{"id":233638,"date":"2019-12-01T14:22:00","date_gmt":"2019-12-01T13:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/eva-lindner.com\/?p=233638"},"modified":"2026-05-20T12:09:16","modified_gmt":"2026-05-20T10:09:16","slug":"ein-lied-von-blut-und-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eva-lindner.com\/en\/ein-lied-von-blut-und-frieden\/","title":{"rendered":"Ein Lied von Blut und Frieden"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Miri Aloni war eine ber\u00fchmte S\u00e4ngerin in Israel. Kurz bevor Jitzchak Rabin 1995 ermordet wurde, stand sie mit ihm auf der B\u00fchne. Heute ist sie fast vergessen.<\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>von Eva Lindner, S\u00fcddeutsche Zeitung, 30. Oktober 2015<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8220;Lasst die Sonne aufgehen, den Morgen zu erleuchten!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Selbst das reinste Gebet wird uns nicht zur\u00fcckbringen.&#8221;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Miri Aloni zur ihrem Auftritt kommt, wartet kein Publikum auf sie. Lediglich ein paar Passanten drehen sich nach ihr um, als die Frau, die Schultern nach vorne gebeugt, leicht hinkend, ihren Rollwagen \u00fcber die Allenby-Stra\u00dfe zieht. &#8220;Starvoice&#8221; steht auf ihrem Lautsprecher, wie eine Erinnerung an alte Zeiten. Sie bleibt auf dem Platz vor dem Carmel-Markt stehen, stellt ihren Wagen ab und atmet tief ein und aus. Ihr Parfum verstr\u00f6mt den Geruch von Blumenwiese in der Tel Aviver&nbsp;Stadtluft.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab eine Zeit, da warteten Tausende, um Miri Aloni zu h\u00f6ren. Es war die Zeit, als Israel mit dem Frieden flirtete. Weiter tr\u00e4umen, weiter hoffen. Das Land war s\u00fcchtig nach dem Song, der dieser Sehnsucht Ausdruck verlieh. Aloni stand auf den gr\u00f6\u00dften B\u00fchnen des Landes, um den Israelis das &#8220;Lied f\u00fcr den Frieden&#8221;&nbsp;vorzusingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute rollt sie einen blauen Teppich auf dem Asphalt aus und stellt einen Klappstuhl darauf. Fu\u00dfg\u00e4nger schauen auf sie herunter, werfen ein paar Schekel in ihren Gitarrenkoffer. Von ihrer Band ist nur ein CD-Spieler f\u00fcr die Hintergrundmusik geblieben. Sie h\u00e4ngt Blumenketten um den Mikrofonst\u00e4nder und stellt Noten und Gitarre neben sich, um ein wenig Distanz zu den Passanten zu schaffen. Aloni dreht die Musik auf, Mambo-Rhythmen heizen \u00fcber den Platz. Die S\u00e4ngerin wirkt wie angeknipst. Sie wippt die Schultern hin und her, klatscht zum Takt, schunkelt sich in Stimmung. Die ersten Marktbesucher bleiben stehen, als Aloni beginnt zu singen. Es geht um &#8220;Ahava&#8221;, die Liebe, &#8220;Schemesch&#8221;, die Sonne und &#8220;Schalom&#8221;, den&nbsp;Frieden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die beste Band des Landes sollte es spielen, die sch\u00f6nste Stimme Israels sollte es singen<\/h3>\n\n\n\n<p>K\u00f6nnte Barbie altern, w\u00fcrde sie vielleicht aussehen wie Miri Aloni: rote Sonnenbrille, wei\u00dfblondes langes Haar, Blumen auf dem blauen Jackett, Schlaghose. An dem karierten Hut glitzert eine Strass-Schnalle, an der Nase ein d\u00fcnner Silberring, die Fingern\u00e4gel sind rot lackiert mit Glitzer. Ihre Lippen hat sie dunkelrot nachgezogen, die Augen dramatisch umrandet, in den Stirnfalten sammeln sich Puderreste. Auf ihrem linken Unterarm tr\u00e4gt sie eine T\u00e4towierung, Blumen und Herzen, Love and&nbsp;Peace.