{"id":234393,"date":"2022-08-19T12:22:13","date_gmt":"2022-08-19T10:22:13","guid":{"rendered":"https:\/\/eva-lindner.com\/?p=234393"},"modified":"2026-05-20T00:05:21","modified_gmt":"2026-05-19T22:05:21","slug":"meine-vielen-ichs-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eva-lindner.com\/en\/meine-vielen-ichs-und-ich\/","title":{"rendered":"Meine vielen Ichs und ich"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wer sich gut zu pr\u00e4sentieren wei\u00df, ist klar im Vorteil. Nur, wie geht das? Und was, wenn das Leben nicht immer rundl\u00e4uft? Wir haben eine Rapperin gefragt, einen Ex-H\u00e4ftling und eine Philosophin<\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>von Eva Lindner, Zeit Wissen Magazin, 22. Februar 2022<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mach Papa stolz, werde reich und bleibe Single \/ Und f\u00fcr immer traue ich nur meinem Wort und meiner Klinge Bin geborn, um zu verliern, doch ich gewinne \/ Und die Tropfen an mein\u2019n Fingern sind Blut und keine Tinte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist Liz. 23 Jahre alt. Rapperin. Ihr Song hei\u00dft&nbsp;<em>Mizgeburt.&nbsp;<\/em>Sie rappt aggressiv, abgehackt, atemlos. In den Videos posiert sie mit Drogen, Waffen, Doberm\u00e4nnern; in den Kulissen einer Unterwelt mit eigenen Codes, in der Gangs, Spieler und Dealer regieren. Liz pr\u00e4sentiert sich als deren K\u00f6nigin mit Rolex auf Frankfurter Hausd\u00e4chern und in fetten Karren, bei\u00dft in blutige Steaks, umnebelt vom Rauch der Joints, \u00fcber ihr Gesicht huscht das Flackern von Blaulicht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mama, ich w\u00e4r gern wieder Kind. Dass du alles f\u00fcr mich tust, bis das Fieber sinkt \/ Mama, du bist meine K\u00f6nigin, die sch\u00f6nste aller M\u00fctter, aller L\u00f6winnen \/ Mama, ich bleibe da bei dir, auch wenn die Welt einbricht, bin ich nah bei dir.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist Liz. 23 Jahre alt. Rapperin. Ihr Song hei\u00dft&nbsp;<em>Mama.&nbsp;<\/em>Sie rappt melodisch, gef\u00fchlvoll, verletzt. Sie erz\u00e4hlt von einer Kindheit mit ihrer blinden Mutter, von der Scheidung der Eltern, ihrer Jugend auf der Stra\u00dfe, vollgepumpt mit Ritalin. Sie offenbart, dass sie sich \u2013 als sie 14 Jahre alt war \u2013 mit Messern in ihren Arm ritzte, ihr Leben ausl\u00f6schen wollte, dass sie monatelang in einer geschlossenen Klinik war, jahrelang in Therapie.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau. Zwei Erz\u00e4hlungen. Zwei von vielen. Liz wechselt sie wie ihre Trainingsanz\u00fcge von Eintracht Frankfurt. Mal ist sie Drogenbaronin, mal einsames Kind. Mal gl\u00e4nzt sie mit ihren Diamanten unter Stra\u00dfenlaternen, mal klaffen die Wunden offen auf, die sich seit ihrer Jugend in K\u00f6rper und Seele gefressen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Liz erz\u00e4hlt in ihrer Musik immer wieder eine andere Seite von sich und von ihrem Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir alle tun das. Vielleicht nicht so extrem und \u00f6ffentlich wie eine Rapperin, doch auch wir pr\u00e4sentieren in verschiedenen Situationen verschiedene Teile unserer Lebensgeschichte. Je nachdem, ob wir auf einem Date sind, bei einer Wohnungsbesichtigung oder beim Klas- sentreffen, ob wir gerade Spa\u00df haben wollen oder die Liebe oder den Job unseres Lebens suchen. Aber es gibt eine gro\u00dfe Frage, die all diese Situationen verbindet, die uns im Leben immer wieder gestellt, die nur selten so ausgesprochen wird \u2013 und die im Ganzen sowieso kaum zu beantworten ist: \u00bbWer bist du?