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	<title>Eva Lindner</title>
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	<description>Journalistin, Trainerin, Moderatorin</description>
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		<title>Meine vielen Ichs und ich</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Lindner]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Aug 2022 10:22:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[erschienen in]]></category>
		<category><![CDATA[Annemarie Pieper]]></category>
		<category><![CDATA[Eva Lindner]]></category>
		<category><![CDATA[Jens Söring]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zeit Wissen Magazin</p>
<p>Wer sich gut zu präsentieren weiß, ist klar im Vorteil. Nur, wie geht das? Und was, wenn das Leben nicht immer rundläuft? Wir haben eine Rapperin gefragt, einen Ex-Häftling und eine Philosophin</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://eva-lindner.com/meine-vielen-ichs-und-ich/">Meine vielen Ichs und ich</a> erschien zuerst auf <a href="https://eva-lindner.com">Eva Lindner</a>.</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Wer sich gut zu präsentieren weiß, ist klar im Vorteil. Nur, wie geht das? Und was, wenn das Leben nicht immer rundläuft? Wir haben eine Rapperin gefragt, einen Ex-Häftling und eine Philosophin</h2>



<p></p>



<p><em>von Eva Lindner, Zeit Wissen Magazin, 22. Februar 2022</em></p>



<p></p>



<p><em>Mach Papa stolz, werde reich und bleibe Single / Und für immer traue ich nur meinem Wort und meiner Klinge Bin geborn, um zu verliern, doch ich gewinne / Und die Tropfen an mein’n Fingern sind Blut und keine Tinte.</em></p>



<p>Das ist Liz. 23 Jahre alt. Rapperin. Ihr Song heißt&nbsp;<em>Mizgeburt.&nbsp;</em>Sie rappt aggressiv, abgehackt, atemlos. In den Videos posiert sie mit Drogen, Waffen, Dobermännern; in den Kulissen einer Unterwelt mit eigenen Codes, in der Gangs, Spieler und Dealer regieren. Liz präsentiert sich als deren Königin mit Rolex auf Frankfurter Hausdächern und in fetten Karren, beißt in blutige Steaks, umnebelt vom Rauch der Joints, über ihr Gesicht huscht das Flackern von Blaulicht.</p>



<p><em>Mama, ich wär gern wieder Kind. Dass du alles für mich tust, bis das Fieber sinkt / Mama, du bist meine Königin, die schönste aller Mütter, aller Löwinnen / Mama, ich bleibe da bei dir, auch wenn die Welt einbricht, bin ich nah bei dir.</em></p>



<p>Das ist Liz. 23 Jahre alt. Rapperin. Ihr Song heißt&nbsp;<em>Mama.&nbsp;</em>Sie rappt melodisch, gefühlvoll, verletzt. Sie erzählt von einer Kindheit mit ihrer blinden Mutter, von der Scheidung der Eltern, ihrer Jugend auf der Straße, vollgepumpt mit Ritalin. Sie offenbart, dass sie sich – als sie 14 Jahre alt war – mit Messern in ihren Arm ritzte, ihr Leben auslöschen wollte, dass sie monatelang in einer geschlossenen Klinik war, jahrelang in Therapie.</p>



<p>Eine Frau. Zwei Erzählungen. Zwei von vielen. Liz wechselt sie wie ihre Trainingsanzüge von Eintracht Frankfurt. Mal ist sie Drogenbaronin, mal einsames Kind. Mal glänzt sie mit ihren Diamanten unter Straßenlaternen, mal klaffen die Wunden offen auf, die sich seit ihrer Jugend in Körper und Seele gefressen haben.</p>



<p>Liz erzählt in ihrer Musik immer wieder eine andere Seite von sich und von ihrem Leben.</p>



<p>Wir alle tun das. Vielleicht nicht so extrem und öffentlich wie eine Rapperin, doch auch wir präsentieren in verschiedenen Situationen verschiedene Teile unserer Lebensgeschichte. Je nachdem, ob wir auf einem Date sind, bei einer Wohnungsbesichtigung oder beim Klas- sentreffen, ob wir gerade Spaß haben wollen oder die Liebe oder den Job unseres Lebens suchen. Aber es gibt eine große Frage, die all diese Situationen verbindet, die uns im Leben immer wieder gestellt, die nur selten so ausgesprochen wird – und die im Ganzen sowieso kaum zu beantworten ist: »Wer bist du?«</p>



<p>In einer lockeren Begegnung wird die Auswahl und Dramaturgie, die wir für die Antwort wählen, eine andere sein, als wenn wir eine ernsthafte Verbindung eingehen wollen. Das eine Mal präsentieren wir vielleicht eine lustige Heldengeschichte oder lassen bewusst Lü- cken, um Spannung zu erzeugen. Das andere Mal erzählen wir von unseren Tiefpunkten, Dämonen oder von Wendungen, die unser Leben nahm. Weil wir eben nicht nur eine Person auf dem einen Weg sind, sondern das Leben wie ein Sammelband aus verschiedenen Er- zählungen besteht, mal mehr, mal weniger mit einem roten Faden verbunden. Und weil die Facetten, die wir jeweils auswählen, immer nicht nur dafür stehen, wer wir sind, sondern auch: wer wir sein wollen.</p>



<p>Wie aber präsentiert man sich gut? Ohne zu dominant zu wirken, zu angeberisch oder zu unsicher? Es wird hier, so viel sei vorweggenommen, nicht um Power- Posen gehen, nicht um Atem- und Sprechübungen, perfekt geschliffene Lebensläufe oder rhetorische Kniffs zum Überspielen von Stresssituationen.</p>



<p>»Bleibe echt« ist Liz’ Leitspruch, der Claim, den sie in ihren Videos und Songs wiederholt. Mittlerweile feiern Musikmagazine die Frankfurterin als Newcomerin. Ende Januar dieses Jahres erschien ihr Debütalbum&nbsp;<em>Mona Liza,&nbsp;</em>das die Rap-Szene aufmischt, ihrem Insta- gram-Profil »bleibe.liz« folgen 54.000 Menschen.</p>



<p>Was heißt das, »echt sein«? Wie zeigt man sich »echt« im Rap, einer Branche, die die Inszenierung von Authentizität perfektioniert hat, die »real sein« zum Statussymbol erhoben hat? Liz sagt am Telefon: »Ich war immer die Harte, die Coole, die Krasse, um mir auf der Straße und als Frau im Rap Respekt zu verschaffen. Emotionen zeigen fand ich schwach. Ich wollte Geschäft und Privates trennen, mich schützen.« Sie lacht viel, ist fröhlich, verbindlich. »Rumgelaufen bin ich aber mit langärmligen Oberteilen, damit niemand die Narben auf meinen Armen sieht. Damit niemand wirklich weiß, wer ich war und wer ich bin.« Und auch das gehört zu ihr: Mit 17 zog sie allein ins Saarland, um Abitur zu machen, fuhr nach Paris, um sich die <em>Mona Lisa&nbsp;</em>anzuschauen. Oder das: Sie brach in Läden ein, stahl Geld, stand immer mit einem halben Fuß im Knast, wie sie sagt. Und das: Als der Erfolg kam, sprachen Jugendliche sie auf der Straße an, wollten ein Foto mit ihr<br>und sagten dann: »Du bist ja gar nicht so asozial, du bist ja eigentlich ganz nett.«</p>



<p>»Der Wendepunkt war für mich, als ich erkannt habe, dass ich – ob ich will oder nicht – ein Vorbild für die Kids bin«, sagt Liz. Seitdem versuche sie, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind mit ihren Ängsten, dass Rapper auch Schwächen haben. Seitdem zeigt sie ihre Narben, erzählt von ihrer blinden Mutter und wie es für sie war, wenn die anderen fragten: »Warum schielt die so komisch?«</p>



<p>Eine weitere Facette von sich zu zeigen helfe auch ihr selbst: Radikale Akzeptanz nennt sie das. Sie könne schließlich weder ihre Herkunft noch ihre Vergangenheit, noch die Fehler ändern, die sie gemacht habe.</p>



<p>Dass nicht alle Seiten von ihr immer und bei jedem auf Begeisterung stoßen, ist klar. Die einen wünschen sich die alte, knallharte Liz zurück, den anderen macht genau die Angst. Neulich habe sie ein Date gehabt. Um den Mann nicht einzuschüchtern, habe sie erst mal nicht über ihre Musik gesprochen. Doch als er sie fragte, was sie beruflich mache, zeigte sie ihm eins ihrer Videos. Er: »Sag mal, wenn ich eine andere haben sollte, stichst du mich dann im Schlaf ab?« Jetzt lacht sie laut, als sie das erzählt. Beim Date antwortete sie, er solle sich gut über- legen, ob er das wirklich machen wolle. Manchmal verrät man auch was über sich, indem man nicht alles sagt.</p>



<p>Die Frage ihres Gegenübers jedenfalls war, aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet, gar nicht so schlecht für ein Date. Vor einigen Jahren veröffentlichte der US-amerikanische Psychologe Arthur Aron eine Studie, die besagt, dass sich zwei Fremde schneller näherkommen, wenn sie sich persönliche Fragen stellen. Das Herzstück seiner Forschung ging um die Welt, er nannte es »36 Fragen, um sich zu verlieben«. Die gehen zum Beispiel so: »Wenn du etwas an der Art, wie du erzogen wurdest, ändern könntest, was wäre das?«, »Gibt es etwas, wovon du schon lange träumst?«. Und: »Warum hast du es nicht getan?«, »Was ist deine schrecklichste Erinnerung?«, und der Klassiker: »Wenn du wüsstest, dass du in einem Jahr stirbst, würdest du dann etwas an deiner jetzigen Lebensweise ändern?«</p>



<p>Wer sich nahekommen möchte, so das Studienergebnis, muss sich offenbaren, sich verletzlich zeigen. Das sieht auch die Berliner Autorin Judith Poznan so. Mit ihrem kürzlich erschienenen Debütroman&nbsp;<em>Prima Aussicht&nbsp;</em>hat sie einen fröhlichen Text darüber geschrieben, wie sie, statt ein zweites Kind zu bekommen, mit Freund und (erstem) Kind einen Wohnwagen kauft und den Sommer auf einem Brandenburger Campingplatz verbringt.</p>



<p>An einer Stelle beschreibt sie rückblickend die erste Verabredung mit ihrem Freund. Sie hatten vereinbart, sich schräge Geheimnisse übereinander zu verraten. Dating ungehemmt: »Ich erzählte ihm, meine Lieblingsbrust sei die rechte und dass ich sie beim Fernsehgucken gerne festhielte. Ich fand das sexy. Er hat dann gesagt, er sei nicht ganz richtig im Kopf. Zwangsstörungen. Er sei deswegen schon mal in der Klapse gewesen. Und plötzlich war er derjenige, der sexy war.«</p>



<p>Der Schriftsteller Max Frisch hat schon 1972 elf Fragebögen entworfen, die Menschen ins Gespräch bringen sollen. Darin geht es um Freundschaft, Ehe, Heimat oder Humor. Halten Sie sich für einen guten Freund? Was fehlt Ihnen zum Glück? Ist es Ihnen schon gelungen, die eigenen Kinder kennenzulernen, d. h. sie nicht als Söhne oder Töchter zu sehen? Wenn man sich zeigen und einen anderen Menschen kennenlernen möchte, lohnt es sich, nicht zu lange bei den formalen Lebensabläufen zu verweilen und sich stattdessen von eigenen Haltungen, Werten und Gefühlen zu erzählen. </p>



<p>Denn egal ob beim Flirt, beim Nachbarschaftstreffen oder Vorstellungsgespräch, wichtiger, als die Zahlen und Fakten der Chronologie aufzuzählen, ist es, ein Gefühl der Verbundenheit herzustellen. Dafür muss man kein Seminar in Storytelling besucht haben. Aber es braucht die Bereitschaft, sich auf die jeweilige Situation und das Gegenüber einzulassen. Die Bereitschaft, im eigenen Leben nach Geschichten und Erfahrungen zu kramen, die vielleicht zu einer Brücke werden können, zum anderen hinüber. Das können kleine lustige Anekdoten ebenso sein wie große Dramen. Je nach Umstand, Lust und Laune. Wichtig ist nicht, das eigene Leben so zu verbiegen, dass es zu den vermeintlichen Ansprüchen des Gegenübers passt – sondern es mit dem, was einen umgibt, zu verknüpfen. Wo sind Überlappungen? Welche Haltungen habe ich, welche mein Gegenüber, und wie können wir sie gemeinsam weiterspinnen – oder uns aneinander reiben?</p>



<p>Die US-amerikanische Schriftstellerin, Professorin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou schrieb: »Die Menschen werden vergessen, was du<br>gesagt hast. Die Menschen werden vergessen, was du getan hast. Aber die Menschen werden nie vergessen, was sie bei dir gefühlt haben.« Nur was, wenn die eigene Geschichte so unangenehm ist, dass man sie nicht mit dem Jetzt verknüpfen will? Was, wenn man sie lieber vergessen oder ausblenden will, weil man sich schämt, sich schuldig fühlt, weil sie schmerzt?</p>



<p>Als Jens Söring am 17. Dezember 2019 auf dem Frankfurter Flughafen landete, nach 33 Jahren Haft in den USA, abgeschoben, frei auf Bewährung, waren die Kameras auf ihn gerichtet, und es schien, als frage das ganze Land: »Wer bist du wirklich?« Ein brutaler Doppelmörder oder ein unschuldiges Opfer, das mehr als sein halbes Leben lang zu Unrecht im Gefängnis saß?</p>



<p>Jens Söring war 19 Jahre alt, als die Polizei ihn wegen des Mordes an den Eltern seiner damaligen Freundin festnahm. Der Diplomatensohn bekannte sich zunächst schuldig, später widerrief er sein Geständnis. Das Gericht verurteilte ihn: zweimal lebenslang. Bis heute ist Söring nicht freigesprochen, Menschen in den USA dürfen ihn weiterhin »Mörder« nennen. Er dagegen beteuert seit mehr als 30 Jahren seine Unschuld. Gerade hat er ein Buch veröffentlicht. In&nbsp;<em>Rückkehr ins Leben&nbsp;</em>schreibt der 55-Jährige über sein erstes Jahr in Freiheit.</p>