<\/p>\n\n\n\n<p>Die S\u00e4ngerin wurde am 25. Dezember 1949 geboren, ein Jahr nach der Staatsgr\u00fcndung Israels. &#8220;Es ist der Tag, an dem auch Jesus geboren wurde&#8221;, sagt sie ernst. Aloni scheut keine Vergleiche mit gro\u00dfen Namen. &#8220;Menschen, die an diesem Tag geboren sind, verfolgen ein Ziel, f\u00fcr das sie k\u00e4mpfen und f\u00fcr das sie sich opfern. Sie gehen ihren Weg bis zum Ende, auch wenn es bitter ist.&#8221; Aloni glaubt an das Schicksal und an&nbsp;Horoskope.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war 17 Jahre alt, sehr blond und sehr sch\u00f6n, als sie Mitglied in der&nbsp;<em>Nachal-Troup<\/em>, der Milit\u00e4rband Israels, wurde. Der Staat war jung und abgeriegelt, selten lie\u00df er internationale K\u00fcnstler ins Land. Nicht einmal die&nbsp;<em>Beatles<\/em>&nbsp;durften auftreten. Die Regierung f\u00fcrchtete einen &#8220;negativen Einfluss auf Israels Jugend&#8221;. Also blieben der israelischen Musikszene nur die eigenen Leute. Die Milit\u00e4rband war die Kaderschmiede. Sie brachte alle gro\u00dfen Volkss\u00e4nger&nbsp;hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der H\u00fclle der ersten Nachal-Platte sieht man die Stars in jungen Jahren, die meisten von ihnen in Uniform, dunkle Haare, dunkle B\u00e4rte. Aloni tr\u00e4gt einen blauen Rock und ein wei\u00dfes Oberteil, das blonde Haar weht um ihre feinen Gesichtsz\u00fcge. Kurz darauf wurde sie die Solistin der Band, ihre tiefe, klare Stimme war&nbsp;unverwechselbar.<\/p>\n\n\n\n<p>1967 war ein junger Offizier namens Yaakov Rotblit beeindruckt von Amerikas Hippies und den Protesten gegen den Vietnamkrieg. Er selbst hatte im Sechs-Tage-Krieg ein Bein verloren. Inspiriert von John Lennons &#8220;Give peace a chance&#8221; und dem Musical &#8220;Hair&#8221; schrieb er ein Lied. Es sollte wie der Hair-Klassiker &#8220;Let the sunshine in&#8221; mit den Worten &#8220;Lasst die Sonne aufgehen&#8221; beginnen. Er nannte es Shir la Shalom, &#8220;Lied f\u00fcr den Frieden&#8221;. Die beste Band des Landes sollte es spielen, die sch\u00f6nste Stimme Israels sollte es&nbsp;singen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Band der israelischen Streitkr\u00e4fte ein Friedenslied sang, scherte kaum jemanden. Israel ist ein Land voller Widerspr\u00fcche. Das &#8220;Lied f\u00fcr den Frieden&#8221; wurde zur zweiten Nationalhymne. Radiosender spielten es rauf und runter, alle sangen mit, Kinder, Soldaten, orthodoxe Juden. Israel war verliebt in den Frieden. Und in Miri Aloni, die&nbsp;Friedenss\u00e4ngerin.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernsehen gab es zwei Kan\u00e4le, Aloni lief st\u00e4ndig. Damals in den Siebzigern sei es leicht gewesen, ber\u00fchmt zu werden, sagt sie heute. Sie spielte in Musicals und Filmen, sang den Titel f\u00fcr die bekannteste israelische Soap und gr\u00fcndete&nbsp;<em>Apocalypse<\/em>, eine israelische Rockband. Auch als es sp\u00e4ter ruhiger um Aloni wurde, rief man sie, wann immer es darum ging, f\u00fcr Frieden zu werben. Frieden mit \u00c4gypten, Frieden mit Jordanien, Frieden mit den Pal\u00e4stinensern. Das Lied war ihre Bestimmung und sollte zu ihrer B\u00fcrde&nbsp;werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man Aloni fragt, was sie pers\u00f6nlich \u00fcber die Pal\u00e4stinenser denkt, sagt sie, dass es ihr gr\u00f6\u00dfter Wunsch w\u00e4re, den Friedensschluss noch zu erleben. Sie bezeichnet sich als stolze, nichtreligi\u00f6se Israelin, die wie alle in ihrem Volk von der Angst zerfressen sei, ausgel\u00f6scht zu&nbsp;werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8220;Den, dessen Licht erloschen, der im Staub begraben liegt<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>wird bitteres Weinen nicht erwecken, nicht zur\u00fcckbringen.