflecken in sie gefressen. Verschwommen kann ich mich in der Klinge spiegeln. Wer war dieser Mann? Was hat seine Geschichte mit meiner zu tun?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Wochen sp\u00e4ter fahre ich mit meinen Eltern und dem Schwert ins Bayerische Nationalmuseum. Die Experten f\u00fcr Waffen und Volkskunde haben sich bereit erkl\u00e4rt, es sich anzusehen. Ich hoffe, sie k\u00f6nnen mir sagen, was die Waffe \u00fcber den Mann erz\u00e4hlt, dem sie geh\u00f6rte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Auto berichtet meine Mutter von ihrer Tante. Anni H\u00f6rmann bunkerte das Schwert in ihrem Haus, bevor meine Gro\u00dfmutter es zu sich nahm. Als der Zweite Weltkrieg tobte, f\u00fcrchtete Tante Anni, die Nazis k\u00f6nnten das Schwert konfiszieren, sollten sie das Haus durchsuchen. Also versteckte sie es am einzigen Ort, den sie f\u00fcr sicher hielt: im Misthaufen. Daher die Rostflecken. Sp\u00e4ter grub Tante Anni das Schwert wieder aus, doch wohin damit, wusste sie auch nicht. Einmal, so erinnert sich mein Vater, fiel ihm bei ihr zu Hause der Griff auf, der schr\u00e4g hinter einem Schrank hervorlugte. An ihm hingen Kleiderb\u00fcgel mit Tante Annis Arbeitssch\u00fcrzen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWo h\u00e4ngst du denn deine Sch\u00fcrzen auf?\u00ab, fragte mein Vater damals.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAch, das ist nur das Schwert vom Henker\u00ab, antwortete Tante Anni.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Museumseingang wartet eine Schulklasse. Wir weichen den Blicken aus, als wir mit dem riesigen Schwert in seiner Scheide aus vergoldetem Messing, die ich ebenfalls auf dem Dachboden gefunden habe, unterm Arm \u00fcber den Fu\u00dfg\u00e4ngerweg laufen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In einem B\u00fcro streifen sich zwei Wissenschaftler Einweghandschuhe \u00fcber. \u00bbPr\u00e4chtige Ausf\u00fchrung f\u00fcr ein Richtschwert\u00ab, sagt der Waffenexperte Raphael Beuing, als er sich \u00fcber den Griff beugt. Was ich f\u00fcr Schlangenhaut hielt, sei die eines Rochen, damals ein leicht verf\u00fcgbares Naturmaterial. Die ornamentale Gestaltung, die vergoldeten Messingbeschl\u00e4ge, die \u00bbgut gepflegte Klinge aus Stahl\u00ab seien relativ kostbar f\u00fcr einen Gebrauchsgegenstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Beuings Kollege, der Volkskundler&nbsp; Thomas Schindler, sch\u00e4tzt das Schwert auf etwa 200 Jahre. \u00bbRichtschwerter waren immer Privateigentum der Scharfrichter. Ihr Vorfahre hat es wahrscheinlich f\u00fcr seine Ma\u00dfe anfertigen lassen\u00ab, sagt er. M\u00fcnchen sei damals ein \u00fcberschaubares St\u00e4dtchen gewesen. Zwei bis drei Hinrichtungen pro Jahr, mehr habe Martin H\u00f6rmann wohl nicht zu tun gehabt. Trotzdem: F\u00fcr jede Stadt sei es schwierig gewesen, einen guten Henker zu finden. \u00bbIhr Ahne galt mit diesem Beruf als ehrlos\u00ab, sagt Schindler. \u00bbDie Menschen spuckten vor ihm auf die Stra\u00dfe.\u00ab&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Ehrgeiz, das Leben von Martin H\u00f6rmann zu rekonstruieren, ist jetzt noch gr\u00f6\u00dfer. Zu Hause finde ich im Internet auf einer Hobby-Ahnenforscher-Seite eine Gruppe, in der haufenweise Daten \u00fcber deutsche Henker zusammengetragen werden. Ein paar der Mitglieder treffen sich j\u00e4hrlich zur Tagung der \u00bbNachfahren von deutschen Scharfrichtern\u00ab. Ich frage sie nach Dokumenten \u00fcber Martin H\u00f6rmann. Und ich schreibe dem Bayerischen Landesverein f\u00fcr Familienkunde, dessen ehrenamtliche Mitglieder seit fast 100 Jahren Stammb\u00e4ume aufzeichnen, Datenbanken erstellen und Familiengeschichten nachsp\u00fcren. Ein paar Tage sp\u00e4ter habe ich alles, was sie \u00fcber die Familie H\u00f6rmann wissen. Allm\u00e4hlich erwacht das Leben meines Urururgro\u00dfvaters vor mir.