<p>Jens Söring lächelt in die Videokamera, als er sich zum Online-Interview dazuschaltet. Sichtlich glücklich erklärt er, dass hinter ihm seine Küche zu sehen ist, in seiner ersten eigenen Wohnung überhaupt, die er nun in Hamburg bezogen hat.</p>



<p>Wie präsentiert man sich, wenn andere einen nur mit den Bildern eines blutigen Mordes in Verbindung bringen? Wie erzählt man von einem verschwendeten Leben? Wie kann man einer solchen eigenen Lebensgeschichte nachträglich Sinn verleihen?</p>



<p>Auffällig ist, dass Jens Söring viele Interviews gibt, in denen er sehr viel preiszugeben scheint. Er spricht darüber, wie ihn ein Mithäftling im Gefängnis fast vergewaltigt hätte, wie sich sein Zellenmitbewohner an seinem Bett erhängt hat, wie seine Familie mit ihm gebrochen hat. Wofür ist diese Offenheit gut? »Mein Grundproblem ist, dass ich einmal in meinem Leben gelogen habe«, sagt Söring. Ob das nach seiner Flucht und Festnahme war, als er der Polizei den Mord gestand, oder etwas später, als er vor Gericht das Geständnis zurücknahm, das weiß nur er. Seine große Frage seitdem: »Wie rede ich mit Menschen, die wissen, ich habe einmal krass gelogen? Wie gewinne ich Glaubwürdigkeit zurück?« Seine Antwort: über alles sprechen, keinen Raum für Unbeantwortetes lassen, für Interpretationen, für Annahmen. »Mir ist klar geworden, dass ich mit den Fakten zur Tatnacht niemanden überzeugen kann. Erst wenn man das Risiko eingeht, sich zu öffnen, sehen die Menschen, dass man echt ist, und hören einem zu.« Das wusste auch schon Theodor W. Adorno. In seinen&nbsp;<em>Minima Moralia&nbsp;</em>schrieb er über das richtige Leben: »Geliebt wirst du einzig, wo schwach du dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.«</p>



<p>Nach seiner Rückkehr hätten ihm manche geraten, seinen Namen zu ändern, abzutauchen, neu anzufangen, sagt Söring. Aber wie sieht ein Bewerbungsgespräch aus mit einem Lebenslauf, der lediglich das Geburtsdatum und ein abgebrochenes Studium in den USA enthält? Was sollte er auf die Frage »Was machen Sie beruflich?« antworten? Und auf andere Fragen zu seinem Leben? Wie kann sich eine Freundschaft, geschweige denn eine Beziehung entwickeln, wenn einer nicht über Vergangenes reden will? »Ich kann vor meiner Geschichte nicht davonrennen. Ich hätte liebend gern ein anderes Leben gelebt, wäre gern ein normaler Typ gewesen«, sagt er. Wie das eigene Leben laufe, könne man aber nicht immer mitbestimmen. Wie man mit seiner Biografie umgehe, schon.</p>



<p>Jens Söring hat sich dafür entschieden, seine Geschichte zu verkaufen. Er hat ja nichts gelernt, kann nichts, außer mit Menschen und Wörtern umzugehen, sagt er. Er schreibt jetzt Bücher, ist mit einem großen Streamingdienst in Kontakt, der eine Doku über ihn plant, versucht, als Redner und Berater zu Resilienz gebucht zu werden. »Ich will etwas weiterreichen, damit die 33 verlorenen Jahre einen Wert<br>bekommen. Wenn Menschen sehen, da ist jemand durch die Hölle gegangen und hat es rausgeschafft, glauben sie vielleicht, dass sie es auch schaffen können.«</p>



<p>Wie lange trägt ein neues Leben, das auf dem alten fußt? Was ist, wenn selbst die größte Geschichte auserzählt ist? Wenn alle sie gehört haben? »Wäre das nicht wunderschön?«, fragt Jens Söring in seiner Wohnung und lächelt. Die Möglichkeit einer neuen Erzählung – vielleicht irgendwann –, das wünsche er sich.</p>



<p>Dass es Menschen nicht gut damit geht, wenn die Geschichte, die sie sich selbst erzählen, eine andere ist als die, die sie nach außen erzählen, sagt auch Yvonne Keßel. Sie ist Psychologin in Frankfurt am Main. Kognitive Dissonanz nennt sie das. Kognitive Dissonanz muss Rapperin Liz verspürt haben, solange sie für ihre Fans nur die krasse Straßenrapperin war, sich zu Hause aber um ihre blinde Mutter gekümmert hat. Kognitive Dissonanz hätte Jens Söring vielleicht verspürt, wenn er auf den Rat gehört hätte, die Identität zu wechseln und seine Vergangenheit zu leugnen. Kognitive Dissonanz kann ein Mann im Homeoffice verspüren, der verschweigt, dass die Kinder in Quarantäne zu Hause sind, und versucht, den Schein aufrechtzuerhalten, seiner Arbeit normal nachgehen zu können. Kognitive Dissonanz kann eine Frau verspüren, die eine lange Auszeit im Bewerbungsgespräch zu etwas anderem macht, als es für sie in Wahrheit war.</p>



<p>»Es ist ungesund, wenn wir Teile unserer Lebensgeschichte verdrängen, isolieren oder abspalten. Dann müssen wir die Dissonanz zwischen dem Bild, das wir von uns haben, und unserem Verhalten im Kopf auflösen, und das ist sehr anstrengend«, sagt Keßel. Gesünder sei es, Brüche im Leben zu integrieren. »Wichtig ist, rückblickend nach Erklärungen zu suchen, nach einem roten Faden im Leben, der meine Geschichte erst mal für mich selbst stimmig werden lässt«, sagt die Psychologin. Es gehe nicht darum, jedem alles über sich zu erzählen, sondern im ersten Schritt eine Antwort für sich selbst zu finden. </p>



<p>Wer zu einem Treffen mit alten Schulfreunden oder einem Bewerbungsgespräch gehe und seit fünf Jahren arbeitslos sei, schäme sich vielleicht. Aber wer dann lügt, dem geht es auch nicht gut. »Die Arbeitslosigkeit sagt ja erst mal nichts über mich aus, sondern mein Umgang damit«, sagt Keßel. »Wenn ich einen Weg finde, diese Erfahrung in mein Leben einzusortieren, mir zu erklären, warum das passiert ist, was ich daraus gelernt habe und wofür das vielleicht sogar gut ist, dann kann ich es auch anderen erklären.«</p>



<p>Fragen beim Klassentreffen können durchaus an unangenehmen Stellen bohren: »Ah, du studierst jetzt wieder?«, »Wohnst du etwa immer noch hier?«, »Ach, und du hast jetzt doch den Laden deiner Eltern übernommen?«, »Bist du echt immer noch mit dem Bernd zusammen?«. Bis alle sich verglichen haben, die Kluft zwischen den Dagebliebenen und den Weggezogenen einmal aufgegraben und notdürftig wieder zugeschüttet haben, sind meist schon ein paar Stiche versetzt worden.</p>



<p>Annemarie Pieper ist heute 81 Jahre alt und ist jahrzehntelang nicht zum Klassentreffen gegangen. Ihre Geschichte sei nicht vermittelbar gewesen, sagt sie. Immer habe ihr Gegenüber seine Haltung verändert, wenn sie sagte: »Ich lehre Philosophie.« Das Fach galt in den Siebzigern und Achtzigern als »Männerdomäne«, Frauen hatten da nichts zu suchen. Privat hielt sie jahrelang geheim, was sie beruflich machte. »Wenn ich mit Freunden ausging, rieten die mir, bloß nichts zu sagen.« Eine Frau, die sich in dieser Zeit unabhängig von ihrem Partner machte, sei vielen nicht geheuer gewesen. Die müsse karrieregeil und überehrgeizig sein, hieß es dann. Aber als sie 1981 auf den Lehrstuhl in Basel berufen wurde, dachte sie sich: »Leckt mich, jetzt sag ich’s.« Annemarie Pieper war eine der allerersten Frauen, die im deutschsprachigen Raum einen Lehrstuhl für Philosophie innehatten.</p>



<p>Im Alter von 60 Jahren gab sie ihn dann wieder auf, und zwar, um Romane zu schreiben. »Alle dachten, ich sei verrückt. Das Geld, das Ansehen, alles aufzugeben, wofür ich so hart gearbeitet habe«, sagt sie. Sie selbst aber fand, 35 Jahre an der Uni seien genug. Und als sie ihre Romane schrieb, traute sie sich auch wieder zu einem Klassentreffen. Allerdings: Wie sie den anderen da von sich und ihrem Leben erzählen wollte, kam wieder nicht so gut an – vor lauter Freude über ihre neue Tätigkeit hatte sie allen vorab eines ihrer Bücher geschickt. »Da habe ich wohl einen Fehler gemacht. Die haben mir das als Hochmut ausgelegt.«</p>



<p>Am meisten würden sich heute die Leute dafür interessieren, wie sie es damals geschafft habe, sich als einzige Frau unter Männern durchzusetzen. »Die Menschen sind vor allem von den unwahrscheinlichen, von den überraschenden Lebensläufen fasziniert, von den Tiefpunkten und wie man da wieder herauskommt. Welche Rolle die eigene Leistung spielte, der Zufall und das Glück«, sagt Pieper. Das lange nicht Sagbare sei heute eine ihrer häufigsten Erzählungen über sich selbst.</p>



<p>Und wenn es dann fertig ist, das Abklopfen beim Klassentreffen, das Bewerten, wenn sich vielleicht ein bisschen die eigene Bestätigung eingestellt hat, schon irgendwie okay zu sein, dann ist der Weg auch frei für die »Weißt du noch?«-Geschichten: Das alte Gefühl der Gruppe lebt wieder auf, die Verbindung, die Erinnerung an das gemeinsame Leben.&nbsp;</p>



<p><em>Eva Lindner</em>&nbsp;<em>übt sich gerade in einer neuen Geschichte: warum sie mit ihrer Familie nach Spanien gezogen ist. Die größte Herausforderung dabei: das Erzählen in korrektem Spanisch.</em></p>



<p>Bild: <a href="http://www.julianbaumann.com" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Julian Baumann</a></p>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Lindner]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2020 20:32:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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<h2 class="wp-block-heading">Home office? Kein Problem für uns. Expert*innen sein? Sind wir! Zuverlässig liefern? Immer! Was uns in Corona-Zeiten fehlt, sind Aufträge. Deshalb stelle ich Euch hier 10 Top-Selbstständige aus meinem Netzwerk vor. Macht mit &amp; spread the word! #supportSolo</h2>



<p></p>



<p>In den home offices dieses Landes sitzt gerade viel kreative Energie fest. Das muss sich ändern! Ich habe so viele tolle Selbstständige &#8211; oder &#8222;Solo-Selbstständige&#8220; wie ich in der Corona-Krise gelernt habe &#8211; in meinem Freundeskreis und Netzwerk. Denen brechen gerade Aufträge weg. Doch wir können auch <strong>digital moderieren, texten, schulen, coachen, beraten, filmen, designen, Eure kids unterhalten, Entspannung lehren, Eure Krisen lösen</strong>. </p>



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<p></p>



<h3 class="wp-block-heading">Ich bin <strong>Eva</strong>, das hier ist mein<em> <a href="https://eva-lindner.com/blog/" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Blog (öffnet in neuem Tab)">Blog</a></em> und ich fange mal an, diese tollen Menschen vorzustellen, die ihr unbedingt kennenlernen solltet:</h3>



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<div class="wp-block-media-text alignwide" style="grid-template-columns:31% auto"><figure class="wp-block-media-text__media"><img loading="lazy" decoding="async" width="873" height="873" src="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2019/11/Eva-Lindner-Journalistin.jpg" alt="Eva Lindner Journalistin" class="wp-image-233473" srcset="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2019/11/Eva-Lindner-Journalistin.jpg 873w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2019/11/Eva-Lindner-Journalistin-480x480.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 873px, 100vw" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p><strong>Eva</strong> &#8211; <em>Journalistin, Moderatorin, Trainerin, Coach</em></p>



<p>Ich bin <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Journalistin (öffnet in neuem Tab)" href="https://eva-lindner.com/arbeitsproben/" target="_blank">Journalistin</a> (v.a. Die Zeit, SZ), <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Moderatorin (öffnet in neuem Tab)" href="https://eva-lindner.com/moderation/" target="_blank">Moderatorin</a> und <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Trainerin (öffnet in neuem Tab)" href="https://eva-lindner.com/trainings/" target="_blank">Trainerin</a> für Social Media, Öffentlichkeitsarbeit und Digitalstrategien. Das alles ist wunderbar online und in Webinaren o.ä. möglich, darin habe ich Erfahrung. Außerdem mache ich gerade eine Ausbildung zum Personal- und Businesscoach und freue mich über Klient*innen fürs Online-Coaching. In Corona-Zeiten auf Spendenbasis! Schaut Euch auf meiner <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Homepage (öffnet in neuem Tab)" href="http://www.eva-lindner.com" target="_blank">Homepage</a> um and let&#8217;s talk! </p>
</div></div>



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<h3 class="wp-block-heading">Mit <strong>Merlin</strong> habe ich an der Axel-Springer-Akademie volontiert. Er war ein Top- Journalist, mittlerweile ist er ein Top-Berater und immer ein Top-Kollege:</h3>