&#8221;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am 4. November 1995 str\u00f6men mehr als 100&nbsp;000 Menschen zu einer Kundgebung in Tel Aviv, um Premier Jitzchak Rabins Einsatz f\u00fcr den Frieden mit den Pal\u00e4stinensern zu unterst\u00fctzen. Galt der Politiker noch w\u00e4hrend der ersten Intifada als Hardliner, der den Pal\u00e4stinensern &#8220;Arme und Beine brechen&#8221; wollte, vertritt er inzwischen die Meinung, dass der Volksaufstand nicht milit\u00e4risch niederzuschlagen sei. Sein Name steht f\u00fcr die Oslo-Abkommen, die den Nahostkonflikt beenden sollen. 1994 erh\u00e4lt er daf\u00fcr zusammen mit Au\u00dfenminister Schimon Peres und dem Chef der Pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde, Jassir Arafat, den Friedensnobelpreis. Noch im September 1995 unterschreiben Rabin und Arafat das Oslo-II-Abkommen, das dem Gro\u00dfteil der Pal\u00e4stinenser Autonomie&nbsp;zuspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Er hatte ein schweres Jahr hinter sich&#8221;, sagt Aloni. Die rechte Opposition protestiert heftig: Rabin setze die Sicherheit Israels aufs Spiel, verschenke das Heilige Land an den Feind. Auf Plakaten bilden sie ihn in SS-Uniform ab, mit der Kufija, dem Pal\u00e4stinensertuch, tragen einen Sarg mit seinem Bild durch die Stra\u00dfen. Ende 1995 vergeht kein Abend, an dem die Demonstranten nicht vor seinem Haus stehen und ihren Hass zu ihm hinaufschreien. Am 4. November will die Friedensbewegung Rabin auf dem Platz der K\u00f6nige Israels zeigen, dass sie hinter ihm&nbsp;steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist warm an diesem Novemberabend, als Rabin gegen 20 Uhr auf die B\u00fchne tritt, um eine kurze Rede zu halten. Drei Hubschrauber kreisen \u00fcber dem Platz, Scharfsch\u00fctzen sind auf den umliegenden Hausd\u00e4chern positioniert. &#8220;Diese Regierung&#8221;, sagt der 73-j\u00e4hrige Premier, &#8220;hat sich entschieden, dem Frieden eine Chance zu geben &#8211; einem Frieden, der die meisten Probleme Israels l\u00f6sen&nbsp;wird.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist Miri Aloni an der Reihe. Noch nie hat sie vor so vielen Menschen gesungen. Begleitet von arabischen Geigen und Gitarren, stimmt sie das Lied f\u00fcr den Frieden an, erst auf Arabisch, dann auf Hebr\u00e4isch. Jitzchak Rabin und Schimon Peres stehen am B\u00fchnenrand, als Aloni sie zu sich heranwinkt. &#8220;Das h\u00e4tte sich sonst niemand getraut&#8221;, sagt sie heute, aber es habe sich in diesem Moment einfach richtig angef\u00fchlt. Rabin, als sch\u00fcchterner und bescheidener Mann bekannt, liest den Refrain von einem Zettel ab und brummt leise in das Mikrofon, das Aloni ihm unter die Lippen&nbsp;h\u00e4lt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8220;Darum singt einfach dem Frieden ein Lied, und fl\u00fcstert ein Gebet,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>doch besser: Singt mit lautem Schreien ein Lied f\u00fcr den Frieden.&#8221;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Rabin wenig sp\u00e4ter am B\u00fchnenrand das Liedblatt zusammenfaltet und in seine Brusttasche steckt, umarmt Aloni die Frau des Premiers. &#8220;Pass gut auf ihn auf&#8221;, sagt Aloni zu ihr. &#8220;Ich gebe mein Bestes&#8221;, antwortet Lea Rabin. Aloni nimmt ihre beiden S\u00f6hne Yossef und Jeremia an der Hand und verl\u00e4sst gegen 21.45 Uhr mit ihrem Mann Schmulik die B\u00fchne. Die Rabins folgen ihr nur kurz darauf. Nach ein paar Metern fallen drei Sch\u00fcsse. &#8220;Pah, pah, pah&#8221;, ahmt Aloni sie nach. Ihre Augen sind weit aufgerissen, Tr\u00e4nen haben sich darin gesammelt. Ihre Hand formt zitternd eine Pistole, die Neun-Millimeter-Baretta, mit der der nationalreligi\u00f6se Jurastudent Jigal Amir Premier Rabin auf dem Weg zu seinem Auto in den R\u00fccken geschossen hat. &#8220;Wir haben uns auf den Boden geworfen, mein Sohn Jeremia schrie &#8216;Mami, ich will nicht sterben'&#8221;, erinnert sie&nbsp;sich.