{"id":234421,"date":"2019-11-12T20:49:00","date_gmt":"2019-11-12T19:49:00","guid":{"rendered":"https:\/\/eva-lindner.com\/?p=234421"},"modified":"2026-05-20T12:11:28","modified_gmt":"2026-05-20T10:11:28","slug":"lebloser-teich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eva-lindner.com\/en\/lebloser-teich\/","title":{"rendered":"Lebloser Teich"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Tote Meer ist in den vergangenen 50 Jahren um ein Drittel geschrumpft. Jetzt soll eine Pipeline frisches Wasser bringen <\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>von Eva Lindner, Die Zeit, 12. Februar 2015 <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Shimon Shukrun k\u00f6nnte jeden Tag vom Erdboden verschluckt werden. Wenn er auf der Veranda vor seinem Haus steht und auf das Tote Meer hinaus blickt, wenn er zu seinem Auto geht und zum Einkaufen f\u00e4hrt oder wenn seine Enkelkinder zu Besuch sind und er mit ihnen im Garten spielt. Jederzeit k\u00f6nnte &#8211; wie in einem Hollywoodfilm &#8211; die Erde unter ihm aufrei\u00dfen und ihn in einen tiefen Krater ziehen. Die Gegend um sein Haus herum ist mit Schildern ges\u00e4umt, die auf Hebr\u00e4isch, Arabisch und Englisch vor L\u00f6chern im Erdboden warnen. Neben dem Bungalow des 66 Jahre alten Israelis befinden sich die \u00dcberreste eines alten Campingplatzes mit der Ruine eines Waschhauses, eines Pubs und verrostete Metallger\u00fcste.\u00a0<sup>\u00ad<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVor Jahren ist auf dem Campingplatz eine Putzfrau mit ihrem Reinigungswagen \u00fcber einen gepflasterten Weg gelaufen, als pl\u00f6tzlich die Erde unter ihr nachgegeben hat\u201c, erz\u00e4hlt Shukrun, der seit \u00fcber 40 Jahren am Rande des Toten Meeres lebt. Damals hat er als Hausmeister auf dem Campingplatz, der zum nahe gelegenen Kibbuz Ein Gedi geh\u00f6rte, gearbeitet. Die Frau hat den Sturz in f\u00fcnf Meter Tiefe mit mehreren Br\u00fcchen \u00fcberlebt. Am n\u00e4chsten Tag haben die Beh\u00f6rden den Campingplatz geschlossen und \u00fcber 400 Touristen nach Hause geschickt. Shukrun ist als einziger geblieben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Putzfrau war eines der ersten Opfer der Schluckl\u00f6cher am Toten Meer. In den 80er-Jahren haben Anwohner das erste Mal einen Krater in der Erde entdeckt. Mittlerweile sind vier Verletzte und etwa 3000 L\u00f6cher dazu gekommen. Einmal ist ein Forscher in die Erde eingebrochen, 14 Stunden hat er in dem Graben ausgehaart. Als er schon nicht mehr an seine Rettung geglaubt hat, begann er, auf Klopapier Abschiedsbriefe an seine Familie zu schreiben. Schlie\u00dflich hat ihn das Rettungsteam der Region, das mittlerweile auf die Bergung aus den L\u00f6chern spezialisiert ist, doch noch gefunden und herausgezogen. Die Geschichte vom Forscher im Loch kennt jeder in der Region, sie wird gerne erz\u00e4hlt, um Besuchern deutlich zu machen, wie drastisch die Gefahr vor Ort sei.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man Luftaufnahmen, gleicht das Ufer des Toten Meers einer Kraterlandschaft, wie sie auch der Roboter \u201eCuriosity\u201c vom Mars schicken k\u00f6nnte. Mittlerweile kommt jeden Tag ein Loch dazu, sch\u00e4tzt&nbsp;&nbsp;die Hydrologin Carmit Ish Shalom, die im Kibbuz Ein Gedi lebt und seit vier Jahren am Toten Meer forscht. Die Schlunde rei\u00dfen unmittelbar auf und sind bis zu 20 Meter breit und ebenso tief. Es gleicht einem Wunder, dass noch niemand t\u00f6dlich verungl\u00fcckt ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Trichter entstehen, weil der Wasserspiegel des Toten Meeres absinkt. Dem zur\u00fcckweichenden Salzwasser dringt S\u00fc\u00dfwasser nach, das die unterirdische Salzschicht ausw\u00e4scht. So entstehen Hohlr\u00e4ume, \u00fcber denen die Oberfl\u00e4che einst\u00fcrzt. Dass das Tote Meer austrocknet, liegt wiederrum am Eingriff in den Jordan. Der einzige, einst m\u00e4chtige Zufluss pl\u00e4tschert heute nur noch als Rinnsal ins Tote Meer. Die Anrainer, vor allem Israel, aber auch Jordanien Syrien und Libanon, d\u00fcrsten nach seinem Wasser und zweigen 98 Prozent des Flusses f\u00fcr Haushalte, Landwirtschaft und Industrie ab. <\/p>\n\n\n\n<p>In den vergangenen 50 Jahren hat das Tote Meer ein Drittel seiner Oberfl\u00e4che eingeb\u00fc\u00dft. 2050 d\u00fcrfte nur noch ein kleiner Teich \u00fcbrig sein. \u201eDas Tote Meer ist ein Spiegel daf\u00fcr, wie wir unsere Umwelt behandeln\u201c, sagt Hydrologin Carmit Ish Shalom. \u201eNat\u00fcrlich brauchen wir S\u00fc\u00dfwasser, um zu leben, aber wenn wir so weiter machen, verlieren wir diesen einzigartigen Ort.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kann das Tote Meer gerettet werden? K\u00fcrzlich haben sich Israel, Jordanien und die Pal\u00e4stinenser auf ein gemeinsames Mammutprojekt geeinigt. Nach jahrzehntelanger Verhandlung wird nun ein 180 Kilometer langer Kanal vom Roten Meer zum Toten Meer gebaut, der den Salzsee auff\u00fcllen soll. Kosten: 400 Millionen Dollar (290 Mio. Euro). Daf\u00fcr sollen j\u00e4hrlich 200 Millionen Kubikmeter Wasser durch die Pipeline rauschen, 80 davon sollen in einer neuen Entsalzungsanlage in Jordanien zu Trinkwasser f\u00fcr die drei Anrainer aufbereitet werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Medien feierten die Einigung als Durchbruch angesichts der politischen Spannungen zwischen Israel und den Pal\u00e4stinensern und der stockenden Friedensverhandlungen. \u201eDie Politiker verkaufen uns doch f\u00fcr doof\u201c, sagt Gundi Shachal. Die deutsche Forscherin ist vor 30 Jahren nach Israel ausgewandert und lebt seitdem im Kibbuz Ein Gedi. F\u00fcr die jordanisch-israelisch-pal\u00e4stinensische Umweltschutzorganisation Friends of the Earth of the Middle East vertritt sie die W\u00fcstenregion am Toten Meer. \u201eJetzt tun alle so, als ob sie das Tote Meer retten, dabei ernten nur die Politiker Lorbeeren.\u201c Das Wasser aus der Pipeline lasse das Tote Meer in Wahrheit lediglich 10 Zentimeter im Jahre weniger sinken, der Wasserstand schrumpfe aber j\u00e4hrlich um mindestens einen Meter. Internationale Gelder lassen sich aber leichter f\u00fcr ein Umweltschutz-Projekt einsammeln, als f\u00fcr den regionalen\u00a0\u00a0Wasserkonsum. \u201eDer Kanal wird das Tote Meer nicht retten, im Gegenteil, er wird die Situation nur noch schlimmer machen\u201c, sagt  Shachal.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Das Tote Meer ist weltweit ein einmaliges Ph\u00e4nomen. Es liegt mehr als 420 Meter unter dem Meeresspiegel und damit am tiefsten trockenen Punkt der Erde. In der Tat ist es vielmehr ein See als ein Meer, da es auf einem Kontinent liegt und nicht mit anderen offenen Gew\u00e4ssern verbunden ist. Da das Tote Meer keinen Abfluss hat, bleiben alle Mineralien wie Brom, Magnesium und Kalium im Wasser erhalten. Es ist zehnmal salziger als der Atlantik, bis auf Mikroben lassen sich keine Lebewesen nachweisen. Deshalb bezeichnet man das Gew\u00e4sser als tot.