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Martin H\u00f6rmann wurde 1786 in M\u00fcnchen geboren, ein Pfarrer taufte ihn in der Kirche St. Peter am Marienplatz. Sein Vater war der Stadthenker M\u00fcnchens, seine Mutter war Tochter des Ingolst\u00e4dter Scharfrichters. Wer sonst wollte einen Henker heiraten? Au\u00dfenseiter blieben unter sich. Die Gesellschaft dr\u00e4ngte T\u00f6pfer, Gerber, Hirten, Huren und Henker an ihren Rand. Sie galten als \u00bbunehrlich\u00ab. Martin H\u00f6rmann erbte das Stigma, es blieb ihm kaum etwas anderes \u00fcbrig, als das Handwerk seines Vaters zu lernen. Das Handwerk des T\u00f6tens. Ich sehe einen Eintrag des Finanzbuchhalters von K\u00f6nig Max Joseph von Bayern aus dem Jahr 1813:\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir verleihen die durch den Tod des Michael H\u00f6rmann erledigte Scharfrichters-Stelle im Isarkreise dem Sohne des Verstorbenen, Martin H\u00f6rmann, welcher hierinn schon Proben seiner Geschicklichkeit abgelegt hat, und bewilligen demselben zugleich den Gehalt von eintausend f\u00fcnf und siebenzig Gulden, nebst dem Fortgenu\u00df der bisherigen Wohnung.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mein Urururgro\u00dfvater war also 26 Jahre alt, als er zum ersten Mal mit seinem Schwert im Dienste der Obrigkeit K\u00f6pfe abschlagen durfte. Ich lese, dass man bei einer Enthauptung den Hals zwischen dem dritten und siebten Wirbel durchtrennen muss. Wie viel Kraft er daf\u00fcr aufwenden musste, lernte Martin H\u00f6rmann vorher von seinem Vater.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ich hatte, als ich 26 Jahre alt war, gerade mein Studium hinter mir. Ich ging dann auf eine Journalistenschule. 200 Jahre vorher schlug sich Martin H\u00f6rmann mit seinem Schwert noch weiter ins gesellschaftliche Abseits. Er war als Scharfrichter unsichtbar: Die B\u00fcrgerrechte galten nicht f\u00fcr ihn. Die erhielt nur, wer Mitglied einer Zunft war, und eine Henkerszunft gab es nicht. Ohne B\u00fcrgerrechte genoss man keinen besonderen Schutz durch die Stadt, man war nur geduldet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00bbHenkersh\u00e4usl\u00ab stand isoliert von den Nachbarn an der Stadtmauer unterhalb des Sendlinger Tors. Zocker und Prostituierte trieben sich dort nachts durch die Gassen. In einem Modell der Stadt M\u00fcnchen im Bayerischen Nationalmuseum aus dieser Zeit finde ich das Haus. Zweist\u00f6ckig immerhin, mit kleinem Garten. H\u00f6rmanns Lohn von 1075 Gulden war recht stattlich. \u00bbEr entsprach dem heutigen Sold eines mittleren Beamten\u00ab, sagt der Volkskundler Thomas Schindler. Ein Gehalt, das den Gesichtsverlust aufwiegen sollte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im 19. Jahrhundert wehte der Geist der Aufkl\u00e4rung nach Deutschland, auch die Justiz sollte menschenfreundlicher werden. Kurz bevor Martin H\u00f6rmann erstmals auf den Richtplatz trat, hatte Bayern die Folter abgeschafft. Anders als seine Ahnen musste er also keine Arme ausrenken, Fingern\u00e4gel