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>In einer lockeren Begegnung wird die Auswahl und Dramaturgie, die wir f\u00fcr die Antwort w\u00e4hlen, eine andere sein, als wenn wir eine ernsthafte Verbindung eingehen wollen. Das eine Mal pr\u00e4sentieren wir vielleicht eine lustige Heldengeschichte oder lassen bewusst L\u00fc- cken, um Spannung zu erzeugen. Das andere Mal erz\u00e4hlen wir von unseren Tiefpunkten, D\u00e4monen oder von Wendungen, die unser Leben nahm. Weil wir eben nicht nur eine Person auf dem einen Weg sind, sondern das Leben wie ein Sammelband aus verschiedenen Er- z\u00e4hlungen besteht, mal mehr, mal weniger mit einem roten Faden verbunden. Und weil die Facetten, die wir jeweils ausw\u00e4hlen, immer nicht nur daf\u00fcr stehen, wer wir sind, sondern auch: wer wir sein wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie aber pr\u00e4sentiert man sich gut? Ohne zu dominant zu wirken, zu angeberisch oder zu unsicher? Es wird hier, so viel sei vorweggenommen, nicht um Power- Posen gehen, nicht um Atem- und Sprech\u00fcbungen, perfekt geschliffene Lebensl\u00e4ufe oder rhetorische Kniffs zum \u00dcberspielen von Stresssituationen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBleibe echt\u00ab ist Liz\u2019 Leitspruch, der Claim, den sie in ihren Videos und Songs wiederholt. Mittlerweile feiern Musikmagazine die Frankfurterin als Newcomerin. Ende Januar dieses Jahres erschien ihr Deb\u00fctalbum&nbsp;<em>Mona Liza,&nbsp;<\/em>das die Rap-Szene aufmischt, ihrem Insta- gram-Profil \u00bbbleibe.liz\u00ab folgen 54.000 Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hei\u00dft das, \u00bbecht sein\u00ab? Wie zeigt man sich \u00bbecht\u00ab im Rap, einer Branche, die die Inszenierung von Authentizit\u00e4t perfektioniert hat, die \u00bbreal sein\u00ab zum Statussymbol erhoben hat? Liz sagt am Telefon: \u00bbIch war immer die Harte, die Coole, die Krasse, um mir auf der Stra\u00dfe und als Frau im Rap Respekt zu verschaffen. Emotionen zeigen fand ich schwach. Ich wollte Gesch\u00e4ft und Privates trennen, mich sch\u00fctzen.\u00ab Sie lacht viel, ist fr\u00f6hlich, verbindlich. \u00bbRumgelaufen bin ich aber mit lang\u00e4rmligen Oberteilen, damit niemand die Narben auf meinen Armen sieht. Damit niemand wirklich wei\u00df, wer ich war und wer ich bin.\u00ab Und auch das geh\u00f6rt zu ihr: Mit 17 zog sie allein ins Saarland, um Abitur zu machen, fuhr nach Paris, um sich die <em>Mona Lisa&nbsp;<\/em>anzuschauen. Oder das: Sie brach in L\u00e4den ein, stahl Geld, stand immer mit einem halben Fu\u00df im Knast, wie sie sagt. Und das: Als der Erfolg kam, sprachen Jugendliche sie auf der Stra\u00dfe an, wollten ein Foto mit ihr<br>und sagten dann: \u00bbDu bist ja gar nicht so asozial, du bist ja eigentlich ganz nett.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer Wendepunkt war f\u00fcr mich, als ich erkannt habe, dass ich \u2013 ob ich will oder nicht \u2013 ein Vorbild f\u00fcr die Kids bin\u00ab, sagt Liz. Seitdem versuche sie, ihnen das Gef\u00fchl zu geben, dass sie nicht allein sind mit ihren \u00c4ngsten, dass Rapper auch Schw\u00e4chen haben. Seitdem zeigt sie ihre Narben, erz\u00e4hlt von ihrer blinden Mutter und wie es f\u00fcr sie war, wenn die anderen fragten: \u00bbWarum schielt die so komisch?