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kanalbau birgt zahlreiche Risiken. Zum einen ist der Landstrich in Jordanien zwischen dem Roten und dem Toten Meer, wo die Pipeline verlaufen soll, Erdbebengebiet. Bei Ersch\u00fctterungen k\u00f6nnte Salzwasser in das lebensnotwendige Grundwasser gelangen. Manche Forscher vermutet zudem, dass sich bei dem Austausch der Gew\u00e4sser die rotbl\u00fchende Dunaliella-Alge bilden wird, die den Salzsee rotbraun einf\u00e4rben k\u00f6nnte. Au\u00dferdem w\u00fcrde sich das weniger salzige und leichtere Wasser des Roten Meeres nicht mit dem Wasser des Toten Meeres vermischen, sondern oben auf schwimmen. Hinzu kommt die Bildung von Gips, der als schleimige, wei\u00dfe Schicht auftauchen k\u00f6nnte. \u201eWer will darin dann noch schwimmen?\u201c, fragt Umweltaktivistin Shachal.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ist im kibbuzeigenen Spa Ein Gedi jeden Tag Badetag. Weil das Meer sich immer weiter zur\u00fcckzieht, zieht ein Traktor mit zwei Anh\u00e4ngern die Besucher mittlerweile 1,5 Kilometer \u00fcber den rissigen Boden bis zum Ufer. \u201eWir jagen dem Meer hinterher\u201c, sagt einer der Rettungskr\u00e4fte des Spas. Regelm\u00e4\u00dfig m\u00fcssen die Angestellten Liegest\u00fchle, Duschen und Wacht\u00fcrme n\u00e4her zum zur\u00fcckgewichenen Ufer aufr\u00fccken.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Touristen ist das Tote Meer ein Kurort mitten im Nahen Osten. Sie treiben unsinkbar wie Baumst\u00e4mme auf der Oberfl\u00e4che des Gew\u00e4ssers, lesen w\u00e4hrend des Badens Zeitung oder reiben sich mit dem mineralhaltigen Schlamm ein. 2013 reisten 160.000 Touristen aus Deutschland nach Israel, mehr als die H\u00e4lfte von ihnen besuchte auch das Tote Meer. Manche deutsche Krankenkasse bezahlt Neurodermitis-Patienten einen Aufenthalt an dem heilenden Gew\u00e4sser.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir machen jedes Jahr gro\u00dfe Verluste im Tourismus, weil uns der Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegsackt\u201c, sagt Forscherin und Kibbuz-Bewohnerin Gundi Shachal. Nicht nur, dass der siedlungseigene Campingplatz ger\u00e4umt werden musste, sondern auch der Dattelanbau, eine weitere wichtige Einkommensquelle f\u00fcr das Kibbuz, ist in Gefahr. 1500 B\u00e4ume mussten sie bereits verenden lassen, weil der Boden nachgab. Ein Millionenverlust f\u00fcr das Kibbuz.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dattelanbau verbraucht viel Wasser. Ein Baum ben\u00f6tigt im Sommer in der W\u00fcste bis zu 800 Liter S\u00fc\u00dfwasser am Tag. Generell schluckt die Landwirtschaft Israels einen gro\u00dfen Teil des S\u00fc\u00dfwasservorkommens. Ihr Einkommen macht allerdings nur 2,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. Ein fragw\u00fcrdiger Ertrag hinsichtlich des Wassermangels in der Region.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn dem Absinken des Toten Meeres aber nicht einmal ein Kanal f\u00fcr Hunderte Millionen Euro Abhilfe schaffen kann, was hilft dann, um den Verlust des Toten Meeres zu verhindern? \u201eDas Beste w\u00e4re, den Jordan wieder zum Flie\u00dfen zu bringen und die Fabriken einzuschr\u00e4nken, die sich am Toten Meer bedienen\u201c, sagt Hydrologin Carmit Ish Shalom, \u201eaber beides ist eine Utopie.