abrei\u00dfen oder Ohren mit gl\u00fchenden Zangen zwicken. Als es solche Folter noch gab, waren die Henker verpflichtet, die Gequ\u00e4lten zur Hinrichtung wieder ordentlich aussehen zu lassen. Durch diese Arbeit am K\u00f6rper eigneten sich Scharfrichter \u00fcber viele Jahrhunderte hinweg medizinische Kenntnisse an, B\u00fcrger suchten sie auf, um geheilt zu werden. Die Erfahrungen seiner Vorv\u00e4ter \u2013 alle Henker oder Tierverwerter, sogenannte Wasenmeister \u2013 qualifizierten Martin H\u00f6rmann f\u00fcr ein zweites berufliches Standbein. Der bayerische K\u00f6nig Ludwig I. erlaubte dem Scharfrichter in einer Bekanntmachung von 1829, als st\u00e4dtischer Tierarzt zu arbeiten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre ins Archiv des Erzbistums M\u00fcnchen. Dort sind die Kirchenb\u00fccher digitalisiert, in die Pfarrer jahrhundertelang alle Taufen, Hochzeiten und Todestage eingetragen haben. Martin H\u00f6rmann starb demnach im Jahr 1841 im Alter von 54 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stutze und krame den von meiner Oma aufbewahrten Zeitungsartikel aus Berchtesgaden hervor. Ihm zufolge fand die skandal\u00f6se Hinrichtung mit den sieben Schl\u00e4gen 1854 statt. Martin H\u00f6rmann kann sie also gar nicht vollzogen haben. Seine beiden S\u00f6hne, so steht es verzeichnet, waren ein Schreiner und ein Unteroffizier. Sie sind aus der St\u00e4ndeverordnung ausgebrochen, haben den Aufstieg geschafft. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Fachbuch \u00fcber Scharfrichter finde ich eine Chronik \u00fcber die Henker von M\u00fcnchen. In der Tat, der Zeitungsartikel, der meine Familie fast 100 Jahre lang glauben lie\u00df, dass Martin H\u00f6rmann als Vollstrecker versagt hat, ist falsch. Die Geschichte geht laut der Chronik so: Mein Urururgro\u00dfvater war der letzte Stadthenker von M\u00fcnchen, der mit dem Schwert richtete. Nach ihm war die Stelle vakant, die Stadt riss das Henkersh\u00e4usl ab. Der Scharfrichter aus Amberg sprang sp\u00e4ter in der Residenzstadt ein. Er war es, der siebenmal \u00fcber dem Hals des Dienstboten ausholte. Den die M\u00fcnchner deshalb fast gelyncht h\u00e4tten. Dem die Guillotine folgte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin erleichtert. Martin H\u00f6rmann scheint ein Vollprofi gewesen zu sein. Er trug den Beinamen \u00bbFreimann im Isarkreis\u00ab. Die Stadt lieh ihn an Landgerichte in ganz Oberbayern aus. Am 8. Mai 1832 nach Dachau, wie ich in einer Aufzeichnung des Amtsgerichts lese. Bereits zwei Monate vor der Hinrichtung bat Martin H\u00f6rmann \u00bbSeine Gnaden\u00ab, den Landrichter, ihm den Tag der Hinrichtung mitzuteilen, damit \u00bbich genau eintreffen kann\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein Dienstag. Keiner musste an diesem Tag arbeiten, denn alle sollten zuschauen, wenn einer von ihnen den Kopf f\u00fcr seine Verbrechen hinhalten musste. Wie genau die Stimmung an diesem Tag in Dachau war, l\u00e4sst sich nicht rekonstruieren, aber detaillierte Beschreibungen vergleichbarer Hinrichtungen aus dieser Zeit erinnern an einen Jahrmarkt: M\u00e4nner bauen Buden auf, Kinder verkaufen N\u00fcsse, Frauen Brot und Bier. Spieler jonglieren ihre B\u00e4lle und verspotten den M\u00f6rder. Fest steht: 36 Gendarmen und eine Kompanie aus M\u00fcnchen bewachen an diesem Tag in Dachau Fluss\u00fcberg\u00e4nge und Kreuzungen. An der Richtst\u00e4tte dr\u00e4ngen sich die Schaulustigen um die besten Pl\u00e4tze.