Hasta luego, Alemania!
Auswandern nach Valencia Familie im Park Eva Lindner fürs SZ Magazin

Ohne die Stadt oder die Sprache zu kennen, zieht unsere Autorin mit ihrer Familie nach Valencia. Über ein großes Abenteuer und die Frage: Was braucht man eigentlich für ein glückliches Leben?

von Eva Lindner, SZ Magazin, 6. März 2026

An einem grauen Novembertag des Pandemie-Jahres 2020 drängen mein Mann und ich uns schlecht gelaunt in unserer Berliner Wohnung um den Esstisch, der jetzt Homeoffice heißt. Wir nörgeln ein bisschen, wir träumen ein bisschen. Und stellen fest: Wenn wir jetzt nur noch zu Hause arbeiten, könnten wir doch auch woanders leben. Wir beschließen, es wie die anderen jungen Familien zu machen und in die Nähe der eigenen Eltern zu ziehen. In meine Heimatstadt, von der ich mal so dringend wegwollte. Die Mietpreise in München verderben uns dann aber schneller die Lust auf einen Neustart, als wir uns schönreden können, dass »urban an der S-Bahn-Stammstrecke gelegen« genau das Richtige für uns wäre.

Ein paar Tage später sitzen wir mit unserem Nachbarn zusammen, einem vor Jahren nach Berlin eingewanderten Niederländer. Victor und seine Familie sind die Menschen, ohne die wir nicht monatelang sein wollten und dafür zeitweise sogar eine Ansteckung riskierten. »Ihr seid doch frei, warum zieht ihr nicht ins Ausland, ans Meer, in die Sonne?«, fragt er.

Uns gefällt die Idee. Aber wohin? Wir überlegen und probieren Länder an wie Sonnenbrillen. Mein Mann will ans Mittelmeer, ich möglichst schnell die Landessprache lernen. Damit fallen Portugal für ihn und Griechenland für mich raus. Italien hängt bereits vor Giorgia Meloni mit Frauenrechten weit zurück. Da ich nicht in die Vergangenheit ziehen will, scheidet es aus. In Spanien haben wir kürzlich einen wunderbaren Urlaub verbracht. Dort, scheint uns, geht es mit der Wirtschaft und für die Frauen voran, die Menschen wissen, was es heißt, ein gutes Leben zu führen. »Zieht doch nach Valencia«, sagt Victor. »Da ist es nicht zu heiß und nicht zu kalt, es ist grün, und es gibt einen Stadtstrand. « Wir schauen uns ein paar Dokus an und beschließen, okay, da ziehen wir hin.

Der Plan: Die nächsten Monate bereiten wir alles vor. Im Sommer wird unser zweites Kind, mit dem ich schwanger bin, zur Welt kommen. Danach, rechtzeitig vor dem nächsten Winter, ziehen wir zu viert nach Valencia. Was wir vorhaben, nennen wir nicht Auswandern. Das klingt so endgültig. »Wie lange bleibt ihr?«, fragen meine Freundinnen. »Vielleicht ein Jahr, mal sehen«, sage ich. Ein Jahr, das klingt nach Unterwegssein, nicht nach Unvernunft. Damit beruhige ich mich. Trotzdem stelle ich in den folgenden Monaten immer wieder alles infrage: Werde ich meine Selbstständigkeit als Journalistin, Buchautorin und Trainerin für Wissenschaftskommunikation in Spanien weiterführen können? Wie wird es unserer dreijährigen Tochter gehen? Und was ist, wenn wir einsam sind und niemand etwas mit uns zu tun haben will? »Dann kommen wir eben zurück«, sagt mein Mann.

Mein Mann ist ein Anpacker ohne Kalendereinträge, ein listenloser Sofort-Erlediger

An dieser Stelle muss man vielleicht wissen, dass wir sehr unterschiedlich sind. Ich zweifle und zerdenke auch mal alles, plane voraus und kalkuliere mit ein. Wenn ich was mache, mache ich es »gscheid«, wie man in Bayern sagt. Doch meistens mache ich wenig sofort, schreibe stattdessen lange To-do-Listen, denke weiter nach und warte ab, bis nichts passiert.

Mein Mann dagegen ist ein Anpacker ohne Kalendereinträge, ein listenloser Sofort-Erlediger. Jemand, der Termine vergisst, Details übersieht und mit »gut genug« äußerst zufrieden ist. Jemand, der am Ende alles immer irgendwie hinbiegt, den alle schnell ins Herz schließen, auch weil er seines offen vor sich herträgt.