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<div class="wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right" style="grid-template-columns:auto 39%"><figure class="wp-block-media-text__media"><img loading="lazy" decoding="async" width="1500" height="999" src="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/04/WhatsApp-Image-2020-03-30-at-16.42.06-1500x999.jpeg" alt="" class="wp-image-234209" srcset="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/04/WhatsApp-Image-2020-03-30-at-16.42.06-1500x999.jpeg 1500w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/04/WhatsApp-Image-2020-03-30-at-16.42.06-1280x853.jpeg 1280w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/04/WhatsApp-Image-2020-03-30-at-16.42.06-980x653.jpeg 980w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/04/WhatsApp-Image-2020-03-30-at-16.42.06-480x320.jpeg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) and (max-width: 1280px) 1280px, (min-width: 1281px) 1500px, 100vw" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p><strong>Merlin</strong> &#8211; <em>Berater für digitales Content Marketing</em></p>



<p>Merlin arbeitet für Agenturen wie Scholz &amp; Friends, TLGG oder C3. Er hilft Unternehmen dabei, Ihre Produkte und Markenbotschaften in redaktionelles Storytelling zu verpacken. Er produziert Social-Media-Content, <a rel="noreferrer noopener" aria-label="aktuell v.a. auf LinkedIn (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.linkedin.com/in/merlin-scholz-5b6169126/?originalSubdomain=de" target="_blank">aktuell v.a. auf LinkedIn</a>. Außerdem ist er Dozent und Trainer: &#8222;Storytelling in Business-Präsentationen&#8220; und &#8222;Social Media für Führungskräfte&#8220; &#8211; auch als Webinare. </p>
</div></div>



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<h3 class="wp-block-heading"><strong>Mona</strong> ist Herzensmensch, digital topfit und hat gerade in dieser angespannten Zeit unglaublich viel positive Energie:</h3>



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<div class="wp-block-media-text alignwide is-vertically-aligned-center" style="grid-template-columns:28% auto"><figure class="wp-block-media-text__media"><img loading="lazy" decoding="async" width="678" height="678" src="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/Simone_Orgel_r_hr-2.jpg" alt="" class="wp-image-234192" srcset="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/Simone_Orgel_r_hr-2.jpg 678w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/Simone_Orgel_r_hr-2-480x480.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 678px, 100vw" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p><strong>Mona</strong> &#8211; <em>Digitalstrategin</em> </p>



<p>Die Chance digitaler Verbindungen sind riesig, gerade in so heftigen Zeiten wie jetzt. Technik ist dabei wichtig, noch wichtiger aber, ein Verständnis und der Aufbau einer Digitalkultur. Als Digitalstrategin unterstützt sie kleine und große Organisationen dabei, diese Brücken klug zu bauen – technisch, wie&nbsp;kulturell. Sie gibt <a rel="noreferrer noopener" href="https://medium.com/@diewahremona/heftige-zeiten-als-chance-ein-lob-der-digitalen-verbindung-formatentwicklung-99373c64ab62" target="_blank">Digital-Tipps in Corona-Zeiten</a>. Mehr zu Mona findet ihr <a rel="noreferrer noopener" aria-label="hier (öffnet in neuem Tab)" href="http://www.simoneorgel.com/" target="_blank">hier</a>.</p>
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<h3 class="wp-block-heading"><strong>Frieder</strong> und ich arbeiten schon seit 2014 als Trainer zusammen. Davor haben wir irgendwas zusammen studiert. Lustigster Freund und Kollege ever:</h3>



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<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<div class="wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right" style="grid-template-columns:auto 23%"><figure class="wp-block-media-text__media"><img loading="lazy" decoding="async" width="259" height="390" src="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/04/anti-haengi.jpg" alt="" class="wp-image-234216" srcset="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/04/anti-haengi.jpg 259w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/04/anti-haengi-199x300.jpg 199w" sizes="(max-width: 259px) 100vw, 259px" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p><strong>Frieder</strong> &#8211; <em>Trainer und &#8222;Prezi&#8220;-Experte</em></p>



<p>Frieder ist Independent Prezi Expert und gibt Präsentations-Workshops für Berufstätige, Studierende und Schüler*innen. Diese Workshops bietet er auch digital an. Außerdem übernimmt er Prezi-Auftragsarbeiten. Abseits von Prezi kennt er sich mit Kommunikation, Vertrieb und seinem neuen Hobby &#8211; <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Kompost (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.instagram.com/king_kompost/" target="_blank">Kompost</a> &#8211; aus. Zu Frieders Homepage geht&#8217;s <a rel="noreferrer noopener" aria-label="hierlang (öffnet in neuem Tab)" href="http://friederkrauss.de" target="_blank">hier lang</a>.</p>
</div></div>
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<h3 class="wp-block-heading">Mit <strong>Eva</strong> teile ich den Lehrauftrag &#8222;Digitaler Journalismus&#8220; an der TH Nürnberg und den Feminismus. Sie ist immer hilfsbereit und kann Krise: </h3>



<p></p>



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<div class="wp-block-media-text alignwide" style="grid-template-columns:36% auto"><figure class="wp-block-media-text__media"><img loading="lazy" decoding="async" width="1500" height="998" src="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/WhatsApp-Image-2020-03-24-at-09.00.09-1500x998.jpeg" alt="" class="wp-image-234212" srcset="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/WhatsApp-Image-2020-03-24-at-09.00.09-1500x998.jpeg 1500w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/WhatsApp-Image-2020-03-24-at-09.00.09-1280x851.jpeg 1280w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/WhatsApp-Image-2020-03-24-at-09.00.09-980x652.jpeg 980w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/WhatsApp-Image-2020-03-24-at-09.00.09-480x319.jpeg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) and (max-width: 1280px) 1280px, (min-width: 1281px) 1500px, 100vw" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p><strong>Eva</strong> &#8211; <em>Expertin für Krisenkommunikation</em></p>



<p>Eva ist Gründerin und Geschäftsführerin der <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Achterknoten GmbH (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.achterknoten.de" target="_blank">Achterknoten GmbH</a>. Achterknoten hilft dabei, Kommunikation strategisch für den Krisenfall vorzubereiten und zu unterstützen. Dazu gehört zu analysieren, an welchen Stellen Krisen ausbrechen können und dann durchzuspielen, wie man strategisch mit welchem Personal wie reagieren kann. Sie erarbeitet Krisenpläne und schult die Kommunikatoren &#8211;  Kameratraining inklusive.</p>
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<p></p>



<p></p>



<h3 class="wp-block-heading">Mit <strong>Michael</strong> habe ich schon viele kreative Ideen ausgetauscht. Er weiß in Krisen-Zeiten, wie sich Kinder am besten zuhause beschäftigen:  </h3>



<p></p>



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<div class="wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right" style="grid-template-columns:auto 41%"><figure class="wp-block-media-text__media"><img loading="lazy" decoding="async" width="1500" height="844" src="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/vlcsnap-2020-03-22-23h51m02s246-1500x844.jpg" alt="" class="wp-image-234224" srcset="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/vlcsnap-2020-03-22-23h51m02s246-1500x844.jpg 1500w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/vlcsnap-2020-03-22-23h51m02s246-1280x720.jpg 1280w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/vlcsnap-2020-03-22-23h51m02s246-980x551.jpg 980w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/vlcsnap-2020-03-22-23h51m02s246-480x270.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) and (max-width: 1280px) 1280px, (min-width: 1281px) 1500px, 100vw" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p><strong>Michael</strong> &#8211; <em>Medienkonzepter</em></p>



<p>Michael arbeitet als Workshopleiter in Maker Spaces, um Kindern Kreativität mit Technik zu vermitteln. Das kann ein demonstrierender Protestroboter aus Elektroschrott sein, eine leuchtende Papiermaske ausgeschnitten von einem Lasercutter, oder auch eine Programmierübung zum ersten eigenen Computerspiel. Er produziert <a rel="noreferrer noopener" aria-label="selbst erstellten Video-Anleitungen (öffnet in neuem Tab)" href="http://tuduu.org" target="_blank">Video-Anleitungen</a>, bald wird es auch <a rel="noreferrer noopener" aria-label="hier (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.voltpaperscissors.com" target="_blank">hier</a> Materialien geben. Michaels Homepage findet ihr <a rel="noreferrer noopener" aria-label="hier (öffnet in neuem Tab)" href="http://michaelscheuerl.de" target="_blank">hier</a>. </p>
</div></div>



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<h3 class="wp-block-heading">Mit <strong>Rune</strong> habe ich schon zusammen<em> <a rel="noreferrer noopener" aria-label="unser eigenes Business (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.evaundrune.de" target="_blank">ei</a><a href="https://www.evaundrune.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="unser eigenes Business (öffnet in neuem Tab)">n</a><a rel="noreferrer noopener" aria-label="unser eigenes Business (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.evaundrune.de" target="_blank"> eigenes Business</a> </em>gegründet. Sie ist eine 100% loyale Geschäftspartnerin, Coaching-Kollegin und Freundin: </h3>



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<p></p>



<div class="wp-block-media-text alignwide" style="grid-template-columns:22% auto"><figure class="wp-block-media-text__media"><img loading="lazy" decoding="async" width="1000" height="1500" src="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/R1A2583-1000x1500.jpg" alt="" class="wp-image-234231" srcset="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/R1A2583-980x1470.jpg 980w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/R1A2583-480x720.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1000px, 100vw" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p><strong>Rune</strong> &#8211; <em>Mediatorin</em></p>



<p>Als Mediatorin unterstützt Rune Menschen (v.a. Paare) dabei, einander wieder besser zuzuhören, aus Konfliktspiralen auszusteigen und gemeinsame Lösungen zu finden. Das ist auch online möglich, gerade in der jetzigen Krisensituation. Sie hat lange in Lateinamerika gelebt und arbeitet mit internationalen Paaren auch zweisprachig auf Deutsch, Englisch, Portugiesisch und Spanisch. Wer in der aktuellen Lage Bedarf hat, melde sich gerne bei ihr für ein telefonisches Vorgespräch: <a rel="noreferrer noopener" href="mailto:rune.meissel@posteo.de" target="_blank">rune.meissel@posteo.de</a> oder über <a rel="noreferrer noopener" aria-label="deinfreiraum-berlin (öffnet in neuem Tab)" href="http://www.deinfreiraum-berlin.de" target="_blank">deinfreiraum-berlin</a>. </p>
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<h3 class="wp-block-heading">Mit <strong>Vanessa</strong> habe ich an der Axel-Springer-Akademie volontiert. Als Journalistin ist sie immer mutig, immer unterwegs, immer neugierig:</h3>



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<div class="wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right" style="grid-template-columns:auto 26%"><figure class="wp-block-media-text__media"><img loading="lazy" decoding="async" width="1125" height="1500" src="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/c1ec4387-a591-4c85-9952-37cbde941a9b-1125x1500.jpg" alt="" class="wp-image-234234" srcset="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/c1ec4387-a591-4c85-9952-37cbde941a9b-1125x1500.jpg 1125w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/c1ec4387-a591-4c85-9952-37cbde941a9b-980x1307.jpg 980w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/c1ec4387-a591-4c85-9952-37cbde941a9b-480x640.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1125px, 100vw" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p><strong>Vanessa</strong> &#8211; <em>Journalistin in Jerusalem</em></p>



<p>Seit Jahren arbeiten sie und ihre Kollegin Theresa als Journalistinnen&nbsp;im Nahen Osten. In dem Moment als Israel wegen Corona seine Grenzen schloss, hatten sie gerade ein ZDF-Auslandsjournal in Jerusalem abgedreht und beschlossen, zubleiben. Seitdem erzählen sie Geschichten über Siedler im Westjordanland, begleiten die Jugend in Gaza und verfolgen, wie die Weltreligionen in der heiligsten&nbsp;Stadt der Welt mit Corona umgehen.&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" aria-label="Vanessa (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.torial.com/vanessa.schlesier" target="_blank">Vanessa</a> und <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Theresa (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.torial.com/theresa.breuer" target="_blank">Theresa</a> können drehen, schreiben, schneiden &#8211; und sich als akkreditierte&nbsp;Journalistinnen frei bewegen. Kontakt: <a rel="noreferrer noopener" href="mailto:vanessa@yallabye.de" target="_blank">vanessa@yallabye.de</a></p>
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<h3 class="wp-block-heading"><strong>Katha</strong> hat mir und Rune schon unsere schöne <em><a href="https://www.evaundrune.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Website für Freie Trauungen (öffnet in neuem Tab)">Website für Freie Trauungen</a> </em>gezaubert. Sie ist eine wunderbar kreative und inspirierte Grafikdesignerin: </h3>



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<div class="wp-block-media-text alignwide" style="grid-template-columns:21% auto"><figure class="wp-block-media-text__media"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" src="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/IMG_7042.png" alt="" class="wp-image-234236" srcset="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/IMG_7042.png 480w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/IMG_7042-225x300.png 225w" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p><strong>Katha</strong> &#8211; <em>Grafikdesignerin</em></p>



<p>Katha ist spezialisiert auf Corporate Design, Brand Experience und User Experience Design. Sie übersetzt komplexe Inhalte und Abläufe in grafische Benutzeroberflächen. Außerdem macht sie App-Entwicklungen, Service Design, Human-Machine-Interaction und gibt Design Thinking Workshops. All das und noch viel mehr <a rel="noreferrer noopener" aria-label="hier (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.hellokatha.com" target="_blank">hier</a>. </p>
</div></div>



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<h3 class="wp-block-heading">Und jetzt: Entspannung! <strong>Sabrina</strong> ist meine liebe Coaching-Kollegin und Yogalehrerin und hat ihr Wohnzimmer in ein virtuelles Yoga-Studio verwandelt:</h3>



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<div class="wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right" style="grid-template-columns:auto 27%"><figure class="wp-block-media-text__media"><img loading="lazy" decoding="async" width="828" height="828" src="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/WhatsApp-Image-2020-03-21-at-15.54.25.jpeg" alt="" class="wp-image-234238" srcset="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/WhatsApp-Image-2020-03-21-at-15.54.25.jpeg 828w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/WhatsApp-Image-2020-03-21-at-15.54.25-480x480.jpeg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 828px, 100vw" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p><strong>Sabrina</strong> &#8211; <em>Yogalehrerin und Trainerin für Stressmanagement</em></p>