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Facette von sich zu zeigen helfe auch ihr selbst: Radikale Akzeptanz nennt sie das. Sie k\u00f6nne schlie\u00dflich weder ihre Herkunft noch ihre Vergangenheit, noch die Fehler \u00e4ndern, die sie gemacht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass nicht alle Seiten von ihr immer und bei jedem auf Begeisterung sto\u00dfen, ist klar. Die einen w\u00fcnschen sich die alte, knallharte Liz zur\u00fcck, den anderen macht genau die Angst. Neulich habe sie ein Date gehabt. Um den Mann nicht einzusch\u00fcchtern, habe sie erst mal nicht \u00fcber ihre Musik gesprochen. Doch als er sie fragte, was sie beruflich mache, zeigte sie ihm eins ihrer Videos. Er: \u00bbSag mal, wenn ich eine andere haben sollte, stichst du mich dann im Schlaf ab?\u00ab Jetzt lacht sie laut, als sie das erz\u00e4hlt. Beim Date antwortete sie, er solle sich gut \u00fcber- legen, ob er das wirklich machen wolle. Manchmal verr\u00e4t man auch was \u00fcber sich, indem man nicht alles sagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage ihres Gegen\u00fcbers jedenfalls war, aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet, gar nicht so schlecht f\u00fcr ein Date. Vor einigen Jahren ver\u00f6ffentlichte der US-amerikanische Psychologe Arthur Aron eine Studie, die besagt, dass sich zwei Fremde schneller n\u00e4herkommen, wenn sie sich pers\u00f6nliche Fragen stellen. Das Herzst\u00fcck seiner Forschung ging um die Welt, er nannte es \u00bb36 Fragen, um sich zu verlieben\u00ab. Die gehen zum Beispiel so: \u00bbWenn du etwas an der Art, wie du erzogen wurdest, \u00e4ndern k\u00f6nntest, was w\u00e4re das?\u00ab, \u00bbGibt es etwas, wovon du schon lange tr\u00e4umst?\u00ab. Und: \u00bbWarum hast du es nicht getan?\u00ab, \u00bbWas ist deine schrecklichste Erinnerung?\u00ab, und der Klassiker: \u00bbWenn du w\u00fcsstest, dass du in einem Jahr stirbst, w\u00fcrdest du dann etwas an deiner jetzigen Lebensweise \u00e4ndern?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich nahekommen m\u00f6chte, so das Studienergebnis, muss sich offenbaren, sich verletzlich zeigen. Das sieht auch die Berliner Autorin Judith Poznan so. Mit ihrem k\u00fcrzlich erschienenen Deb\u00fctroman&nbsp;<em>Prima Aussicht&nbsp;<\/em>hat sie einen fr\u00f6hlichen Text dar\u00fcber geschrieben, wie sie, statt ein zweites Kind zu bekommen, mit Freund und (erstem) Kind einen Wohnwagen kauft und den Sommer auf einem Brandenburger Campingplatz verbringt.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stelle beschreibt sie r\u00fcckblickend die erste Verabredung mit ihrem Freund. Sie hatten vereinbart, sich schr\u00e4ge Geheimnisse \u00fcbereinander zu verraten. Dating ungehemmt: \u00bbIch erz\u00e4hlte ihm, meine Lieblingsbrust sei die rechte und dass ich sie beim Fernsehgucken gerne festhielte. Ich fand das sexy. Er hat dann gesagt, er sei nicht ganz richtig im Kopf. Zwangsst\u00f6rungen. Er sei deswegen schon mal in der Klapse gewesen. Und pl\u00f6tzlich war er derjenige, der sexy war.