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jakob Mayr, 20 Jahre alt, Sohn eines Zimmermanns, soll seine Gro\u00dfmutter ermordet und ihr 300 Gulden gestohlen haben. Ein Gnadengesuch der Mutter bei K\u00f6nig Ludwig I. scheiterte, \u00bbweil kein Grund zur Gnade vorliege\u00ab. Es ist neun Uhr, als Martin H\u00f6rmann das Gef\u00e4ngnis betritt. Das Schwert, geschliffen und poliert, tr\u00e4gt er bei sich. Vielleicht ist er angetrunken, wie es laut Thomas Schindler vom Bayerischen Nationalmuseum die meisten Henker bei der Hinrichtung waren. Um die Seele zu bet\u00e4uben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Priester spenden Mayr die Sterbesakramente, er beichtet und empf\u00e4ngt die Kommunion. H\u00f6rmann schneidet Mayr laut der \u00dcberlieferung am Hinterkopf die Haare ab. Wahrscheinlich, damit er die Wirbels\u00e4ule besser sehen kann. Er zieht ihm einen grauen S\u00fcnderkittel an und h\u00e4ngt eine Tafel um seinen Hals. \u00bbM\u00f6rder\u00ab steht auf ihr geschrieben. Kurz darauf verk\u00fcndet der Richter vor dem Rathaus das Urteil, bricht einen Stab \u00fcber Mayrs Kopf und wirft ihm die zwei Teile vor die F\u00fc\u00dfe. Sein Lebensfaden soll mit dem heutigen Tage zerrei\u00dfen, so symbolisiert es der Brauch. Dann bringt H\u00f6rmann den Verurteilten zur Richtst\u00e4tte. Die Menge klatscht und ruft dem M\u00f6rder und seinem Henker Schm\u00e4hungen zu. H\u00f6rmann schleppt den jungen Mann die Treppen hoch aufs Schafott. Er fesselt ihm H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe, verbindet ihm die Augen, fixiert seinen Kopf auf einem Block. Es ist 10.43 Uhr. Was nun folgt, wird nach der Lekt\u00fcre vieler Hinrichtungsbeschreibungen aus dieser Zeit in meinem Kopf zu einer blutigen Szene: Breitbeinig stellt sich H\u00f6rmann vor Mayr auf. Seine H\u00e4nde schwitzen. Er legt sie nebeneinander auf den Griff. Seine Finger umschlie\u00dfen die Rochenhaut. Er hebt das Schwert. Schwingt es mit aller Kraft. Die Stahlklinge trifft den Hals. Durchtrennt Sehnen und Muskeln. Blut spritzt. Jakob Mayrs Kopf f\u00e4llt auf den Boden. Ein Gehilfe des Scharfrichters hebt ihn auf. Zeigt ihn der gr\u00f6lenden Menge auf allen vier Seiten der B\u00fchne.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ein M\u00f6rder bleibt auf dem Schafott zur\u00fcck.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter beantrage ich im Stadtarchiv Martin H\u00f6rmanns polizeilichen Meldebogen, um mehr \u00fcber seine Familie zu erfahren. Als ich ihn aufschlage, f\u00e4llt mir ein loses Blatt in die Hand. Es ist aus Leinen, fleckig, abgegriffen. \u00bbDer Kinder\u00ab steht darauf. Es folgen 13 schwer entzifferbare, in S\u00fctterlin geschriebene Namen. Martin H\u00f6rmann war dreimal verheiratet. Seine erste Frau Eva brachte f\u00fcnf Kinder zur Welt, drei M\u00e4dchen \u00fcberlebten. Als er 38 Jahre alt war, starb sie und machte ihn zum alleinerziehenden Vater.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwas in mir zieht sich zusammen. Die Jahre, die zwischen uns vergangen sind, kommen mir mit einem Mal nicht mehr wie eine Ewigkeit vor. Ich habe Mitleid mit ihm. Ist es m\u00f6glich, \u00fcber 200 Jahre hinweg Familienbande zu sp\u00fcren?