<p>Sabrina unterrichtet Jivamukti und Yin Yoga und arbeitet als Trainerin für Stressmanagement. Normalerweise unterrichtet sie bei Peace Yoga Berlin und bei Yoga Now Berlin mehrere Klassen wöchentlich. Aktuell bietet sie für beide Stile Live Online Klassen an. Alle Zeiten und Infos findet Ihr <a href="https://sabrinahense.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="hier (öffnet in neuem Tab)">hier</a> oder auf <a href="https://www.instagram.com/sabrina_hense_yoga/" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Sabrinas Insta-Profil (öffnet in neuem Tab)">Sabrinas Insta-Profil</a>. </p>
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		<title>Paare im Ausnahmezustand</title>
		<link>https://eva-lindner.com/paare-im-ausnahmezustand/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Lindner]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Feb 2020 14:09:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[erschienen in]]></category>
		<category><![CDATA[Baby]]></category>
		<category><![CDATA[Elternzeit]]></category>
		<category><![CDATA[erstes Jahr mit Kind]]></category>
		<category><![CDATA[Eva Lindner]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Mama]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit Wissen Magazin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zeit Wissen Magazin</p>
<p>Das Leben mit Baby ist ja soooooo schööööön? Kann sein. Aber das erste Jahr nach der Geburt ist vor allem ein Leben am Limit. Warum tun alle so, als ginge sie das nichts an?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://eva-lindner.com/paare-im-ausnahmezustand/">Paare im Ausnahmezustand</a> erschien zuerst auf <a href="https://eva-lindner.com">Eva Lindner</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">Das Leben mit Baby ist ja soooooo schööööön? Kann sein. Aber das erste Jahr nach der Geburt ist vor allem ein Leben am Limit. Warum tun alle so, als ginge sie das nichts an?</h2>



<p></p>



<p><em>von Eva Lindner, Zeit Wissen Magazin, 21. Februar 2020 </em></p>



<p></p>



<p>Neulich ziehe ich ein Schreiben von der Berliner Charité aus dem Briefkasten. Die Uni-Klinik beglückwünscht mich zu meinem Kind, das vor etwas mehr als einem Jahr auf die Welt gekommen ist, und bittet mich, an einer Studie teilzunehmen. Thema: Psychosoziale Belastungen von Eltern im ersten Lebensjahr ihres Kindes. Die Ergebnisse der Studie sollen helfen, Belastungen vorzubeugen und betroffene Familien zu unterstützen.</p>



<p>Während ich die Fragen beantworte, wird mir klar, was alles anders, schlimmer sein könnte. Unser Kind ist gesund, schreit weder besonders viel noch beunruhigend wenig, schläft weder besonders gut noch schlecht. Ich konnte meine Tochter stillen, sie ist ein aufgewecktes, fröhliches Mädchen. Wir sind ein junges Paar, leben in der Großstadt, führen eine gleichberechtigte Beziehung, verdienen beide genug Geld, teilen uns die Kosten, die Hausarbeit, die Sorgen und den Spaß.</p>



<p>Und doch, wenn ich auf das vergangene Jahr blicke, mein erstes als Mutter, hat sich alles in meinem Leben verändert. Mein Körper, meine Beziehung, meine Freundschaften, meine Arbeit, mein Selbstbild, Glaubenssätze und Werte. Das vergangene Jahr war wie eine Waschmaschine. Ich wurde ordentlich durchgewalkt, und hin und her geschleudert, ich stand Kopf, war verwirrt und orientierungslos, mir wurde schwindelig. Ich habe Haare gelassen und ein bisschen Farbe auch. Am Ende bin ich weichgespült, mit ein paar Falten und erschöpft aus der Trommel gestiegen.</p>



<p>Elternschaft wirft grundsätzliche Fragen meiner Generation auf: nach Gleichberechtigung, Rollenverteilung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Körperbewusstsein und Sexualität. Das erste Jahr mit Kind ist vielleicht der natürlichste Zustand der Welt. Aber es ist ein Ausnahmezustand.</p>



<p>Am Anfang steht ein Kontrollverlust. Die Geburt meiner Tochter ist der erste Termin in meinem Leben, der sich nicht in einen Kalender eintragen lässt. Alles wabert um den sogenannten Geburtstermin herum, der keiner ist, weil er im Ungefähren liegt. Es gelingt mir nicht, mich in der Schwangerschaft auf das vorzubereiten, was kommt. Wie auch bei der vagen Verheißung: Bald ändert sich dein ganzes Leben. Inwiefern? Das verstehst Du erst, wenn es soweit ist. Meine Generation der Mittdreißiger hat für jede Befindlichkeit eine App auf dem Telefon und überlässt wenig dem Zufall. Solche Aussichten machen uns sehr nervös.</p>



<p>Unser Baby bekommt kein Kinderzimmer. Wofür, denke ich, es wird im ersten Jahr sowieso immer nah bei uns sein. Ich brauche meinen Schreibtisch dringender als ein Minimensch, der noch nicht laufen kann. Das Büro in ein Kinderzimmer zu verwandeln hätte aus mir, einer in Selbstständigkeit arbeitenden Frau, eine Mutter gemacht. So weit war ich noch nicht. Meine Schwangerschaft steht unter dem Glaubenssatz »Mit Kind wird nichts mehr sein wie vorher«. Da ich das Vorher aber sehr gerne mag, bemühe ich mich, so viel wie möglich davon anzuhäufen. Als Vorschuss sozusagen, so wie man am Wochenende Kraft für den Montag sammelt. Ich buche meinen und den Terminkalender meines Mannes mit Theater-, Opern-, Kino- und Freundesbesuchen voll, bis er komplett den Überblick verliert, wo er wann mit mir hingehen muss. Auf dem Sprung zu irgendeiner dieser Veranstaltungen platzt die Fruchtblase.</p>



<p>Ich verliere wieder die Kontrolle, diesmal über meinen Körper. Unter der Geburt tut er, was er tun muss. Nichts von dem, was aus mir herausbrüllt, -fließt, -schiebt und -drückt, habe ich im Griff. Mein Körper ist nur noch Natur, verletzlich, intim, stark. Am Ende darf ich meine Tochter unter den Armen fassen und aus mir herausziehen. Eine archaische, gruselige und zauberhafte Erinnerung. Eine, die ich aufschreiben, aber mit dem Verstand bis heute nicht fassen kann.</p>



<p>Die Tage danach wabern wir in unserer Baby-Blase. Stillen, schlafen, staunen. Jeder Gedanke verschwimmt sofort wieder in Unschärfe. Wir vergessen die Fragen, die wir an die Hebamme haben, schreiben sie auf, vergessen, wo. Wir rätseln und wissen nicht, was wir tun. Aber unser Kind lebt und atmet, darüber wachen wir Tag und Nacht. Irgendwann rutsche ich in etwas, das den niedlichen Namen »Babyblues« trägt. Durch die Hormonumstellung kann es zu Stimmungsschwankungen kommen, die oft nur ein paar Tage dauern. Ich erlaube mir zu zweifeln. Ein paar Tage.</p>



<p>Nach ein paar Wochen ist aus dem Blues ein experimentelles Jazzstück geworden, das anhebt und abflaut, unvermittelt aufschreit und im nächsten Moment leise summt. Wenn wir spazieren gehen, fühle ich mich wie gefesselt. An den riesigen Kinderwagen, mit dem ich überall im Weg stehe. An mein Kind, das an mir hängt. Die Wickeltasche nicht vergessen, Windeln, Tücher, Schnuller, Zeug. Ich sehne mich nach meiner Freiheit von früher, Geldbeutel, Handy, Schlüssel, aufs Rennrad und los. Egal wohin, egal wie lang. Allein sein. Ohne Ausziehen, Umziehen, Anziehen, »Habe ich alles?«. Windel voll, wieder von vorne. Ständig müde, kopflos, rastlos. Ich sehe meine Tochter an und frage mich, ob ich sie nicht genug liebe. Bin ich eine schlechte Mutter, die nach den vielen Jahren der Individualität nicht mehr zurückstecken kann? Warum jammere ich, wenn ich doch ein gesundes Wunschkind habe?</p>



<p>Ich will mein früheres Leben nicht zurück und komme im neuen nicht an. Eine Zwischenweltlerin. Ich dachte, als Mutter würde ich sofort unermesslich lieben. Müsste ich nicht vom Glück überwältigt sein? Neun Monate wuchs mein Kind im meinem Körper, und jetzt ist es mir manchmal fremd. Als müsste ich erst kennenlernen, was Teil von mir war. Nur mit meinem Mann traue ich mich über meine Gefühle zu sprechen. Er sagt, es gehe ihm genauso. Hat er zu wenig Vaterliebe? Das Wort schreibt sich ungewohnt.</p>



<p>Der Sommer heizt unsere Stadt auf, und mein Kind hat Durst. Ich stille unter Schmerzen. Irgendetwas klappt nicht. Am Anfang denke ich, das gehört so, will niemandem zur Last fallen. Als ich um Hilfe bitte, ist es zu spät. Ich sitze weinend vor meiner Hebamme, sie ist ratlos. Alles, was sie vorschlägt, funktioniert nicht. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, sechs Monate zu stillen, so wie es die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. Also zwinge ich meinen Körper, zu leisten, was ich von ihm erwarte. Ich beiße die Zähne zusammen. Beobachte die anderen Mütter und das Wunder: Ein Körper ernährt einen zweiten. Einfach so.</p>



<p>Der Sommer steht unter dem Glaubenssatz »Ich kann mit Kind alles machen, was ich vorher gemacht habe«. Ich buche Yoga-Kurse für Mütter mit Kindern, schiebe den Kinderwagen ins Museum, an den See und zum Steuerberater. Ich nehme Klavierunterricht, spiele um den kleinen Rücken herum, während meine Tochter in der Trage vor meinem Bauch schläft. Sie macht alles mit, als wollte sie mir zurufen: »Entspann dich, Mama, ich nehm dir dein Leben schon nicht weg.«</p>



<p>Im vierten Monat beginne ich wieder zu arbeiten. Zu Hause, in Teilzeit. Wieder Zweifel. Kann ich mich überhaupt noch konzentrieren, komplex denken? Kann ich noch was anderes als stillen, wickeln, dududada? Wird sie mir fehlen und ich ihr?</p>



<p>Wir teilen uns die Kinderbetreuung im ersten Jahr und nutzen alles, was sich der Staat für uns überlegt hat: Elterngeld, ElterngeldPlus, Partnerschaftsbonus. Wir haben es einfacher als andere Eltern. Weil das Geld reicht, weil wir gesund sind und uns beide um beides kümmern wollen: Geld verdienen und das Baby aufziehen. Doch unser Ideal der gleichberechtigten Elternschaft prallt jäh mit der Arbeitswelt zusammen.</p>



<p>Ich bekomme kaum Aufträge, weil niemand schon so früh mit mir rechnet. Die meisten erwarten mich erst nach einem Jahr zurück. Tauche ich auf Veranstaltungen auf, fragen mich Kolleg*innen, wo denn mein Kind sei. Eine Frage, die mein Mann nie hört. Sie gibt mir das Gefühl, ich sollte eigentlich woanders sein. Stolz zieht mein Mann unterdessen als einziger Vater in der Mamirunde die bewundernden Blicke beim Babyschwimmen an. Freunde klopfen ihm auf die Schulter, »Toll, dass du so viel Verantwortung übernimmst«.Warum ist die Hälfte bei Männern viel und bei Frauen wenig?</p>



<p>Obwohl meine Freundinnen ihre Partnerschaften ähnlich leben – modern, emanzipiert, gleichberechtigt –, teilen sich die wenigsten das erste Jahr auf. Meist bleibt die Mutter zwölf Monate zu Hause, der Vater zwei. Er verdiene mehr, sei bei der Arbeit unabkömmlich, sie wolle stillen und sei froh über die Auszeit vom Job. Unzählige Argumente für ein Familienmodell, wie es unsere Eltern schon lebten. Ich will meine Freundinnen an den Schultern packen und schütteln: Jetzt stellen wir die Weichen für eine gleichberechtigte Zukunft. Wir müssen uns ändern, sonst ändert sich nie was. Jeder Vater ist im Büro ersetzbar, aber nicht zu Hause. Wir begutachten einander misstrauisch, vergleichen und bewerten.</p>



<p>Als mein Mann nach drei Monaten in Teilzeit zurückkehrt, findet er sich auf einer neuen Position wieder, die er nie haben wollte, die ihm nicht entspricht, die unter seinen Fähigkeiten liegt. Karriereknick nach Elternzeit, ein Klassiker, normalerweise geschrieben für das weibliche Narrativ.</p>



<p>Die kommenden sechs Monate teilen wir uns jeden einzelnen Tag auf, tauschen mittags Schreib- gegen Wickeltisch. Wer sich an Ersteren setzt, atmet auf. Arbeit ist unser neuer Urlaub. Wir freuen uns beide auf die Babyschicht, aber sie ist die härtere. Am Schreibtisch ist Ruhe, wir dürfen Gedanken zu Ende denken und bekommen Anerkennung für das, was wir tun. Am Wickeltisch ist Chaos, nichts ist jemals fertig, nichts aufgeräumt, keiner sagt: »Vorbildlich, wie Sie die Wundcreme auf den Babypopo aufgetragen haben«.</p>



<p>Unser System ist fragil, darauf ausgelegt, dass wir jeden Tag funktionieren als Berufstätige, als Eltern, als Team. Fällt einer aus, kracht alles zusammen. Ich bin krank = ich kann nicht arbeiten = ich verdiene kein Geld = ich kann mich nicht ums Kind kümmern = er kann nicht arbeiten.</p>



<p>Manchmal füttert er mich abends, weil das Baby endlich in meinem Arm eingeschlafen ist und wir es auf keinen Fall wachruckeln wollen. Oder wir diskutieren mit letzter Kraft, warum einer irgendwas so und nicht anders gemacht hat. Unsere Sprache verändert sich. Wo früher viel Raum für Zuneigung und Zuspruch war, herrscht jetzt oft ein Ton wie in einer Großküche. »Kannst du mal schnell &#8230;«, »Hältst du mal &#8230;«, »Hol mal kurz &#8230;«. Alles muss sofort und schnell passieren, das Baby bringt eine Dringlichkeit in unsere Beziehung, die wir vorher nicht kannten.</p>