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schriftsteller Max Frisch hat schon 1972 elf Frageb\u00f6gen entworfen, die Menschen ins Gespr\u00e4ch bringen sollen. Darin geht es um Freundschaft, Ehe, Heimat oder Humor. Halten Sie sich f\u00fcr einen guten Freund? Was fehlt Ihnen zum Gl\u00fcck? Ist es Ihnen schon gelungen, die eigenen Kinder kennenzulernen, d. h. sie nicht als S\u00f6hne oder T\u00f6chter zu sehen? Wenn man sich zeigen und einen anderen Menschen kennenlernen m\u00f6chte, lohnt es sich, nicht zu lange bei den formalen Lebensabl\u00e4ufen zu verweilen und sich stattdessen von eigenen Haltungen, Werten und Gef\u00fchlen zu erz\u00e4hlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn egal ob beim Flirt, beim Nachbarschaftstreffen oder Vorstellungsgespr\u00e4ch, wichtiger, als die Zahlen und Fakten der Chronologie aufzuz\u00e4hlen, ist es, ein Gef\u00fchl der Verbundenheit herzustellen. Daf\u00fcr muss man kein Seminar in Storytelling besucht haben. Aber es braucht die Bereitschaft, sich auf die jeweilige Situation und das Gegen\u00fcber einzulassen. Die Bereitschaft, im eigenen Leben nach Geschichten und Erfahrungen zu kramen, die vielleicht zu einer Br\u00fccke werden k\u00f6nnen, zum anderen hin\u00fcber. Das k\u00f6nnen kleine lustige Anekdoten ebenso sein wie gro\u00dfe Dramen. Je nach Umstand, Lust und Laune. Wichtig ist nicht, das eigene Leben so zu verbiegen, dass es zu den vermeintlichen Anspr\u00fcchen des Gegen\u00fcbers passt \u2013 sondern es mit dem, was einen umgibt, zu verkn\u00fcpfen. Wo sind \u00dcberlappungen? Welche Haltungen habe ich, welche mein Gegen\u00fcber, und wie k\u00f6nnen wir sie gemeinsam weiterspinnen \u2013 oder uns aneinander reiben?<\/p>\n\n\n\n<p>Die US-amerikanische Schriftstellerin, Professorin und B\u00fcrgerrechtlerin Maya Angelou schrieb: \u00bbDie Menschen werden vergessen, was du<br>gesagt hast. Die Menschen werden vergessen, was du getan hast. Aber die Menschen werden nie vergessen, was sie bei dir gef\u00fchlt haben.\u00ab Nur was, wenn die eigene Geschichte so unangenehm ist, dass man sie nicht mit dem Jetzt verkn\u00fcpfen will? Was, wenn man sie lieber vergessen oder ausblenden will, weil man sich sch\u00e4mt, sich schuldig f\u00fchlt, weil sie schmerzt?<\/p>\n\n\n\n<p>Als Jens S\u00f6ring am 17. Dezember 2019 auf dem Frankfurter Flughafen landete, nach 33 Jahren Haft in den USA, abgeschoben, frei auf Bew\u00e4hrung, waren die Kameras auf ihn gerichtet, und es schien, als frage das ganze Land: \u00bbWer bist du wirklich?\u00ab Ein brutaler Doppelm\u00f6rder oder ein unschuldiges Opfer, das mehr als sein halbes Leben lang zu Unrecht im Gef\u00e4ngnis sa\u00df?<\/p>\n\n\n\n<p>Jens S\u00f6ring war 19 Jahre alt, als die Polizei ihn wegen des Mordes an den Eltern seiner damaligen Freundin festnahm. Der Diplomatensohn bekannte sich zun\u00e4chst schuldig, sp\u00e4ter widerrief er sein Gest\u00e4ndnis. Das Gericht verurteilte ihn: zweimal lebenslang. Bis heute ist S\u00f6ring nicht freigesprochen, Menschen in den USA d\u00fcrfen ihn weiterhin \u00bbM\u00f6rder\u00ab nennen. Er dagegen beteuert seit mehr als 30 Jahren seine Unschuld. Gerade hat er ein Buch ver\u00f6ffentlicht. In&nbsp;<em>R\u00fcckkehr ins Leben&nbsp;<\/em>schreibt der 55-J\u00e4hrige \u00fcber sein erstes Jahr in Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Jens S\u00f6ring l\u00e4chelt in die Videokamera, als er sich zum Online-Interview dazuschaltet. Sichtlich gl\u00fccklich erkl\u00e4rt er, dass hinter ihm seine K\u00fcche zu sehen ist, in seiner ersten eigenen Wohnung \u00fcberhaupt, die er nun in Hamburg bezogen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie pr\u00e4sentiert man sich, wenn andere einen nur mit den Bildern eines blutigen Mordes in Verbindung bringen? Wie erz\u00e4hlt man von einem verschwendeten Leben? Wie kann man einer solchen eigenen Lebensgeschichte nachtr\u00e4glich Sinn verleihen?