Die Unterschiede erzeugen im Alltag einigen Stress. Dafür können wir hervorragend miteinander abenteuern. Ich habe unzählige Ideen auf meinen Listen, wo wir was erleben könnten, er verwandelt meine Konjunktive ins Aktiv, sucht, bucht und schiebt an.

Vor ein paar Jahren haben wir unsere Jobs gekündigt und sind mit einem Budget von 6000 Euro pro Person ein halbes Jahr lang durch Sri Lanka, Indien, Iran und den Balkan gereist. Als mein komplettes Gepäck eines Nachts vom Tuk-Tuk gerutscht und nicht mehr auffindbar war, trug ich wochenlang die Buxen und Pullis meines Mannes. Das indische Fernsehen interviewte uns, danach spielten wir als Statisten in einem indoschweizerischen Film mit und couchsurften einen Monat lang durch Iran. Wenn wir uns entscheiden müssten, würden wir unsere Biografie immer auf Erlebnissen entwerfen, nicht auf dem Grundriss einer Doppelhaushälfte am Stadtrand.

Neulich habe ich ein Interview mit der Psychologin Nathalie Krahé gelesen. Sie sagt: »Menschen haben unterschiedliche Komfortzonen. Man muss sich das vorstellen wie bei einer Zwiebel: Innen, in der Kernzone, fühlt man sich wohl, das Leben verläuft in sicheren Bahnen, ist aber auch ein bisschen langweilig. Drum herum liegt die Zone des Lernens und der Herausforderung, dort fühlt man sich gefordert, aber nicht überfordert. Und ganz außen ist die Panikzone.« Bei manchen Menschen liegt eine Reise in ein Land mit fremder Sprache und Währung schon in der Panikzone. Bei uns liegt das noch tief in der Zwiebel eingehüllt. Auch wenn wir es unterschiedlich angehen – wir suchen beide immer die Grenze zur Panikzone, wir suchen das volle Leben.

Mit Umzügen innerhalb Deutschlands und Auslandsaufenthalten bin ich vertraut, doch die Erfahrung des Auswanderns hat mein Mann mir voraus. Er ist Slowene und vor 14 Jahren zum Arbeiten nach Berlin gezogen. Er weiß, wie es ist, seine Heimat, Familie und Freunde zu verlassen und sich aus dem Nichts ein neues Leben zu erschaffen. Es ist ihm gelungen. Vielleicht ist er auch deshalb so zuversichtlich. »Wir bleiben doch in der EU«, sagt er. »Das kann doch alles gar nicht so schwierig sein.« Ohne die EU gäbe es unsere gemeinsame Geschichte
nicht, unsere Hochzeit in Slowenien, unsere Tochter. Auszuwandern bedeutet vielleicht auch, darauf zu vertrauen, dass am Ende
alles gut wird.

Während die Pandemie surreal und gruselig wie ein David-Lynch-Film an uns vorbeiwabert, fühle ich mich zunehmend bestärkt in unseren Plänen. Schlimmer kann es in Spanien auch nicht werden. Monatelang sind wir nur zu dritt, fast nur drinnen, sehen weder Freunde noch Familie. Doch wir genügen uns. Mit diesen beiden Menschen wird es für mich überall ein Nachhausekommen geben.

Ein paar Monate später reißt das Schicksal unsere Pläne und Listen in Fetzen. Wir verlieren unser Baby in meinem Bauch und fallen in ein tiefes Loch. Unsere Welt hört ein Stück weit auf, sich zu drehen, nichts geht mehr. Ich lebe mehr als jemals zuvor im Konjunktiv. Was würde, könnte alles sein, wenn nicht die beschissene Realität wäre. Der Sommer strahlt durch unseren Kiez, zu Hause ist es dunkel, und wir haben nichts organisiert. Wir setzen uns ein Limit: Wenn es uns gelingt, eine Wohnung und einen Kindergartenplatz zu finden, ziehen wir im Herbst nach Valencia. Anmeldung, Steuern und Versicherungen regeln wir dann dort.