<p>Die Kleine ist in kürzester Zeit zum Familienoberhaupt aufgestiegen. Anders als wir hat sie gerade die vielleicht steilste Karriere ihres Lebens hingelegt. Sie hat zwei Mitarbeiter, die alles tun, damit sie glücklich und zufrieden ist. Die machen Überstunden, denken selbstständig mit, übernehmen Verantwortung, trödeln nicht in der Mittagspause, hängen nicht am Handy, wenn die Chefin anwesend ist, sind genügsam und fordern nichts.</p>



<p>Und noch etwas hat neuerdings permanent Zugriff auf mich: das schlechte Gewissen. Rufen Auftraggeber mich am späten Nachmittag an, während meine Tochter gerade Bauklötze gegen die Keksdose hämmert: schlechtes Gewissen. Höre ich meinen Freundinnen nur mit halbem Ohr zu, weil ich ständig aufs Baby schaue: schlechtes Gewissen. Haben mein Mann und ich mal einen ruhigen Abend und ich schlafe um 20.30 Uhr auf dem Sofa ein: schlechtes Gewissen. Mutter, Berufstätige, Freundin, Liebhaberin: So sehr ich mich bemühe, alle Bälle in der Luft zu halten, es gelingt mir einfach nicht. Ich bin unzufrieden mit mir und meinem Körper. Mir fallen Haare aus. Ich entdecke graue Strähnen. Der Beckenboden hängt, der Bauch auch, mein Stillkörper ist darauf ausgelegt, einen Menschen zu nähren, auf nichts anderes. Einmal fragt die Bedienung im Restaurant mit einem verschmitzten Blick auf meinen Bauch, ob sich da schon das zweite ankündigt. Von wegen »Mein Bauch gehört mir«. Eine Mutter und ihr Körper sind open source. Alle dürfen mitreden. So schnell wieder schlank oder immer noch so rund. Arbeitet schon wieder oder immer noch nicht. Stillt immer noch oder schon nicht mehr. Hat ihr Kind nicht unter Kontrolle oder ist zu autoritär. Die anderen wissen es immer besser.</p>



<p>Einmal fahren wir von einem Ausflug mit dem Zug nach Hause. Das Abteil ist voll, Fahrgäste sitzen in den Gängen. Irgendwann fängt unser Baby an zu schreien. Wir arbeiten die heiligen Fünf ab: Hunger, Durst, Windel, Temperatur, Nähe. Nichts kann es besänftigen. Wir schwitzen, bitten um Entschuldigung. Ein junges Paar ohne Kind macht uns Platz am Fenster, lächelt uns an, fragt, ob sie irgendwie helfen können. Ihre Solidarität ist unsere Rettung. Ich will etwas sagen wie: Mein Kind ist meine größte Herausforderung, aber auch meine größte Bereicherung. Niemand triggert so sehr meine wunden Punkte und lehrt mich gleichzeitig, im Augenblick zu leben, geduldig zu sein, empathisch. Aber sie hätten es eh nicht gehört. Das Baby schreit zu laut.</p>



<p>Neulich war ich das erste Mal seit der Geburt meines Kindes ein Wochenende alleine zu Hause. Ich gehe durch die Wohnung. Unsere Tochter hat mittlerweile ihr eigenes Zimmer. Mein Mann und ich schlafen im Büro, wo ich tagsüber arbeite. Es ist der kleinste Raum. Im größten schläft und spielt unsere Tochter.</p>



<p>In der Wohnung ist alles still. Die beiden sind ausgeflogen. Ich fühle mich frei. Kein »Hat sie was Gesundes gegessen?«, »Fördere ich sie genug?«, »War sie an der frischen Luft?«. Keine Verantwortung, keine Zweifel, keine Diskussionen. Dafür Ruhe, schlafen, allein sein. Und wissen, dass die beiden wiederkommen. Es ist wunderbar. Darf ich das sagen?</p>



<p><em>Nach der Veröffentlichung des Textes im Zeit Wissen Magazin wurde ich in den Podcast &#8222;Mission Mama&#8220; eingeladen, um über das erste Jahr mit Kind zu sprechen. Die Folge ist <a href="https://podimo.com/de/shows/bc50b740-9acc-4acf-a758-f1a767bdd088/episode/41047b81-4fa2-4664-9e33-640122936e50" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="hier (öffnet in neuem Tab)">hier</a> nachzuhören.  </em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://eva-lindner.com/paare-im-ausnahmezustand/">Paare im Ausnahmezustand</a> erschien zuerst auf <a href="https://eva-lindner.com">Eva Lindner</a>.</p>
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		<title>Die Stille nach dem Schluss</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Lindner]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Feb 2020 11:17:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[erschienen in]]></category>
		<category><![CDATA[Erfahrungsbericht]]></category>
		<category><![CDATA[Suizid]]></category>
		<category><![CDATA[Trauer]]></category>
		<category><![CDATA[Umgang]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dummy Magazin</p>
<p>Ein Mensch, der sich selbst tötet, zerstört auch das Leben seiner Angehörigen und Freunde. Eva Lindner schreibt darüber, wie man damit klarkommt (oder auch nicht)</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://eva-lindner.com/die-stille-nach-dem-schluss/">Die Stille nach dem Schluss</a> erschien zuerst auf <a href="https://eva-lindner.com">Eva Lindner</a>.</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Ein Mensch, der sich selbst tötet, zerstört auch das Leben seiner Angehörigen und Freunde. Eva Lindner schreibt darüber, wie man damit klarkommt (oder auch nicht)&nbsp;</h2>



<p></p>



<p><em>von Eva Lindner, Dummy Magazin, 15. März 2020</em></p>



<p></p>



<p>Es ist Dienstag, der 14. Januar 2014, 16.51 Uhr, als der Tod in mein Leben tritt.&nbsp;</p>



<p>Berlin, Bahnhof Warschauerstraße, ich steige aus der S-Bahn, als ich zwei verpasste Anrufe und eine SMS von Matthias*, dem besten Freund meines Ex-Freundes, auf dem Telefon sehe. Er ruft nur an, wenn es Probleme gibt, wenn er Tom irgendwo abholen muss, wenn Tom außer sich vor seiner Tür steht, wenn Matthias ihn sucht. Als ich Matthias’ Stimme höre, ahne ich bereits, was passiert ist. Das, was nicht passieren durfte, wovor ich immer Angst hatte.&nbsp;</p>



<p>„Fahr zu einer Freundin, setz dich hin und ruf mich dann zurück.“</p>



<p>„Nein, ich will es jetzt wissen. Lebt Tom noch?“</p>



<p>Ich habe das Gefühl, mein Kopf krampft sich zusammen. Ein Teil von mir verlässt meinen Körper, blickt von außen auf mich, sieht mich, wie ich da sitze. Den Kopf auf die Hand gestützt, unfähig zu weinen, eine Bank am S-Bahn-Gleis, Menschen gehen vorbei.&nbsp;</p>



<p>„Wann?“</p>



<p>„Gestern.“</p>



<p>„Wo?“</p>



<p>„Ein Hochhaus, mitten in Berlin.“</p>



<p>„Wie?“</p>



<p>„Gesprungen.“&nbsp;</p>



<p>„Fahr zu einer Freundin, bleib jetzt nicht allein.“&nbsp;</p>



<p>S-Bahn, einsteigen, aussteigen, laufen, atmen, laufen, atmen.&nbsp;</p>



<p>Im Treppenhaus falle ich auf die Stufen, lege anschließend meinen Kopf in den Schoß meiner Freundin.&nbsp;</p>



<p>Schreie, weine. Weine, weine, weine.&nbsp;</p>



<p>Warum, Tom? Warum Tom?</p>



<p>Abends sitzen wir gemeinsam bei Matthias. Freunde. Wir halten uns an den Händen und in den Armen. Wie Überlebende krallen wir uns aneinander fest, der Tod ist unter uns. Wir versuchen zu rekonstruieren: Wer hat Tom als letztes gesehen? Wen hat er als letztes angerufen? Hat er etwas angedeutet? Wir wollen das Unverständliche verstehen. Er wollte nächste Woche eine Bekannte auf dem Land besuchen. Keiner hat es kommen sehen.&nbsp;</p>



<p>Nachts sehe ich ihn im Traum, wie er da oben steht. Anlauf nimmt. Über das Geländer auf der Besucherterrasse des Hochhauses springt. Stürzt, im tiefen Fall. Ich schrecke hoch. Wie unermesslich muss sein Leid gewesen sein, dass es seinen Lebenswillen unterdrückt hat? Wie wenig geliebt muss er sich gefühlt haben? Wie einsam muss er gewesen sein? Sein Schmerz wird zu meinem Schmerz. Ich krümme mich im Bett. Der Sprung aus der Welt war für ihn das Ende der Qualen. Für mich war es der Anfang.&nbsp;</p>



<p>Am nächsten Morgen kann ich nicht aufstehen. Der Tag soll nicht beginnen, soll mich nicht mitziehen in seinen Lauf, es soll nicht weitergehen. Ich will, dass die Zeit stehen bleibt. Früher hat man die Uhren in den Häusern Verstorbener angehalten. Was für ein schönes Ritual. Toms Lebenszeit ist stehengeblieben, meine läuft weiter. Jede Sekunde, die vergeht, trennt uns ein Stück weiter voneinander. Tick – Tack – Tick – Tack. Leben – Tod – Leben – Tod. Ich tue, woran er nicht mehr glaubte. Tom wird für immer 29 Jahre alt bleiben.&nbsp;</p>



<p>Als ich mich hochrappele, fühlt es sich an, als ob ich gleich wieder zusammenbrechen werde. Will es förmlich, alles Haltende niederreißen, alles Kontrollierte wegstoßen, mich fallen lassen, auf den Boden sinken, wegdösen.&nbsp;</p>



<p>Ich will nicht, dass er tot ist.&nbsp;</p>



<p>Ich will nicht, dass er tot ist.&nbsp;</p>



<p>Ich will nicht, dass er tot ist.</p>



<p>Am nächsten Tag gehe ich mit Freunden zu dem Hochhaus, auf dem Tom seine letzten Atemzüge gemacht hat. Ihm noch einmal nahe sein. Da sein, wo er war. Wir fahren nach oben und schauen die elf Stockwerke hinunter auf den Boden. Hinauf in den Himmel. Wie ist das, sekundenlang zu fliegen und zu wissen, alles ist vorbei, wenn man ankommt? Ob er leiden musste beim Aufprall? Menschen, die einen Suizidversuch überlebt haben, berichten, dass sie kein Schmerzempfinden hatten. Ob sie nichts gespürt haben oder sich lediglich an nichts erinnern können, ist nicht erwiesen.&nbsp;</p>



<p>„Wie hätte die Alternative ausgesehen?“, fragt ein Freund, „Von einer Klinik zur nächsten. Zwangseinweisungen, Medikamente, vernebelter Verstand, um das Leben ertragen zu können.“&nbsp;</p>



<p>Depressionen, Schizophrenie, Psychosen heißen die Diagnosen, die Ärzte Tom gegeben haben, Namen, die an ihm hafteten wie Sekundenkleber, den man nur schwer wieder abbekommt. Diagnosen, die ihn stigmatisierten. Ihn zu einem Kranken machten, den die Gesunden meiden. Zu einem Kaputten, in einer Gesellschaft, in der der Wert des Einzelnen danach bemessen wird, wie gut er funktioniert.&nbsp;</p>



<p>Die Menschen ohne Diagnose nennen die anderen „verrückt“. Sie selbst sind der Norm entsprechend. Depressionen, Schizophrenie, Psychosen – medizinische Begriffe für einen Menschen, der sich verändert hat. Der die Bilder in seinem Kopf nicht mehr mit seiner Umgebung übereinbekommt. Der nicht therapiert, sondern geliebt werden will. Dem die Angst das Herz zerfrisst. Für ihn gab es kein richtiges Leben im falschen, da hatte Adorno ganz recht.</p>



<p>Fast sieben Jahre lang waren Tom und ich ein Paar. Wir lernten uns in den ersten Semestern an der Uni kennen. Wir wollten wie alle jungen Paare für immer zusammen sein, gemeinsam der Welt die Stirn bieten, vielleicht irgendwann Kinder haben. Er wollte Filme drehen, die Welt verändern. Doch die Welt wollte sich nicht von ihm verändern lassen. Neben mir war das Gras, das er rauchte, sein liebster Begleiter. Anfangs nur ab und zu, nach der Absage einer Filmhochschule immer häufiger. Nach meiner ersten Magisterprüfung holten mich Freunde von der Uni ab.&nbsp;</p>



<p>„Wir mussten Tom heute Nacht in die Klinik bringen.“&nbsp;</p>



<p>Er irrte wirr durch die Stadt. Psychose. Ich verschob meine restlichen Prüfungen, verbrachte die Tage bei ihm im Krankenhaus. Sie spritzen ihm Neuroleptika.</p>



<p>&nbsp;„Psychose, was soll das sein?“, fragt Tom. „Ich hatte die ganze Zeit alles unter Kontrolle.“&nbsp;</p>



<p>Als ich meinen Abschluss nicht weiter hinauszögern kann, sitze ich in der mündlichen Prüfung und weiß irgendwann nicht mehr, worüber wir überhaupt reden. Blackout. Nichts geht mehr. Mein Dozent ist gnädig, ich bestehe trotzdem.&nbsp;</p>



<p>Als es Tom bessergeht, ziehe ich für meinen ersten Job nach Berlin. Ein knappes Jahr später kommt er nach, in unsere erste gemeinsame Wohnung. Er hat sich verändert, ist empathielos, unruhig, unsicher. Eine Therapie will er nicht machen, „ich brauch das nicht“, sagt er, „ich bin nicht krank.“ Wir streiten, bevor ich morgens zur Arbeit gehe und wenn ich abends nach Hause komme. Das Gras bestimmt wieder seinen Lebensrhythmus.&nbsp;</p>