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">&#8220;Niemand wird uns zur\u00fcckf\u00fchren aus dem tiefen, dunklen Grab&#8230;&#8221;<\/h3>\n\n\n\n<p>Aloni st\u00fctzt ihre Stirn in die Hand. Sie zittert. &#8220;Dann rief jemand, &#8216;es ist nichts passiert'&#8221;. Sie sieht eine Menschentraube, Autos, die schnell abfahren. Aloni nimmt ihre Kinder und eilt davon. Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass es der Attent\u00e4ter selbst war, der die vermeintliche Entwarnung gab. Er hatte Rabin mit zwei Sch\u00fcssen in Lunge und Wirbels\u00e4ule getroffen. Als Aloni gegen 22.15 Uhr zu Hause den Fernseher anschaltet, ist Jitzchak Rabin tot. &#8220;Wir sind zusammengebrochen&#8221;, sagt sie mit belegter Stimme, &#8220;wir schrien und weinten so laut, bis unsere S\u00f6hne uns anflehten aufzuh\u00f6ren. Unser Herz war gebrochen.&#8221; Die Zeilen ihres Liedes z\u00e4hlten zu Rabins letzten Worte, sie stehen auf einem blutgetr\u00e4nkten Zettel aus seiner&nbsp;Brusttasche.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8220;Niemand wird uns zur\u00fcckf\u00fchren aus dem tiefen, dunklen Grab;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hier helfen weder Siegesjubel noch Freudenlieder.&#8221;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Terroranschlag traumatisiert das Land. Dass ein Jude einen Juden umbringt, war unvorstellbar. Mit Jitzchak Rabin stirbt der Traum vom Frieden in Nahost. Und f\u00fcr Miri Aloni beginnt eine neue Zeitrechnung. Der Tag, der der H\u00f6hepunkt ihrer Karriere werden sollte, wird zu ihrer gr\u00f6\u00dften Niederlage. Der Punkt, von dem an alles bergab ging, so sieht sie es&nbsp;heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sitzt in ihrer Wohnung in Tel Aviv auf einem Lehnstuhl, den sie Prinzessinnenstuhl nennt, und h\u00f6rt ihre eigenen Lieder. Es ist die bequemste Sitzm\u00f6glichkeit in der Eineinhalbzimmerwohnung, in der sie mit ihrem Mann lebt. 35 Quadratmeter; K\u00fcche, Esstisch und Alonis Bett sind in einem Raum, ihr Mann Schmulik schl\u00e4ft im Nebenzimmer. Die Wand ist kaum zu sehen. An nahezu jeder Stelle h\u00e4ngen Bilderrahmen mit Fotos von der Familie, der S\u00e4ngerin, Erinnerungen und&nbsp;Souvenirs.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Rabins Tod bittet Miri Aloni den Autor des Friedensliedes, eine Zeile umzuschreiben. Sie will nicht mehr singen &#8220;lasst die Gegangenen hinter euch&#8221;, sondern &#8220;gedenkt der Gegangenen&#8221;. Rotbilt willigt&nbsp;ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Nacht wird Aloni das Symbol f\u00fcr die nationale Trag\u00f6die. In einem Land, in dem die Einwohner st\u00e4ndig darum ringen, die permanente Bedrohung, die Anschl\u00e4ge und den Krieg zu vergessen, wird die S\u00e4ngerin Teil der kollektiven Verdr\u00e4ngung: &#8220;Niemand wollte mehr das Friedenslied h\u00f6ren, kein Radiosender hat mehr meine Platten&nbsp;gespielt.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Ende der Neunzigerjahre steht die S\u00e4ngerin vor dem finanziellen Ruin, als ein Anruf aus Deutschland kommt. Ob sie ein Konzert zur J\u00fcdischen Woche in Berlin singen wolle? Jiddische Lieder, Chansons, Klezmer-St\u00fccke, Interpretationen von Bertolt Brecht und Kurt Weill aus der Dreigroschenoper und nat\u00fcrlich das Lied f\u00fcr den Frieden. Aloni nimmt dankbar an, ihr Auftritt wird ein Erfolg. Sie bleibt in Deutschland, wo sie als &#8220;israelischer Weltstar&#8221; angek\u00fcndigt wird. &#8220;Die Entscheidung war schwer, ich wollte meine Familie nicht zur\u00fccklassen, aber ich musste doch Geld verdienen&#8221;, sagt