Weil wir kein Spanisch sprechen und niemand auf unsere englischen E-Mails antwortet, bitte ich meine Mutter, Besichtigungstermine
für uns auszumachen. Sie qualifiziert sich, weil sie als Rentnerin ein paar Volkshochschulkurse belegt hat und mit meinem Vater jedes Jahr in ihrem Wohnmobil auf einem Campingplatz in Südspanien überwintert. Am Telefon sagt sie sehr oft »No entiendo nada« und »Por favor repetir«, aber am Ende haben wir fünf Termine. Zum ersten Mal reisen wir nach Valencia – und verlieben uns sofort: Mit dem Fahrrad kurven wir durch den schönsten Park der Welt, an futuristischen Gebäuden und barocken Palästen vorbei. Wir besichtigen eine Wohnung mit Stuck und Kamin, in einem Zimmer fehlt das Fenster, der Balkon hängt schief. Wir besichtigen einen Prachtbau von 250 Quadratmetern, mit Marmorwaschbecken und handbemalten Fliesen. Die Maklerin fragt, ob wir nur zu dritt sind. Es sticht in meinem Herzen, sie erinnert mich daran, dass jemand fehlt. Zu viel Leere würde die Räume füllen.

Wir entscheiden uns schließlich für eine Wohnung ohne Marmor und Kamin. Sie ist doppelt so groß wie unsere in Berlin, wir bezahlen das Gleiche. Im Kindergarten der Deutschen Schule sagen sie uns, dass gerade jemand abgesprungen ist und sie einen Platz für uns haben. Damit, denken wir, hätte unsere Tochter es leicht, nach Deutschland zurückzukehren. Selbst wenn wir länger bleiben als ein Jahr.

Wieder in Berlin belege ich hektisch einen vierwöchigen Intensivkurs in Spanisch. Viel bleibt nicht hängen, nachmittags arbeite ich, kümmere mich ums Kind, nachts packe ich Kisten. Unsere Tochter fragen wir nicht, was sie will. Wir informieren sie, dass wir jetzt nach Spanien ziehen. »Okay«, sagt sie. Sie kann sich nicht vorstellen, was nicht ist. Ihre Erzieherin guckt sich mit der Gruppe auf einer Landkarte an, wo Valencia liegt, und verabschiedet außer ihr noch zwei andere Kinder. Sie ziehen mit ihren Familien nach Brandenburg.

Sechs Wochen später melden wir uns in Deutschland ab und steigen ins Flugzeug. Im Gepäck: wenig Besitz, viel Hoffnung.

Unsere Körper sind in Valencia, unser Geist ist irgendwo im Dazwischen hängen geblieben

In den ersten Wochen laufen wir kopflos durch unser neues Leben. Unsere Körper sind in Valencia, unser Geist ist irgendwo im Dazwischen hängen geblieben. Auszuwandern bedeutet, die Kontrolle zu verlieren. Ohne Meldenummer bekommen wir weder einen Internetanschluss noch ein Bankkonto. Doch auf der Webseite gibt es nie freie Termine. Wir beauftragen eine Agentur, die uns verspricht, gegen Geld einen Termin zu besorgen. Wir fragen uns, wie sie schafft, was uns nicht gelingt, sind aber zu hilflos, um zu widersprechen. Ein paar Tage später sind wir angemeldet.

Kurz darauf lasse ich, die nie etwas vergisst, mein geliebtes Berlin-Rennrad, das ich mir von meinem ersten Gehalt als Redakteurin gekauft habe, unabgeschlossen auf der Straße stehen. Am nächsten Morgen rutsche ich neben dem leeren Fahrradständer auf den Boden und weine. Meine Tochter setzt sich neben mich und streichelt mir den Rücken. Mein Mann sagt: »Hätte mir auch passieren können.« Ich weine nicht nur um das Rad, sondern auch um eine Zeit, die zu Ende gegangen ist. Ich weine um verlorene Gewohnheiten, verlorene Gewissheiten. Wer auswandern will, muss loslassen.

Unser zweites Fahrrad, lastenfähig mit Kindersitz und Korb, weht der Wind bei unserem ersten Ausflug an den Strand von einem Steg ins Meer. Bevor der letzte Reifen versinkt, erwischen wir ihn gerade noch und ziehen das Rad aus dem Wasser. Seitdem bewegen wir uns verrostet und quietschend durch Valencia.