<p>Eines Tages stehen wir gemeinsam auf dem Dach, auf dem er Jahre später seine letzten Minuten verbringen wird. Wir lehnten uns gegen das Geländer. Sehen hinauf in den Himmel. Und die elf Stockwerke hinunter.&nbsp;</p>



<p>„Weißt du noch, als es mir so schlecht ging? Als ich aus der Klinik kam? Da stand ich auch hier oben und habe darüber nachgedacht, runter zu springen“</p>



<p>„Wirklich?“</p>



<p>„Ja“</p>



<p>„Aber jetzt er doch weg dieser Gedanke, oder?“&nbsp;</p>



<p>„Ja, keine Angst. Jetzt ist er weg.“</p>



<p>Er hat sich fürs Leben entschieden. Dieses Mal.&nbsp;</p>



<p>Ein knappes Jahr später stehen wir vor den Trümmern unserer Beziehung.&nbsp;</p>



<p>Nachdem ich ein Viertel meines Lebens mit ihm geteilt habe, mit ihm gelacht, gelitten und geliebt habe, würde ich den Rest meines Lebens ohne ihn verbringen müssen. Ohne Tom.</p>



<p>Auf der Trauerfeier nimmt Toms Mutter mich in den Arm, sagt, „dich trifft keine Schuld. Du warst die Frau seines Lebens.“&nbsp;</p>



<p>Sein Körper hat den Sturz aus dem elften Stock wie durch ein Wunder äußerlich unbeschadet überstanden. Wir dürfen uns am offenen Sarg von ihm verabschieden. Ich will allein zu ihm gehen. Als ich die Türe öffne, ist es still. Kerzen brennen, das Licht ist gedimmt, ein paar Stuhlreihen stehen vor dem Sarg. Als ich ihn darin sehe, krampft sich alles in mir zusammen, ich schreie auf. Mein erster Impuls ist, wegzulaufen. Aber ich will das schaffen, halte mich an der Wand fest und taste mich nach vorn zu ihm. Die Anwesenheit des Todes zerrt an mir, ich weine laut, meine Stimme versichert mir meine Lebendigkeit. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich vor ihm auf einem Stuhl sitze und mit ihm rede.&nbsp;</p>



<p>Ich will seine Hand berühren, traue mich aber nicht. Ich habe Angst, vor dem Gefühl der toten Haut. Er sieht blass aus, ausgezerrt, erlöst. Irgendwann atme ich tief. Er, wie er da so liegt und nichts mehr tut, und ihn nichts mehr peinigt, beruhigt mich. Wir haben früher ständig diskutiert, jetzt gibt es nichts mehr zu debattieren. Er hat eine Entscheidung getroffen, ich muss sie akzeptieren.</p>



<p>Toms letztes Lebenszeichen an mich war eine SMS zu meinem Geburtstag, drei Monate vor seinem Tod. Er hat mir gratuliert, ich habe nie geantwortet. Warum nicht? Warum habe ich mich nicht mehr bedankt? Der Gedanke nagt in mir, wie ein Wurm an einem Apfel, stetig, gleichförmig, gewillt, ihn zu durchdringen und von innen zu zersetzen.</p>



<p>Ein paar Monate nach unserer Trennung ging es Tom schlechter. Seine neuen Mitbewohner melden sich bei mir. Einmal ruft die Polizei an, sie hätten ihn aufgesammelt wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Er wolle von mir abgeholt werden.&nbsp;</p>



<p>Wie soll man sich entlieben, wenn der andere ständig Unterstützung einfordert?&nbsp;</p>



<p>Kurz darauf ist er wieder in der Klinik, zweite Psychose.&nbsp;</p>



<p>Er ruft mich wieder regelmäßig an. Er wolle mir nur sagen, was ich für eine tolle Freundin war und sich bedanken, für alles, was ich für ihn getan habe. Es klingt wie ein Abschied. Ich bin alarmiert, telefoniere herum, schicke Freunde zu ihm. Nein, er wird sich nichts antun, versichern sie mir. Er schafft das schon. Heute weiß ich, es war ein Abschied.&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Würde er noch leben, wenn ich mich nicht von ihm getrennt hätte? Was für ein Paar wären wir heute? Hätte er sich trotzdem das Leben genommen?</p>



<p>Vielleicht hätte es etwas geändert, vielleicht hätte eine SMS von mir ihn davon abgehalten, sich zu töten. Vielleicht wäre es ein Zeichen gewesen, dass wir irgendwann neu aufeinander zugehen können. Eine freundschaftliche Beziehung aufbauen.&nbsp;</p>



<p>„Das ist doch anmaßend“, sagt ein Freund. „Glaubst du wirklich, du hättest ihn mit einer SMS davon abhalten können? Wie groß, schätzt du, war dein Einfluss auf ihn?“ Schuldfragen sind selbstsüchtige Fragen. In seine Entscheidung war ich nicht eingebunden. Aber die Auswirkungen treffen mich tief. Suizid bedeutet Kontrollverlust.&nbsp;</p>



<p>Der neunte Tag nach Toms Tod ist der erste, an dem ich nicht weine. Sofort überfällt mich das schlechte Gewissen. Vergesse ich ihn, wenn der Schmerz nachlässt? Tom ist nicht mehr lebendig, aber meine Trauer ist es. Ich will sie am Leben halten, dann ist da wenigstens noch irgendetwas. Wenn sie vergeht, was dann? Die Trauer sitzt jetzt tief, wie eine Ölquelle im Boden. Bereit zu sprudeln, wenn sie angebohrt wird. Doch da bohrt niemand. Die Selbsttötung meines Ex-Freundes ist innerhalb kürzester Zeit zum Tabu geworden, über das nicht mehr gesprochen wird.&nbsp;</p>



<p>Nach ein paar Wochen tun alle so, als wüssten sie von nichts. Lediglich mit den Freunden, die auch um Tom trauern, kann ich zwanglos sprechen. Alle anderen sagen lieber nichts. Als ich meine Eltern besuche, fällt kein Wort, Bekannte sprechen mich nicht darauf an. Hätte ich eine Operation gehabt oder einen Unfall, würden sich alle danach erkundigen, wie es mir geht. Nimmt sich jemand das Leben, müssen die Übriggebliebenen ihre Wunden selbst verarzten.</p>



<p>Meine Trauer staut sich in mir an, wie Wasser, das kein Ventil findet. Nach einer Weile drohe ich zu platzen. Fragen schießen aus mir heraus:&nbsp;</p>



<p>&nbsp;„Warum fragt ihr mich nie, wie es mir geht? Warum tut ihr so, als wäre nichts gewesen?“</p>



<p>Erstaunte Blicke. Überforderte Gesichter.&nbsp;</p>



<p>„Wir wollen dich nicht traurig machen, keine Wunden aufreißen. “</p>



<p>„Traurig macht mich Toms Tod, nicht eure Fragen. Ihr würdet doch nur ansprechen, was mich sowieso den ganzen Tag beschäftigt.“&nbsp;</p>



<p>Der Frontalangriff hilft nicht. Die Angst meiner Mitmenschen, etwas Falsches zu sagen, ist zu groß. Sie sind unsicher, wollen keine falsche Frage im falschen Augenblick stellen, also stellen sie lieber gar keine. Ihre Unsicherheit wird zu meiner Einsamkeit.</p>



<p>Erwarte ich zu viel? Warum schaffe ich es nicht, selbst Hilfe einzufordern oder angebotene Hilfe anzunehmen. „Du kannst immer mit mir sprechen“, schreibt eine Freundin. Mich anrufen kann auch sie nicht.&nbsp;</p>



<p>Was gibt es schon zu sagen? Wie soll ich über ihn reden? In der Vergangenheit? Ich will ihn im Präsens halten, um ihn wenigstens verbal noch nicht zu verlieren.&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Es fällt mir genauso schwer, Toms Suizid anzusprechen wie meinen Freunden. Denen, die es noch nicht wissen, stottere ich etwas vor. Obwohl es mein Job ist, Nachrichten zu übermitteln, weiß ich nicht, wie man diese formulieren kann. Für eine falsche Nachricht gibt es keine richtigen Worte. „Tom hat sich umgebracht“, klingt so nach Skalpell, Pulsadern, Strick, Pistole, Verbrechen. Obwohl auch der Sprung in den Tod nicht weniger als eine Gewalttat gegen sich selbst war, sage ich lieber, „er hat sich das Leben genommen“. Das klingt so selbstbestimmt. Nur, wie frei ist jemand, der den sogenannten Freitod wählt, weil ihn seine Ängste und Verzweiflung bis an die Grenze des Erträglichen schmerzen.&nbsp;</p>



<p>Es entstehen lange Pausen, dann folgt meist ein „Oh, mein Gott“. Ich versuche die Leere zu füllen, will dem anderen helfen, dabei brauche ich selbst Hilfe. Ich lege einen falschen Optimismus an den Tag, beende Gespräche mit „naja“, und einem aufgesetzten Lächeln, um mein Gegenüber aufzubauen und aus der miesen Stimmung zu holen. Unsicherheit, Mutlosigkeit, falsche Rücksichtnahme auf beiden Seiten. So schafft man ein Tabu.</p>



<p>In den Monaten darauf meldet sich kaum jemand bei mir. Alle tun so, als hätte es Tom nie gegeben, wir schließen die Lücke. Es wirkt wie ein Versuch, Geschehenes ungeschehen zu machen. Was nicht gesagt wird, gibt es auch nicht.&nbsp;</p>



<p>Auf der Seite des statistischen Bundesamts lese ich seelenlose Zahlen wie die, wonach sich jährlich mehr als 10.000 Menschen in Deutschland das Leben nehmen. Das sind mehr als doppelt so viele wie durch Verkehrsunfälle sterben. Alle fünf Minuten versucht in Deutschland jemand, sich umzubringen. Alle 52 Minuten gelingt es. Selbsttötung ist kein Randphänomen, doch wir behandeln sie so. Geht man davon aus, dass die, denen ihr Vorhaben gelingt, bis zu zwanzig Familienmitglieder, Partner, enge Freunde, nahestehende Arbeitskollegen haben, sind in Deutschland jährlich 200.000 Menschen von Suizid betroffen. Zweihunderttausend traurige, verzweifelte, einsame Menschen, die keine Stimme haben, die sich in der Öffentlichkeit nicht wiederfinden.</p>



<p>Wenig liest man von den Schreien der Gefährdeten nach Zuwendung. Wie sehr hat sich Tom nach Aufmerksamkeit gesehnt? Wollte er mit seinem Sprung die Aufmerksamkeit aller auf sich ziehen, die ihn schon lange gemieden haben, denen er zu anstrengend wurde mit seinem konfusen Gedanken, mit seinen Ideen, die so gar nicht in eine Schublade passen wollten? Ein letztes Mal im Mittelpunkt stehen, ein letztes Mal alle um sich versammeln. Oder vielleicht – darf man das überhaupt denken? – sogar Rache nehmen. In seinem Rucksack, den die Polizei bei ihm fand, steckte seine Bewerbung für die Filmhochschule, die ihn Jahre vorher ablehnte. Wie eine letzte Nachricht an die, die ihn verkanten.&nbsp;</p>



<p>Trauerbegleiter sagen, Suizidopfer treffen ihre Entscheidung ohne an ihre Angehörigen zu denken. Zu groß sind das eigene Leid und der Schmerz, die unfähig zur Empathie machen. Wer könnte springen, wenn er an die denkt, die ihn unten finden? Wer könnte sich auf Gleise legen, wenn er nur einen Gedanken an den Zugführer verschwenden würde? Wer könnte sich im Keller aufhängen, wenn er seine Familie im Kopf hätte, die mit diesem Anblick weiterleben muss? „Warum hast du uns das angetan?“ wäre demnach eine unzulässige Frage, eine narzisstische Frage. Er hat die Entscheidung nicht gegen uns, sondern für sich getroffen. Was für uns keinen Sinn ergibt, war für ihn das einzig Sinnvolle.&nbsp;</p>



<p>Ein halbes Jahr nach Toms Suizid meine ich nicht mehr ständig, ihn auf der Straße zu sehen, verwechsle nicht mehr aus der Entfernung wildfremde, junge Männer mit ihm. Die absurde Hoffnung, er könnte vielleicht irgendwo wiederauftauchen, verkümmert, täglich ein bisschen mehr. Der Tod scheint weiter zu ziehen, aber er hat seinen besten Kumpel bei mir gelassen, der mich ab jetzt fest im Griff hat: die Angst.&nbsp;</p>



<p>Erzählt mir meine Mutter, dass sie einen Ausflug mit dem Auto machen will, sehe ich Unfallbilder vor mir. Fliegt eine Freundin, habe ich Angst, das Flugzeug könnte abstürzen. Fahre ich mit dem Fahrrad, lenke ich schreckhaft zur Seite, wenn ein Motorrad zu dicht an mir vorbeifährt.&nbsp;</p>



<p>Die Angst, noch ein Leben zu verlieren, zerrt an mir. Der Tod ist nicht weitergezogen. Er ist lediglich umgezogen. In mein Unterbewusstsein.</p>



<p>Nachts schrecke ich aus Albträumen hoch. Die Bilder sind realistisch wie ein 3D. Mit meiner Freundin verteidige ich das Haus meiner Eltern gegen Eindringlinge. Mit abgebrochenen Bierflaschen schlitzen wir ihnen die Halsschlagadern auf. Ein anderes Mal bin ich auf Bahngleisen festgebunden, ein Zug donnert auf mich zu. Ich kann mich nicht mehr rechtzeitig befreien, der Zug reißt mich in Fetzen.&nbsp;</p>