<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig ist, dass Jens S\u00f6ring viele Interviews gibt, in denen er sehr viel preiszugeben scheint. Er spricht dar\u00fcber, wie ihn ein Mith\u00e4ftling im Gef\u00e4ngnis fast vergewaltigt h\u00e4tte, wie sich sein Zellenmitbewohner an seinem Bett erh\u00e4ngt hat, wie seine Familie mit ihm gebrochen hat. Wof\u00fcr ist diese Offenheit gut? \u00bbMein Grundproblem ist, dass ich einmal in meinem Leben gelogen habe\u00ab, sagt S\u00f6ring. Ob das nach seiner Flucht und Festnahme war, als er der Polizei den Mord gestand, oder etwas sp\u00e4ter, als er vor Gericht das Gest\u00e4ndnis zur\u00fccknahm, das wei\u00df nur er. Seine gro\u00dfe Frage seitdem: \u00bbWie rede ich mit Menschen, die wissen, ich habe einmal krass gelogen? Wie gewinne ich Glaubw\u00fcrdigkeit zur\u00fcck?\u00ab Seine Antwort: \u00fcber alles sprechen, keinen Raum f\u00fcr Unbeantwortetes lassen, f\u00fcr Interpretationen, f\u00fcr Annahmen. \u00bbMir ist klar geworden, dass ich mit den Fakten zur Tatnacht niemanden \u00fcberzeugen kann. Erst wenn man das Risiko eingeht, sich zu \u00f6ffnen, sehen die Menschen, dass man echt ist, und h\u00f6ren einem zu.\u00ab Das wusste auch schon Theodor W. Adorno. In seinen&nbsp;<em>Minima Moralia&nbsp;<\/em>schrieb er \u00fcber das richtige Leben: \u00bbGeliebt wirst du einzig, wo schwach du dich zeigen darfst, ohne St\u00e4rke zu provozieren.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner R\u00fcckkehr h\u00e4tten ihm manche geraten, seinen Namen zu \u00e4ndern, abzutauchen, neu anzufangen, sagt S\u00f6ring. Aber wie sieht ein Bewerbungsgespr\u00e4ch aus mit einem Lebenslauf, der lediglich das Geburtsdatum und ein abgebrochenes Studium in den USA enth\u00e4lt? Was sollte er auf die Frage \u00bbWas machen Sie beruflich?\u00ab antworten? Und auf andere Fragen zu seinem Leben? Wie kann sich eine Freundschaft, geschweige denn eine Beziehung entwickeln, wenn einer nicht \u00fcber Vergangenes reden will? \u00bbIch kann vor meiner Geschichte nicht davonrennen. Ich h\u00e4tte liebend gern ein anderes Leben gelebt, w\u00e4re gern ein normaler Typ gewesen\u00ab, sagt er. Wie das eigene Leben laufe, k\u00f6nne man aber nicht immer mitbestimmen. Wie man mit seiner Biografie umgehe, schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Jens S\u00f6ring hat sich daf\u00fcr entschieden, seine Geschichte zu verkaufen. Er hat ja nichts gelernt, kann nichts, au\u00dfer mit Menschen und W\u00f6rtern umzugehen, sagt er. Er schreibt jetzt B\u00fccher, ist mit einem gro\u00dfen Streamingdienst in Kontakt, der eine Doku \u00fcber ihn plant, versucht, als Redner und Berater zu Resilienz gebucht zu werden. \u00bbIch will etwas weiterreichen, damit die 33 verlorenen Jahre einen Wert<br>bekommen. Wenn Menschen sehen, da ist jemand durch die H\u00f6lle gegangen und hat es rausgeschafft, glauben sie vielleicht, dass sie es auch schaffen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Wie lange tr\u00e4gt ein neues Leben, das auf dem alten fu\u00dft? Was ist, wenn selbst die gr\u00f6\u00dfte Geschichte auserz\u00e4hlt ist? Wenn alle sie geh\u00f6rt haben? \u00bbW\u00e4re das nicht wundersch\u00f6n?