Am ersten Tag im Kindergarten lernen wir Maica kennen. Sie ist aus Alicante und mit einem Bamberger verheiratet. Die beiden werden schnell unsere Freunde. Maica stellt uns allen vor, die sie kennt, und schleust uns in eine Chat-Gruppe deutschsprachiger Eltern. Über die finde ich eine deutsche Steuerberaterin. Sie begleitet mich aufs Finanzamt, um meine Selbstständigkeit anzumelden. Sie erklärt mir, dass Spanien mich in den ersten Jahren mit einem stark reduzierten Beitrag für die gesetzliche Versicherung begrüßt. Der Vertrag meines Mannes, der als Volkswirt für eine US-amerikanische Firma arbeitet, fällt unter ein Gesetz, das umgangssprachlich »Beckham Law« heißt. Als David Beckham 2003 zu Real Madrid wechselte, kam ihm Spanien mit einer Steuererleichterung entgegen, die seitdem für ausländische Arbeitnehmer der EU mit Steuersitz in Spanien gilt: Sie bezahlen 24 Prozent in den ersten sechs Jahren. Wir staunen und fragen uns, warum Deutschland sich nicht mehr einfallen lässt, um arbeitende Ausländer anzulocken.

Generell wundern wir uns viel dieser Tage. Morgens schrubbt ein Waschwagen den Fußgängerweg mit Seife, wer einen Laden besitzt, wischt zusätzlich den Abschnitt vor dem eigenen Geschäft mit einem Mopp. Valencia glitzert bronzen in der Sonne, die Orangen leuchten an den Bäumen. Die Verkäuferin in der Bäckerei spricht mich abwechselnd mit »Reina«, »Guapa« oder »Cariño« an. Nicht, weil an mir etwas königlich, besonders schön oder liebenswert wäre, sondern weil sie alle, die bei ihr einkaufen, herzlich begrüßt.

Statt Zettel erhalten wir vom Kindergarten Nachrichten über eine App, Einverständniserklärungen für Ausflüge geben wir digital, das Geld dafür auch. Über die App der staatlichen Krankenkasse mache ich Kinderarzttermine für denselben Tag aus. Wir laden bei der Stadt Dokumente hoch und eine Parkerlaubnis runter, Züge kommen pünktlich an und fahren pünktlich ab. Wir fühlen uns, als wären wir in die Zukunft gezogen. So lebt man also, wenn Behörden, Bildungs- und Gesundheitssystem tatsächlich digitalisiert sind. Spanien widerlegt meine Vorurteile und übererfüllt meine positiven Annahmen. Aber bin ich nicht auch dazu verpflichtet, mein neues Leben toll zu finden? Schließlich habe ich es mir so ausgesucht.

Ein paar Monate nach unserer Ankunft halte ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Es fühlt sich an, als ob Valencias Wintersonne nicht nur meine Haut wärmt, sondern direkt in mein Herz strahlt. »Zur Geburt kommst du aber schon nach Deutschland, oder?«, fragen mich Bekannte. Meine Frauenärztin in Valencia spricht Deutsch und bietet mir an, dass ich sie bei Fragen jederzeit per Chat anschreiben könnte. Weil wir über die Arbeit meines Mannes zusätzlich privat versichert sind und sie Belegärztin im Krankenhaus ist, käme sie zur Geburt meines Kindes auf Abruf ins Krankenhaus. Ich kann kaum glauben, was ich da höre. »Nein«, sage ich zu meinen Bekannten, und während ich mich erkläre, fühle ich mich, als wäre ich zu Spaniens Anwältin im Kreuzverhör der Vorurteile geworden.

Noch bevor sie eine Schwester bekommt, spricht unsere Vierjährige fließend Spanisch. Während ich Konjugationen, Subjuntivo und Pretérito Indefinido büffle, lernt mein Mann vor allem durch Zuhören, Drauflosreden, Akzent imitieren. Wir lernen, Telefonate schnell mit »perfecto, gracias, hasta luego« abzumoderieren, um uns die Überforderung nicht anmerken zu lassen. »Perfecto, gracias, hasta luego«, sagt mein Mann ins Telefon und legt auf. »Wann kommt der Elektriker morgen?«, frage ich ihn. »Ich weiß nicht genau«, sagt er. »Vielleicht war es auch gar nicht der Elektriker.«

Die spanische Elternzeit ist kurz, also fängt unser Baby mit sieben Monaten in der Kita an

Knapp ein Jahr nach unserem Umzug kommt unsere kleine Valencianerin auf die Welt, und wir heilen langsam. Ein paar Wochen später ruft die Firma meines Mannes alle, die während der Pandemie im Homeoffice gearbeitet haben, zurück ins Büro. Sein Büro ist seit unserem Umzug offiziell in Madrid, seine Chefin und sein Team nicht. Trotzdem soll er dreimal pro Woche in die spanische Hauptstadt pendeln. Ich sitze mit Kleinkind, Baby und unterschriebenem Buchvertrag zu Hause und frage mich, wie das alles gehen soll.