<p>Der Tod, er ist nicht zu bändigen. Wie ein tollwütiger Wolf hat er sich in mein Leben geschlichen und mich aus dem Hinterhalt angegriffen. Ich liege verletzt am Boden, und lecke meine Wunden. Wenn Tiere Angst haben, setzt sich einer von drei Instinkten durch: Weglaufen, totstellen oder kämpfen. Ich mache es wie die Fluchttiere und renne davon, versuche die Albträume zu vergessen und die Verlustängste zu verdrängen. Ich meide den Platz, auf dem Tom sich in den Tod gestürzt hat und alle Orte, die ich mit ihm verbinde.&nbsp;</p>



<p>Ich lasse mir „bin gut angekommen“-Nachrichten von allen schicken, die mich verlassen, suche nach übriggebliebenen Exfreunden auf Facebook.&nbsp;</p>



<p>„Lange nichts gehört, wollte nur mal hören, ob es dir gut geht.“</p>



<p>Freunde fragen, ob ich schon mal an eine Therapie gedacht habe. Nein, habe ich nicht. Jahrelang verzweifelte ich daran, dass Tom keine Hilfe annehmen wollte. Nun bin ich&nbsp;&nbsp;genauso.&nbsp;</p>



<p>Heute weiß ich, Angst und Albträume sind ein normaler Teil des Trauerprozesses. Wir haben nur verlernt, was Trauer bedeutet. Dass sie nicht zwingend nach ein paar Wochen oder einem „Trauerjahr“ vorbei ist. Weil sie sich nun einmal nicht an den Kalender hält. Wir haben unsere Trauerkultur verloren, weil wir den Tod nicht in unser Leben lassen wollen. Ich lese in Büchern über die Trauer in anderen Teilen der Erde. In Griechenland werden Klageweiber bestellt, damit der Tote besonders laut und emotional verabschiedet werden kann. In Indien kommen alle, die von dem Verlust einer Familie hören, zusammen, setzen sich in großen Gruppen um die Angehörigen und weinen miteinander. In Israel kümmert man sich einen Monat lang gemeinsam um das Haus der Angehörigen, jeder kann dort seine Trauer ausleben, es wird gekocht, geweint, erinnert. In Ghana und Mexiko wird bei jedem Tod das Leben gefeiert. Unsere Gesellschaft dagegen verwaltet nach spätestens einer Woche ihre Toten, von den Angehörigen wird Selbstbeherrschung und Zuversicht erwartet.&nbsp;</p>



<p>Angstzustände treten vor allem bei Trauernden auf, die eine komplizierte Beziehung zu dem Toten hatten, heißt es. Als seine Ex-Freundin neige ich nicht zur Idealisierung. Den Toten „in guter Erinnerung zu behalten“, wie man das so tun soll, fällt mir nicht immer leicht, die Dramen unserer Beziehung sehe ich noch immer lebhaft vor mir. Manchmal versuche ich, mich nur an schöne Dinge zu erinnern. Ihn vor meinem inneren Auge leben zu sehen, und nicht sterben. Dann fährt er Longboard, kocht Pasta oder sitzt auf dem Fensterbrett und raucht. Dass er, mit dem ich soviel erlebt habe, nicht mehr da ist, zerreißt mir das Herz. Es ist dann wohl doch so: Mit jedem Menschen stirbt eine Welt.&nbsp;</p>



<p>Mitte Oktober, zehn Monaten nach Toms Suizid, suche ich nach einer Selbsthilfegruppe für Hinterbliebene von Suizid-Opfern. Ein Erdgeschossraum am Rand eines Industriegebiets in Berlin. Auf zwei zusammengeschobenen Tischen stehen Gebäck und eine Box mit Taschentüchern. Zwei Frauen und die Gruppenleiterin halten sich an ihren Tassen fest. Der Geruch von Kerzenwachs liegt in der Luft. Wir werfen uns unsichere Blicke zu.&nbsp;</p>



<p>Reihum sollen wir unsere Geschichte erzählen. Melina, etwa 50 Jahre alt, hat ihren Mann verloren. Sie hätten eine wunderbare Beziehung geführt, von seinen Depressionen hat sie nichts gewusst. Von eben auf jetzt habe er sie zurückgelassen. Dabei seien sie doch jede Nacht Hand in Hand eingeschlafen. „Warum habe ich nichts gemerkt? Warum hat er nicht mit mir darüber gesprochen?“, fragt uns Melina weinend. „Was soll ich jetzt nur machen?“ Ich zupfe ein Taschentuch nach dem nächsten aus der Box.&nbsp;</p>



<p>Dann ist Lena dran. Lena ist 29 und hat ihren Vater verloren. Auch in ihrer Familie wusste keiner, wie verzweifelt er war. Ihre kleine Schwester hat ihn im Keller gefunden, da war sie zwölf. Er baumelte von der Decke.&nbsp;</p>



<p>Als ich an die Reihe komme, bin ich bereits fix und fertig. Die Schicksale der beiden gehen mir so nah. Hier haben Frauen ihre große Liebe verloren, eine Tochter musste ohne ihren Vater aufwachsen. Und ich? Ich habe meinen Ex-Freund verloren, mit dem ich Schluss gemacht habe. Meine Trauer kommt mir minderwertig vor. Das muss sie nicht, sagt die Gruppenleiterin. Trauer sollte man nicht werten.&nbsp;</p>



<p>Also erzähle ich davon, wie Tom die Welt abhandengekommen ist. Wie er aus ihr herausgesprungen ist. Wie ich mich danach einsamer gefühlt habe, als nach unserer Trennung. Ich erzähle von der Sprachlosigkeit und den Ängsten. Es schmerzt mich, dass ich ihn nie mehr treffen und fragen kann, „Hey, wie geht`s dir, was machst du so?“. Ich hätte mir gewünscht, dass ich nicht die letzte Liebe in seinem Leben gewesen wäre. Ich rede mit Menschen, die Toms Suizid nicht „das Thema“, sondern ihn und das, was er getan hat beim Namen nennen. In unserer Einsamkeit fühlen wir uns zweisam.</p>



<p>Ein paar Wochen später mache ich mich auf den Weg quer durch Deutschland zu ihm. Es ist ein trüber Herbstsamstag, die Straße ist hügelig, als plötzlich der Himmel aufreißt. Das erste Mal an diesem Tag strahlt die Sonne durch die Wolken. Als ich einen steilen Hügel hinauffahre, sticht ein enormer Lichtkegel aus dem Nebel. Für einen kurzen Augenblick kann ich nichts mehr sehen. Wenn man ein Zeichen des Schicksals sehen will, dann wäre das wohl der Moment.&nbsp;</p>



<p>Tom, 06.09.1984 – 13.01.2014</p>



<p>Sein Grab rührt mich, es passt so wunderbar zu ihm. Es ist wild, unaufgeräumt, anarchisch. Alles wächst kreuz und quer, die Erde ist weder gerecht noch geharkt, es gibt keine Blümchen, dafür Büsche und kleine Bäumchen. Ein paar Herbstblätter wirbeln umher. Ich knie mich hin. Das monatelange Trauern, die Ängste und Schuldgefühle rücken in den Hintergrund, es bleibt nur noch Stille. Hier kann ich ihn ruhen lassen. Hier ist es gut.</p>



<p>Einmal im Jahr sagt Facebook mir, dass Tom heute Geburtstag hat und ich ihm doch alles Gute wünschen soll. Das soziale Netzwerk will eine Sterbeurkunde vorgelegt haben, damit es das Profil eines Toten löscht. Sterbeurkunde, als hätte man etwas gewonnen. Der Tod als Preis für ein Leben, das unerträglich erschien. Keiner hat je den Nachweis erbracht. Neulich war ich auf seiner Seite. In seinem letzten Eintrag, ein paar Tage vor seinem Tod, wünscht er allen ein gutes neues Jahr. Und Frieden.&nbsp;&nbsp;</p>



<p>* Namen und Daten von der Redaktion geändert</p>



<p>Porträt: <a href="http://www.julianbaumann.com" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Julian Baumann</a></p>



<p>Bild: <a href="https://pandan.co/de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Studio Pandan</a></p>



<p>Das Honorar für den Text habe ich vollständig an den Verein <a href="https://agus-selbsthilfe.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Agus e.V. &#8211; Selbsthilfegruppen für Angehörige um Suizid</a> gespendet. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://eva-lindner.com/die-stille-nach-dem-schluss/">Die Stille nach dem Schluss</a> erschien zuerst auf <a href="https://eva-lindner.com">Eva Lindner</a>.</p>
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		<title>Das Geheimnis des Oktoberfestes</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Lindner]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2020 11:43:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[erschienen in]]></category>
		<category><![CDATA[Eva Lindner]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Oktoberfest]]></category>
		<category><![CDATA[Voksfest]]></category>
		<category><![CDATA[Wiesn]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit Wissen Magazin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zeit Wissen Magazin</p>
<p>Irgendwo auf der Welt dreht sich immer gerade ein Karussell, und Menschen heben ihre Gläser. Aber nur einen dieser Rummelplätze kennt die ganze Welt. Warum?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://eva-lindner.com/das-geheimnis-des-oktoberfestes/">Das Geheimnis des Oktoberfestes</a> erschien zuerst auf <a href="https://eva-lindner.com">Eva Lindner</a>.</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Irgendwo auf der Welt dreht sich immer gerade ein Karussell, und Menschen heben ihre Gläser. Aber nur einen dieser Rummelplätze kennt die ganze Welt. Warum?</h2>



<p></p>



<p><em>von Eva Lindner, Zeit Wissen Magazin, 22. Oktober 2019</em></p>



<p></p>



<p>Es heißt, man erinnere sich im Leben besser an das, was man gerochen hat, als an das, was man gesehen hat. Oktoberfest – das war für mich als Kind eine Mischung aus gebrannten Mandeln, gebratenen Hendln und dem Parfüm der Erwachsenen, die sich schick gemacht haben. Oktoberfest – das war für mich Freiheit. Wenn mein Bruder und ich am Familientag mit meiner Mutter auf die Wiesn gingen, wussten wir: Heute dürfen wir so viel Autoskooter und Fünferlooping fahren, wie wir wollen. Oktoberfest – das war für uns das Paradies, denn zu Hause wurde eigentlich gespart. Doch an diesem Tag im Jahr wollte meine Mutter uns keine Grenzen setzen, sie wollte uns fliegen lassen. Am liebsten flog ich im Kettenkarussell. Und dieses Fahrgeschäft erzählt vielleicht schon einiges über das Oktoberfest: fest ver- ankert im Boden und doch losgelöst von der Erde. Die Wiederkehr des immer Gleichen und doch etwas ganz Besonderes. Aufregung im Bauch und ein Magen im Ausnahmezustand.</p>



<p>Im September und Oktober heißt es für rund sechs Millionen Besucher jedes Jahr: »Da simma dabei, das ist prima!« Der Oberbürgermeister von München zapfte vor Kurzem das erste Bierfass des 186. Oktoberfests an. Ein Volksfest voller Traditionen und Rituale. Eine Massenveranstaltung, die Jahr für Jahr Rekorde bricht. Ein Exportschlager. 42 Hektar Festwiese, die das Bild Deutschlands im Ausland prägen und Besucher aus der ganzen Welt locken.</p>



<p>Schon bei seiner Gründung war das Oktoberfest ein politisches Instrument, um das Volk zu vereinen und ihm eine gemeinsame Identität zu geben. Denn als Bayern 1806 ein Königreich wurde, verschluckte es weite Teile Frankens und Schwabens. Um die Neubayern für die Kö- nigsfamilie der Wittelsbacher zu begeistern und ein Nationalgefühl zu schaffen, ließ König Max anlässlich der Hochzeit seines Sohnes Ludwig mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen im Oktober 1810 ein Pferderennen ausrichten. Weil die Bayern aus allen Regionen so gern gemeinsam feierten, hat der König die Veranstaltung in den darauffolgenden Jahren wiederholt. Und so seine Macht gesichert. Er ließ Kinder und Jugendliche in Tracht anreisen, damit sie die Brauchtümer der unterschiedlichen Landesteile und trotzdem die Gemeinsamkeit der Bayern betonten.</p>



<p>Die ovale Fläche nannten die Münchner Theresienwiese, zu Bayerisch »Wiesn«. Weil der Hochzeitstag im Oktober lag, behielt das Fest seinen Namen, obwohl es wegen des besseren Wetters später in den September, ans Ende der Ernte, verlegt wurde. 1819 gab der König die Organisation in städtische Hand. Seitdem lässt die Stadt München die größte Party der Welt steigen.</p>



<p>Die Orientierung auf der Festwiese (42 Hektar entsprechen in etwa der Größe der Vatikanstadt) fällt trotz der Massen und selbst nach einigen Maß Bier recht leicht: Zwei parallele je einen Kilometer lange Straßen führen Richtung Riesenrad, rechts davon thront die Patronin Bavaria. Mehr als 1000 Schausteller und Gastronomen bewerben sich jährlich beim Referat für Wirtschaft um einen Platz, gut 550 hat sie dieses Jahr zugelassen. Die Behörde entscheidet nach 13 Kriterien: Neben Ökologie und Optik zählen Zuverlässigkeit, Tradition, Volksfesterfahrung, Ortsansässigkeit und Stammpartnerschaft. Wer also schon immer auf der Wiesn dabei war, wird wieder dabei sein. Mia bleib’n mia. In manchen Zelten können Gäste schon Anfang des Jahres reservieren, obwohl die Stadt die Plätze offiziell erst im Mai vergibt. Die Wiesn-Wirte strotzen vor Selbstbewusstsein.</p>



<p>Als Kind war meine Welt die linke der beiden Straßen, die Welt der Schausteller, Stände und Fahrgeschäfte. Seit mehr als 100 Jahren schleudert hier das Teufelsrad Mutige von der Drehscheibe, die Krinoline dreht zur Blasmusik ihre Kreise, und der Schichtl »enthauptet« seit 1869 Münchner und Münchnerinnen auf der Bühne. Die Bauten und Buden stehen immer an der gleichen Stelle, zuverlässig, jedes Jahr. Schon als Kind kannte ich mich deshalb auf dem größten Volksfest der Welt gut aus. Während ich selbst wuchs und älter wurde, schien die Wiesn zu bleiben, wie sie immer war.</p>