\u00ab, fragt Jens S\u00f6ring in seiner Wohnung und l\u00e4chelt. Die M\u00f6glichkeit einer neuen Erz\u00e4hlung \u2013 vielleicht irgendwann \u2013, das w\u00fcnsche er sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es Menschen nicht gut damit geht, wenn die Geschichte, die sie sich selbst erz\u00e4hlen, eine andere ist als die, die sie nach au\u00dfen erz\u00e4hlen, sagt auch Yvonne Ke\u00dfel. Sie ist Psychologin in Frankfurt am Main. Kognitive Dissonanz nennt sie das. Kognitive Dissonanz muss Rapperin Liz versp\u00fcrt haben, solange sie f\u00fcr ihre Fans nur die krasse Stra\u00dfenrapperin war, sich zu Hause aber um ihre blinde Mutter gek\u00fcmmert hat. Kognitive Dissonanz h\u00e4tte Jens S\u00f6ring vielleicht versp\u00fcrt, wenn er auf den Rat geh\u00f6rt h\u00e4tte, die Identit\u00e4t zu wechseln und seine Vergangenheit zu leugnen. Kognitive Dissonanz kann ein Mann im Homeoffice versp\u00fcren, der verschweigt, dass die Kinder in Quarant\u00e4ne zu Hause sind, und versucht, den Schein aufrechtzuerhalten, seiner Arbeit normal nachgehen zu k\u00f6nnen. Kognitive Dissonanz kann eine Frau versp\u00fcren, die eine lange Auszeit im Bewerbungsgespr\u00e4ch zu etwas anderem macht, als es f\u00fcr sie in Wahrheit war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs ist ungesund, wenn wir Teile unserer Lebensgeschichte verdr\u00e4ngen, isolieren oder abspalten. Dann m\u00fcssen wir die Dissonanz zwischen dem Bild, das wir von uns haben, und unserem Verhalten im Kopf aufl\u00f6sen, und das ist sehr anstrengend\u00ab, sagt Ke\u00dfel. Ges\u00fcnder sei es, Br\u00fcche im Leben zu integrieren. \u00bbWichtig ist, r\u00fcckblickend nach Erkl\u00e4rungen zu suchen, nach einem roten Faden im Leben, der meine Geschichte erst mal f\u00fcr mich selbst stimmig werden l\u00e4sst\u00ab, sagt die Psychologin. Es gehe nicht darum, jedem alles \u00fcber sich zu erz\u00e4hlen, sondern im ersten Schritt eine Antwort f\u00fcr sich selbst zu finden. <\/p>\n\n\n\n<p>Wer zu einem Treffen mit alten Schulfreunden oder einem Bewerbungsgespr\u00e4ch gehe und seit f\u00fcnf Jahren arbeitslos sei, sch\u00e4me sich vielleicht. Aber wer dann l\u00fcgt, dem geht es auch nicht gut. \u00bbDie Arbeitslosigkeit sagt ja erst mal nichts \u00fcber mich aus, sondern mein Umgang damit\u00ab, sagt Ke\u00dfel. \u00bbWenn ich einen Weg finde, diese Erfahrung in mein Leben einzusortieren, mir zu erkl\u00e4ren, warum das passiert ist, was ich daraus gelernt habe und wof\u00fcr das vielleicht sogar gut ist, dann kann ich es auch anderen erkl\u00e4ren.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Fragen beim Klassentreffen k\u00f6nnen durchaus an unangenehmen Stellen bohren: \u00bbAh, du studierst jetzt wieder?\u00ab, \u00bbWohnst du etwa immer noch hier?\u00ab, \u00bbAch, und du hast jetzt doch den Laden deiner Eltern \u00fcbernommen?\u00ab, \u00bbBist du echt immer noch mit dem Bernd zusammen?\u00ab. Bis alle sich verglichen haben, die Kluft zwischen den Dagebliebenen und den Weggezogenen einmal aufgegraben und notd\u00fcrftig wieder zugesch\u00fcttet haben, sind meist schon ein paar Stiche versetzt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Annemarie Pieper ist heute 81 Jahre alt und ist jahrzehntelang nicht zum Klassentreffen gegangen. Ihre Geschichte sei nicht vermittelbar gewesen, sagt sie. Immer habe ihr Gegen\u00fcber seine Haltung ver\u00e4ndert, wenn sie sagte: \u00bbIch lehre Philosophie.