Die spanische Elternzeit ist kurz, also fängt unser Baby mit sieben Monaten in der Kita an. »Schon?«, fragen mich Bekannte aus Deutschland. Doch seit ich in Valencia wohne, ist meine Elternschaft nicht mehr permanent von einem schlechten Gewissen durchzogen. Die Spanierinnen arbeiten viel, die Kinder werden nachmittags meistens gleichzeitig abgeholt, so bleibt keines allein im Hof zurück. Im Restaurant beschwert sich niemand über laute Kinder, die Kellner behandeln sie wie kleine Prinzessinnen und Prinzen. Den Hochstuhl nennen sie »trona«. Zum Kindergeburtstag gibt es selbst gekauften Kuchen, Bällebad oder Spielen im Park. Meistens wird die ganze Klasse eingeladen, die Eltern organisieren ein Gemeinschaftsgeschenk. Überhaupt Gemeinschaft. Auf dem Spielplatz sagen fremde Eltern »Hola« zueinander, es fühlt sich an, als ob alle Erwachsenen gemeinsam auf alle Kinder aufpassen. Auf der Straße sehen sich Menschen an statt durcheinander hindurch, man quatscht auch mal kurz, hilft einander. Wir haben das Gefühl, wir leben mit den anderen Menschen in der Stadt zusammen, nicht aneinander vorbei. Vielleicht ist es das, was sich in unserem Leben am meisten verändert hat: Wir fühlen uns hier verbunden.

Die Pandemie ist vorbei, und die Stadt wird voller. Ohne Reservierung bekommen wir kaum mehr einen Tisch in einem Restaurant. 2024 ist Valencia laut dem Magazin Forbes die bei Auswanderern beliebteste Stadt der Welt. Die Mieten steigen, Verträge sind limitiert, wer mietet, ist ungeschützt. Wir finden ein Häuschen, nehmen einen großen Kredit auf und kaufen es. Es hat keinen Balkon, dafür einen Innenhof, in dem unsere Kinder mit den anderen spielen können. Wir wählen Nachbarschaft statt Privatsphäre. Als der Notar den Vertrag vorliest, nickt mein Mann bei jedem Satz. Ich weiß, er versteht genauso wenig wie ich, und fühle mich sehr naiv. Die Zwiebel ist geschält, meine Panikzone eindeutig erreicht. Maica sitzt neben uns, übersetzt das Wichtigste und lächelt mir aufmunternd zu.

Als wir dann umziehen, fehlen in den Schränken unseres Häuschens die Schubladen. Ich bitte einen Handwerker, uns zu helfen, doch statt nach »cajones« zu fragen, sage ich ihm, uns würden »cojones« fehlen. Er lacht diskret, aber ausdauernd, und ich wünschte, die Erde würde mich mitsamt meinen 13 verflixten Spanischbüchern verschlucken.

Ein halbes Jahr später schickt uns ein Freund eine Anzeige für unsere erste Mietwohnung in Valencia. Sie kostet jetzt das Doppelte. Unser Leben in der drittgrößten spanischen Stadt ist mindestens so teuer wie unser Leben in Berlin. Vor allem, weil unsere Kinder jetzt auf eine Privatschule gehen und Spanien Eltern kein Kindergeld, wie wir es in Deutschland kennen, bezahlt. »Tourists go home«, lese ich immer häufiger an den Wänden in der Altstadt. Ich fühle mich nicht direkt angesprochen, aber mitgemeint. Mir ist bewusst, dass wir mit unseren ausländischen Einkommen zur Gentrifizierung beitragen. Beanspruchen wir das Beste aus beiden Welten? Wir zahlen in Spanien Steuern, wir verbringen hier unsere Urlaube. Nach den verheerenden Überschwemmungen einiger Vororte von Valencia 2024 radelte mein Mann mit Plastiktüten an den Beinen in die Gebiete, um zu helfen, ich stand mit Hunderten Freiwilligen im Fußballstadion und schnippelte Gemüse, um Betroffene zu versorgen. Wir wollen uns einbringen, zurückgeben, was wir uns nehmen. Macht uns das zu Ausländern, die Spanien haben will? Ich weiß es nicht.