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Monate nach Evas Tod heiratete Martin H\u00f6rmann wieder. Es kamen in dieser Ehe f\u00fcnf Kinder zur Welt, nur zwei \u00fcberlebten. Ein paar Jahre sp\u00e4ter wurde er zum zweiten Mal Witwer, nun also als Vater von insgesamt f\u00fcnf minderj\u00e4hrigen Kindern. Mit 48 Jahren heiratete er ein letztes Mal, alle drei Kinder aus dieser Ehe starben fr\u00fch. Kurz vor seinem Tod kaufte er an der Sendlinger Stra\u00dfe, Ecke Blumenstra\u00dfe, ein Haus f\u00fcr seine Frau und die Kinder. Sein \u00e4ltester Sohn war zu diesem Zeitpunkt erst zehn Jahre alt. Martin H\u00f6rmann hat wohl geahnt, dass er seinen Beruf nicht vererben w\u00fcrde, er d\u00fcrfte bef\u00fcrchtet haben, dass ein anderer in das Henkersh\u00e4usl einziehen und seine Familie auf die Stra\u00dfe setzen w\u00fcrde. Also hat er vorgesorgt. Nach 28 Berufsjahren als Henker m\u00fcsste er zwischen sechzig und neunzig Verurteilten das Leben genommen haben. Doch Martin H\u00f6rmann, der Schl\u00e4chter, war auch ein umsichtiger Familienvater.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil ich drohe, den \u00dcberblick \u00fcber die vielen Familienmitglieder zu verlieren, zeichne ich einen Stammbaum. In Ovale schreibe ich Namen, Geburts- und Todesdaten. Mit Strichen verbinde ich Kinder, Eltern, Ehepartner: Martin H\u00f6rmann, sein Sohn Joseph Ignaz, dessen Sohn Alfred \u2013 er ist der Vater meiner Oma \u2013, sie, meine Mutter. Hinter mein eigenes Geburtsdatum ganz unten auf dem Papier ziehe ich ein Minus und lasse dahinter Platz. Irgendwann werde ich selbst f\u00fcr meine Nachfahren nur noch ein Oval mit Strichen sein. Die eigene Familie zu erforschen f\u00fchlt sich an, wie einen Anker auszuwerfen in den Fluss des Lebens \u2013 und gleichzeitig hinabgesaugt zu werden in den Strudel der Verg\u00e4nglichkeit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich meine Eltern heute frage, was mit dem Schwert passieren soll, wissen sie es immer noch nicht. Die Forscher im Bayerischen Nationalmuseum sagten, sie n\u00e4hmen es gern. Es w\u00fcrde ihre Sammlung abrunden. Auch das Stadtmuseum h\u00e4tte bestimmt Interesse. Wir sind uns einig, dass es in einem Museum besser aufgehoben w\u00e4re als bei uns zu Hause. So k\u00f6nnten sich auch andere das Schwert ansehen. Schlie\u00dflich erz\u00e4hlt es nicht nur unsere Familiengeschichte, sondern eine Geschichte \u00fcber M\u00fcnchen, \u00fcber Bayern, \u00fcber Deutschland.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bis meine Familie sich entschieden hat, wird es aber da bleiben, wo es war: auf dem Dachboden im Haus meiner Gro\u00dfmutter, an die Wand gelehnt, zwischen Balduin und Ferdinand. Zusammen mit all den anderen Dingen, die wir nicht mehr brauchen. Aber von denen wir uns auch nicht trennen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Foto: <a href=\"https:\/\/www.julianbaumann.com\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Julian Baumann (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Julian Baumann<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Online auch zu lesen auf:<\/em> <a href=\"https:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/familie\/mit-scharfer-klinge-86620?reduced=true\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"SZ-Magazin.sueddeutsche.de (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">SZ-Magazin.sueddeutsche.de<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00fcddeutsche Zeitung Magazin<\/p>\n<p>Dieses Schwert geh\u00f6rte dem Urururgro\u00dfvater unserer Autorin. Er war der letzte Henker der Stadt M\u00fcnchen. 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