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seit den 70er Jahren ist das Tote Meer zweigeteilt. Das untere Becken ist k\u00fcnstlich angelegt und in Pools eingeteilt. Die israelische Chemiefirma Dead Sea Works und die Arab Potash Company auf der jordanischen Seite pumpen Wasser aus dem Toten Meer in ihre Pools, wo es verdunstet und Salze und Mineralien abgebaut werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Magnesium aus dem Toten Meer findet auch Gebrauch in der deutschen Autoindustrie. \u201eDie Firmen sind f\u00fcr 40 Prozent des Absinken des Toten Meeres verantwortlich, sie zahlen nichts daf\u00fcr und werden auch nicht kontrolliert\u201c, sagt Gundi Shachal. Staatliche Vertr\u00e4ge sichern den Firmen noch jahrzehntelang zu, kostenlos Wasser abzusch\u00f6pfen. Und w\u00e4hrend der obere Teil des Toten Meeres austrocknet, droht der untere \u00fcberzulaufen. Weil die Firmen das \u00fcberfl\u00fcssige Salz einfach in den Becken absinken lassen, steigt der Wasserspiegel an. Den Luxushotels im S\u00fcden droht regelm\u00e4\u00dfig die \u00dcberflutung.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4sst man das Tote Meer sterben, wird sich dieses Problem zumindest von selbst l\u00f6sen. Wenn der Wasserstand des Toten Meeres weiter sinkt, ist es f\u00fcr die Fabriken langfristig nicht mehr rentabel, in immer st\u00e4rkere Pumpsysteme zu investieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vereinigung Friends of the Earth of the Middle East w\u00fcrde das Tote Meer am liebsten als Weltkulturerbe der Unesco sehen, weil sich dann auch die Regierungen zur Erhaltung verpflichten m\u00fcssten. Doch die Unesco st\u00f6\u00dft sich an den Industrien. Und auch die Jordanier ziehen nicht mit, schlie\u00dflich wollen sie sich mit dem Kanal und m\u00f6glichen weiteren Entsalzungsanlagen alle M\u00f6glichkeiten offen halten. An einem Weltkulturerbe darf baulich aber nichts mehr ver\u00e4ndert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist vom Toten Meer dann bald nur noch ein Teich mit einer fragw\u00fcrdigen Wasserqualit\u00e4t \u00fcbrig, werden die Touristen ausbleiben. \u201eDie 3000 Anwohner auf der israelischen Seite wird das hart treffen\u201c, sagt Umweltsch\u00fctzerin Gundi Shachal. \u201eAber noch schlimmer ist es f\u00fcr die Jordanier, da sind 45.000 Menschen, meist arme Bauern von dem Austrocknen des Toten Meeres betroffen. Immer wieder st\u00fcrzen dort jetzt schon Fabriken, Tiere und Menschen in die Schluckl\u00f6cher.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der israelischen Seite wird seit Kurzem mit Hilfe von Satelliten- und Infrarotbildern gemessen, wo sich als n\u00e4chstes die Erde auftut. Die Vorhersage ist beunruhigend: Ausgerechnet unter der Hauptstra\u00dfe, die am Ufer entlang Richtung S\u00fcden verl\u00e4uft, soll ein Loch liegen. Rechts und links der Stra\u00dfe ist der Boden bereits von Kratern durchzogen. Gundi Shachal hat gerade vor ein paar Tagen wieder ein neues Loch, unweit einer Autobr\u00fccke, entdeckt. \u201eEigentlich h\u00e4tten sie die Stra\u00dfe schon l\u00e4ngst schlie\u00dfen m\u00fcssen\u201c, sagt sie. \u201eDie Alternative ist aber, dass sie dann weiter oberhalb durch ein Naturreservat verl\u00e4uft.\u201c\u00a0Darum wird weitergemessen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch Shimon Shukrun k\u00f6nnte in seinem Haus neben dem alten Campingplatz von den Messungen profitieren. Vielleicht wird es reichen, ihn rechtzeitig zu informieren, bevor die Erde ihn verschluckt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zeit <\/p>\n<p>Das Tote Meer ist in den vergangenen 50 Jahren um ein Drittel geschrumpft. 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