Mittlerweile leben wir schon seit vier Jahren in Valencia. »Bleibt ihr jetzt eigentlich für immer?«, fragen unsere Freunde in Deutschland. Auch darauf wissen wir keine Antwort. »Man kann so ein Haus ja auch wieder verkaufen oder vermieten«, sagt mein Mann.

Zu meinem Geburtstag neulich habe ich sieben Frauen eingeladen, die ich mittlerweile meine Freundinnen nenne. An diesem Abend sprechen wir Deutsch miteinander, und ich fühle mich geborgen. Mein Germanistik-Studium schloss ich mit einer Prüfung über Ingeborg Bachmann ab. Vor dem Hintergrund von Krieg, Flucht und dem moralischen Zusammenbruch Europas im 20. Jahrhundert empfand sie Sprache als einzige Heimat. Deutsch zu sprechen in einem mir manchmal immer noch fremden Land fühlt sich auch für mich wie Heimat an und betont gleichzeitig mein Fremdsein. Ich blicke in die Runde. Die meisten meiner Freundinnen sind vor vielen Jahren in Valencia hängen geblieben. Sie haben sich während ihres Erasmus-Semesters verliebt oder nach einem Sprachaufenthalt einen Job gefunden und sind nicht mehr »zurückgegangen«. Ihnen ist das Leben passiert. Sie sprechen fließend Spanisch, führen interkulturelle Beziehungen. Als ich ihnen erzähle, dass ich diesen Text schreiben werde, sagt eine von ihnen: »Schreib nicht, wie schön es hier ist, sonst wird die Stadt noch voller.«

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat 2024 bei knapp 350 der etwa 270 000 Deutschen, die jährlich auswandern, nachgefragt, wie zufrieden sie mit ihrem neuen Leben sind. Die Antwort: sehr zufrieden. Insbesondere Singles und diejenigen, die ihre Entscheidung selbstbestimmt getroffen haben, so wie wir. Neben der Schweiz und Österreich ist Spanien das Land, in das die Deutschen innerhalb Europas am liebsten auswandern. Die meisten sind so alt wie wir, viele auch jünger. Die digitalen Nomaden, die alle paar Wochen oder Monate den Ort wechseln, sind zwar ungebunden, aber weniger glücklich. Vor allem, weil sie weniger enge Freundschaften aufbauen. Vierzig Prozent von ihnen fühlen sich einsam.

Bei meinem Blick durch die Runde fällt mir das Tattoo einer meiner Freundinnen ins Auge. »Fernweh«, steht auf der Innenseite ihres Oberarms. Vielleicht ist es auch das, was uns alle hierhergebracht hat, was uns eint. Ein Gefühl irgendwo zwischen Sehnsucht und Herzschmerz.

Wo unser »Zurück« als Familie sein sollte, kann ich nicht verorten. Vier Menschen sind in drei verschiedenen Ländern geboren. Ich spreche Deutsch mit den Kindern, mein Mann Slowenisch, die Kinder antworten oft auf Spanisch. Zu Hause ist immer Babel. Eine gemeinsame Heimat haben wir nicht. Vielleicht bauen wir sie uns gerade auf.

Wenn wir aus dem Urlaub zurück nach Valencia fahren, fragen wir uns immer, ob wir jetzt angekommen sind. Wir besitzen eine Paellapfanne, zählt das? Wir fahren nicht mehr so oft an den Strand, weil danach das Haus immer so sandig ist. Sehr spanisch von uns. Ich gehe hier nicht weg, bevor ich die Sprache nicht fließend spreche, sage ich. Ich will das jetzt »gscheid« machen. Mein Mann will irgendwann auf einem Grundstück mit Olivenbäumen leben, sagt er. Vielleicht ist Ankommen ja gar nicht unser Ziel, sondern in Bewegung zu bleiben. Zu Deutschland haben wir erst mal »Hasta luego« gesagt. »Adiós« klingt so endgültig, wir hören es in Spanien selten. »Hasta luego« lässt alles offen. Vielleicht sehen wir uns später wieder, vielleicht nicht, vielleicht nie, vielleicht irgendwann.

Eva Lindner erkannte in Gesprächen mit anderen Auswanderern, dass die meisten es anders machen: erst Probewohnen, Sprache lernen, mit der Rentenversicherung telefonieren. Einfach hinziehen und später alles klären geht aber auch.

Bild: Joseph Fox