sie. Doch der Durchbruch gelingt ihr auch in Deutschland nicht&nbsp;mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in Tel Aviv ger\u00e4t ihre Familie in Schwierigkeiten. Ihr Mann muss f\u00fcr eine Operation ins Krankenhaus, die S\u00f6hne kommen erst ins Internat, sp\u00e4ter schaltet sich das Jugendamt ein. Aloni holt Yossef, ihren j\u00fcngeren Sohn, nach Berlin, Jeremia bleibt in Israel. &#8220;Er hat sich verraten und verlassen gef\u00fchlt&#8221;, sagt sein Bruder Yossef heute. &#8220;Das habe ich auch, aber trotzdem wollte ich bei meiner Mutter sein.&#8221; Yossef, 28 Jahre alt, ist heute Musiker. Er nimmt gerade eine Platte auf, seine Mutter soll darauf im Hintergrund singen. Ab und zu werden die beiden auf Konzerte eingeladen, meistens zu einem Gastauftritt, oft vor weniger als hundert&nbsp;Zuh\u00f6rern.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer der W\u00e4nde h\u00e4ngt ein ausgeblichenes Foto. Ein junger Mann, ernster Blick, rasiertes Haar, freier Oberk\u00f6rper, dicke Goldkette. Jeremia ist Rapper. Er will zu seinen Eltern Kontakt haben. &#8220;Ich werde es mir nie verzeihen, dass ich meine Kinder verlassen habe&#8221;, sagt seine Mutter. &#8220;Jeremia ist sehr w\u00fctend auf mich, und ich verstehe ihn. Ich w\u00fcnsche mir so sehr, dass er nach Hause kommt.&#8221; W\u00e4re der 4. November 1995 nicht gewesen, sagt sie, k\u00f6nnte Jeremia noch bei ihnen&nbsp;sein.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8220;Erhebt eure Augen in Hoffnung, schaut nicht durch Zielfernrohre,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>singt ein Lied der Liebe, nicht des Krieges.&#8221;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach einigen Jahren kehrt Aloni nach Israel zur\u00fcck. Wieder steht sie vor dem Nichts. Freunde erz\u00e4hlen ihr von dem K\u00fcnstlermarkt an der Carmel-Stra\u00dfe. Seit mehr als zehn Jahren singt die 65-J\u00e4hrige &#8211; sofern es ihre Bronchitis zul\u00e4sst &#8211; zweimal in der Woche am Eingang des Marktes ihre Lieder. &#8220;Als ich sie da zum ersten Mal gesehen habe, war ich geschockt&#8221;, sagt der bekannte Radio-Moderator Yoav Kutner. &#8220;Ich dachte, sie bettelt jetzt, ich habe mich f\u00fcr sie gesch\u00e4mt. Aber als sie eine Weile beobachtet habe, dachte ich, sie macht das mit W\u00fcrde. Sie gibt sich nicht&nbsp;auf.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 46 Jahren singt sie das Friedenslied. Immer wieder fragen die Menschen danach. &#8220;Es vergeht kein Tag in meinem Leben, an dem ich nicht auf Rabin angesprochen werde&#8221;, sagt sie. Der Frieden in Nahost ist fern, die Gespr\u00e4che stagnieren, das Misstrauen in der Gesellschaft nimmt zu. Miri Aloni, die heute noch vom Frieden tr\u00e4umt, sitzt auf der Stra\u00dfe. Die Israelis werfen ein paar Schekel, die M\u00fche ist lobenswert, aber illusorisch. Vor ein paar Jahren hat Miri Aloni ein Lied geschrieben, es hei\u00dft &#8220;Lashir ad&nbsp;Klot&#8221;:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8220;Sing, bis zum letzten Atemzug<\/em>!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Foto: Sebastian Cunitz<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Online auch zu lesen auf:<\/em> <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/leben\/historie-ein-lied-von-blut-und-frieden-1.2712573\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"s\u00fcddeutsche.de (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">s\u00fcddeutsche.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/p>\n<p>Miri Aloni war eine ber\u00fchmte S\u00e4ngerin in Israel. Kurz bevor Jitzchak Rabin 1995 ermordet wurde, stand sie mit ihm auf der B\u00fchne. 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