\u00ab Das Fach galt in den Siebzigern und Achtzigern als \u00bbM\u00e4nnerdom\u00e4ne\u00ab, Frauen hatten da nichts zu suchen. Privat hielt sie jahrelang geheim, was sie beruflich machte. \u00bbWenn ich mit Freunden ausging, rieten die mir, blo\u00df nichts zu sagen.\u00ab Eine Frau, die sich in dieser Zeit unabh\u00e4ngig von ihrem Partner machte, sei vielen nicht geheuer gewesen. Die m\u00fcsse karrieregeil und \u00fcberehrgeizig sein, hie\u00df es dann. Aber als sie 1981 auf den Lehrstuhl in Basel berufen wurde, dachte sie sich: \u00bbLeckt mich, jetzt sag ich\u2019s.\u00ab Annemarie Pieper war eine der allerersten Frauen, die im deutschsprachigen Raum einen Lehrstuhl f\u00fcr Philosophie innehatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Alter von 60 Jahren gab sie ihn dann wieder auf, und zwar, um Romane zu schreiben. \u00bbAlle dachten, ich sei verr\u00fcckt. Das Geld, das Ansehen, alles aufzugeben, wof\u00fcr ich so hart gearbeitet habe\u00ab, sagt sie. Sie selbst aber fand, 35 Jahre an der Uni seien genug. Und als sie ihre Romane schrieb, traute sie sich auch wieder zu einem Klassentreffen. Allerdings: Wie sie den anderen da von sich und ihrem Leben erz\u00e4hlen wollte, kam wieder nicht so gut an \u2013 vor lauter Freude \u00fcber ihre neue T\u00e4tigkeit hatte sie allen vorab eines ihrer B\u00fccher geschickt. \u00bbDa habe ich wohl einen Fehler gemacht. Die haben mir das als Hochmut ausgelegt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Am meisten w\u00fcrden sich heute die Leute daf\u00fcr interessieren, wie sie es damals geschafft habe, sich als einzige Frau unter M\u00e4nnern durchzusetzen. \u00bbDie Menschen sind vor allem von den unwahrscheinlichen, von den \u00fcberraschenden Lebensl\u00e4ufen fasziniert, von den Tiefpunkten und wie man da wieder herauskommt. Welche Rolle die eigene Leistung spielte, der Zufall und das Gl\u00fcck\u00ab, sagt Pieper. Das lange nicht Sagbare sei heute eine ihrer h\u00e4ufigsten Erz\u00e4hlungen \u00fcber sich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn es dann fertig ist, das Abklopfen beim Klassentreffen, das Bewerten, wenn sich vielleicht ein bisschen die eigene Best\u00e4tigung eingestellt hat, schon irgendwie okay zu sein, dann ist der Weg auch frei f\u00fcr die \u00bbWei\u00dft du noch?\u00ab-Geschichten: Das alte Gef\u00fchl der Gruppe lebt wieder auf, die Verbindung, die Erinnerung an das gemeinsame Leben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Eva Lindner<\/em>&nbsp;<em>\u00fcbt sich gerade in einer neuen Geschichte: warum sie mit ihrer Familie nach Spanien gezogen ist. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung dabei: das Erz\u00e4hlen in korrektem Spanisch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bild: <a href=\"http:\/\/www.julianbaumann.com\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Julian Baumann<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeit Wissen Magazin<\/p>\n<p>Wer sich gut zu pr\u00e4sentieren wei\u00df, ist klar im Vorteil. Nur, wie geht das? Und was, wenn das Leben nicht immer rundl\u00e4uft? 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