<p>Als Jugendliche begann mich die zweite Straße des Oktoberfests zu faszinieren. Die Straße der Festwirte. Eine Welt aus Ritus und Rausch. Dort reihen sich 17 Großzelte aneinander. Vertreten sind die Wirte-Dynastien Bayerns, die älteste, die Schottenhamels, seit mehr als 150 Jahren. In ihrem Zelt wird »o’zapft«. Der Oberbürgermeister darf beim Anstich maximal drei Schläge brauchen, sonst kann er eigentlich gleich abdanken. Die erste Maß reicht er dem Ministerpräsidenten von Bayern. Das Bier brauen die Brauer nach bayerischem Reinheitsgebot und für das Oktoberfest extra stark mit rund sechs Prozent Alkohol. Viele merken das erst, wenn es schon zu spät ist.</p>



<p>Als ich das erste Mal mitfeierte, wurde mir klar, dass meine Eltern mich – unbewusst bestimmt – gut aufs Bierzelt vorbereitet hatten. Die vielen nervigen Autofahrten in den Urlaub, bei denen ich mir ihre Schlagerkassetten anhören musste, erwiesen sich nun als Vorteil: Ich konnte <em>Anita, Griechischer Wein </em>und <em>Que Sera, Sera </em>von vorn bis hinten mitsingen.</p>



<p>Ende der Neunziger begannen wir Münchner Mädels, Dirndl zu tragen. Das Kleid, in dem wir uns früher wie unsere eigenen Großmütter gefühlt hätten, war plötzlich hip. Es sollte schnell Teil der Wiesn-Choreografie werden: Die Schürze schnüren wir links, wenn wir flirten wollen, und rechts, wenn wir vergeben sind. An einen Biertisch passen acht Leute, außer es heißt: »Hock di hera, samma mehra!« Und das heißt es eigentlich immer, schließlich müssen bis zu 8500 Feiernde ins Zelt passen. Die essen Zünftiges, Hendl, Haxn oder Spätzle, damit die Grundlage stimmt. Wenn sich der Erste auf die Bank stellt, steigen alle hoch, denn unten wackelt es, es riecht schlecht, und es regnet Bier aus Krügen.</p>



<p>Ab 20.30 Uhr saust alle 15 Minuten ein »Zickezackezickezacke« durchs Zelt, und die Kapelle stimmt zum Prosit der Gemütlichkeit an. Dann wird »oans, zwoa, drei, g’suffa«, und beim nächsten Tusch geht alles wieder von vorn los: schunkeln und singen, schunkeln und singen. Gesten zu wiederholen und Bewegungen zu kopieren setzt nicht nur bei Kindern Glückshormone frei. Der Ablauf ist immer gleich, im Schot- tenhamel, im »Himmel der Bayern«, oder in der Ochsenbraterei, wo die Gäste in zwei Wochen an die 130 Ochsen verspeisen. Denen erweist das Publikum die letzte Ehre, wenn es applaudiert, nachdem die Namen durchs Zelt gerufen werden: »Der Erwin«, »Der Ludwig«, »Der Xaver« – Jubel für den Ochsen und rauf auf den Spieß.</p>



<p>Die Regeln des Oktoberfest-Reigens verstehen alle, egal ob sie aus Niederbayern oder North Columbia kommen. Wer den Text der Schlager nicht kennt, klatscht im Takt. Zwei Wochen im Jahr wird die ganze Welt bayerisch. Dabei ist die Wiesn trotz des vielen Besuchs aus dem Ausland ein sehr lokales Fest: 71 Prozent der Besucher kommen aus dem Freistaat, 58 Prozent direkt aus München. Was Volksparteien heute nicht mehr schaffen, schafft dieses Volksfest: Egal ob jung oder alt, egal welcher Herkunft, welchen Geschlechts, auf der Wiesn ver- brüdern sich alle für die gleiche Sache.</p>



<p>Manchmal wirkt es, als wäre das Einzige, was sich auf dem Oktoberfest ändert, der Bierpreis. Der hat sich seit 2002 fast verdoppelt und klettert in diesem Jahr auf bis zu 11,80 Euro. Aber auch der Aufschrei darüber ist in München Teil des jährlichen Zeremoniells. Am Ende zahlen’s doch alle.</p>



<p>Schon vor 20 Jahren kannten bei einer weltweiten Umfrage 91 Prozent der Menschen den Begriff »Oktoberfest«. Mehr als 2000 Ableger gibt es außerhalb von Deutschland. Doch wo Bedienungen in falscher Tracht das Bier in Plastikbechern und Currywurst statt Hendl servieren, fehlt etwas.</p>



<p>Wer auf der Wiesn einen Platz im Zelt haben will, muss früh am Biertisch sitzen oder wissen, wie man sich bei Überfüllung noch reinschleicht. Reservieren ist so gut wie unmöglich, wenn man nicht zur Münchner Schickeria gehört. Macht nichts, die Stimmung in den reservierten »Boxen« am Rand ist eh nie so gut wie im Epizentrum des Zelts, um die Kapelle rum. Ab 22.30 Uhr schenken die Wirte kein Bier mehr aus, eine Stunde später kehren die Bedienungen die letzten Gäste vor die Tür. Nach 16 Tagen ist immer am ersten Sonntag im Oktober Zapfenstreich. </p>



<p>Vielleicht sind es gerade diese strengen Regularien, die das Fest limitieren und es so begehrenswert machen. Trotz des großen Erfolgs verlängert oder vergrößert die Stadt das Oktoberfest nicht. Sie vergibt es weder an Sponsoren, noch bewirbt sie es. Die Wiesn finanziert sich selbst – allerdings auch nur das. Gabriele Weishäupl war 27 Jahre lang Tourismus- und Wiesn-Chefin. In ihrem Buch <em>I bin der Max </em>schreibt sie, dass sich das Revisionsamt durchaus darüber beschwert habe, dass die Stadt an dem »Milliardenunternehmen Wiesn« kaum mitverdiene. Sie habe vorgeschlagen, elektronische Kassen einzuführen, weil die Ausschankzahlen der Wirte nie mit den Lieferzahlen der Brauereien zusammenpassten – und sich damit unter den Wirten keine Freunde gemacht. Das Wirtschaftsreferat knickte ein, und alles blieb, wie es war. Das Bewahrende, sagt Weishäupl, sei Teil des Zaubers.</p>



<p>Ich wohne mittlerweile nicht mehr in München. Zur Wiesn fahre ich aber, wann immer es geht. Vor zwei Jahren stand ich das letzte Mal auf der Bierbank. Schwanger mit einer alkoholfreien Maß in der Hand. Die Wiesn ist für mich ein Stück Zuhause, ja vielleicht sogar ein Stück Heimat. Wenn Heimat ein Ort ist, an dem man sich wohlfühlt und akzeptiert. Wenn Heimat das Gefühl ist, man wäre nie weg gewesen und dass auch in einer unübersichtlichen Welt manches bleibt, wie es ist.</p>



<p>Wer einmal Arm in Arm mit Fremden und Freunden auf der Bank stand und am letzten Wiesn-Abend mit Wunderkerzen im abgedunkelten Zelt gesungen und geschunkelt hat, spürt es: Wir sind eine große Familie, verbunden durch die Ahnung, dass morgen alles anders sein wird. Deshalb noch mal alle zusammen: »An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit.« </p>



<p></p>



<p></p>
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		<title>Mit scharfer Klinge</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Lindner]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Dec 2019 12:54:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[erschienen in]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Süddeutsche Zeitung Magazin</p>
<p>Dieses Schwert gehörte dem Urururgroßvater unserer Autorin. Er war der letzte Henker der Stadt München. Mehr wollte die Familie lieber nie über ihn wissen – bis jetzt.</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Dieses Schwert gehörte dem Urururgroßvater unserer Autorin. Er war der letzte Henker der Stadt München. Mehr wollte die Familie lieber nie über ihn wissen – bis jetzt</h2>



<p></p>



<p><em>von Eva Lindner, SZ Magazin, 13. April 2018 </em></p>



<div style="height:20px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p>Auf dem Dachboden meiner Eltern steht ein Schwert. Das Haus war einst, als sie noch lebte, das Haus meiner Großmutter. Seit ich denken kann, lehnt das Schwert unter der Dachschräge zwischen den Gartenzwergen meiner Mutter, Balduin und Ferdinand. Daneben steht mein altes Barbie-Wohnmobil in kreischendem Pink. Dazu eine Kiste voller Rohrteile meines Vaters, von denen er sagt, man wisse nie, ob man sie irgendwann einsetzen könne. Das Schwert – der Griff vergoldet, die Klinge glänzend – wirkt wie aus der Zeit gefallen. Als hätte ein Kämpfer aus der Vergangenheit es nach einer Schlacht hier vergessen.&nbsp;</p>



<p>Es ist ein Henkersschwert. Und es gehörte meinem Urururgroßvater. Martin Hörmann schlug damit Mördern, Räubern und Verrätern den Kopf ab. Mehr wusste ich nicht über dieses Schwert. Meine Oma, Martin Hörmanns Urenkelin, sprach nie von ihm. Ihr Haus, in dem heute meine Eltern leben, steht in einem Dorf in Oberbayern, 1700 Einwohner, siebzig Kilometer von München und doch eine Welt entfernt. Hellbraune Kühe zermalmen Gras hinter dem Gartenzaun, am Horizont stemmt sich das verschneite Zugspitzmassiv in den Himmel. In der Dorfkirche knien die Männer in den Bänken rechts, die Frauen links. Weil das immer schon so war.&nbsp;</p>



<p>Ich bin in München aufgewachsen. Jedes Wochenende fuhren mein Bruder und ich aufs Land. Meine Oma strich Schinkensemmeln, so viele wir essen konnten, und abends, wenn sie in ihrem Sessel eingeschlafen war, guckten wir Horrorfilme.&nbsp;</p>



<p>Meine Oma hat versucht, das Schwert auf dem Dachboden loszuwerden. Niemand wollte es haben, ihre Schwägerin nicht, ihr Sohn nicht, meine Mutter nicht. Also blieb es, wo es war.&nbsp;</p>



<p>Es ist, als ob eine Scham an dem Schwert klebe, die immer weitervererbt wird. Die Vorstellung, dass unser Vorfahr damit seine Mitmenschen in zwei Teile gehackt hat, lässt meine Familie noch heute erschaudern.&nbsp;</p>



<p>Martin Hörmanns Aufgabe als Scharfrichter war es, Geschichten zu beenden. Meine Aufgabe als Journalistin ist es, Geschichten aufzurollen. Doch die blutige Vergangenheit meiner Familie zu erzählen, schreckte mich lange ab. Vor ein paar Monaten habe ich meine Meinung geändert. Vielleicht liegt es daran, dass ich schwanger bin. Bald werde ich, die Jüngste in der Familie, eine neue Generation ins Leben setzen und damit selbst um eine Generation nach hinten rutschen. Vielleicht öffnen wir uns erst für die Vergangenheit, wenn uns klar wird, dass sie unsere Zukunft jagt. Vielleicht liegt es aber auch an dem vergilbten Zeitungsartikel, den meine Mutter und ich neulich im Haus meiner Oma fanden. Sie hatte ihn vor fast 100 Jahren datiert und auf einen Lieferschein geklebt. Es ist ein Text in Frakturschrift vom 2. Mai 1931 aus einer Lokalzeitung im Berchtesgadener Land. Darin steht:&nbsp;</p>



<p><em>Die letzte öffentliche Hinrichtung fand am 11. Mai 1854 in München auf dem Marsfeld, wo das neue Postgebäude steht, durch den Scharfrichter Hörmann jun. statt. Der zum Tode Verurteilte war ein 19jähriger Dienstknecht Christian Hussendörfer, der bestialisch seinen Dienstherrn ermordet und beraubt hatte. Dem Scharfrichter gelang es nicht, mit dem ersten Hieb der strafenden Gerechtigkeit zu genügen. Er musste siebenmal schlagen, ehe das Werk vollendet war. Der dabei einsetzende Skandal war für die Regierung der Grund, noch im gleichen Jahre das Fallbeil einzuführen und die öffentlichen Hinrichtungen zu verbieten.&nbsp;</em></p>



<p>Meine Mutter und ich starrten auf den Text. Als wäre es nicht genug, dass mein Vorfahr den brutalsten Beruf der Welt ausübte. Nein, diesen Job hat er auch noch schlecht gemacht! Ein Dilettant, der eine Krise im bayerischen Strafsystem auslöste. Ein Halbblinder, der mit sieben Schlägen ein Gemetzel anrichtete. Ein Folterer, der den Dienstknecht leiden ließ und die Münchner traumatisierte.</p>



<p>Ich googelte »Marsfeld München«. Die Richtstätte lag damals vor den Toren der Stadt und heißt heute Marsplatz. Er liegt zwischen Hackerbrücke und Circus Krone, ich kenne den Ort gut. Am Marsplatz 1 steht das Wittelsbacher Gymnasium. Es ist die Schule, an der ich Abitur gemacht habe. Ein Zufall, bestimmt. Und doch: Die Geschichte meines Vorfahren ist so nah an mein eigenes Leben gerückt, dass ich sie nicht mehr ruhen lassen konnte. Jetzt wollte ich alles wissen.&nbsp;</p>



<p>Anruf bei Oliver Pötzsch. Der Autor ist Nachfahre einer Scharfrichterfamilie aus Schongau. Auch ich wurde dort geboren. Mit einer historischen Romanreihe über eine Henkerstochter aus seiner oberbayerischen Kleinstadt ist Pötzsch in der Region bekannt geworden. Meine Mutter liebt seine Bücher, sie hat mir von ihm erzählt.</p>



<p>Ob ihm Martin Hörmann etwas sage?&nbsp;</p>



<p>»Ja klar, die Hörmanns waren über Jahrhunderte eine Henkersdynastie in <br>
Bayern.«&nbsp;</p>



<p>Wie? Es gab mehr als den einen? Meine Vorfahren, alle Mörder?&nbsp;</p>



<p>»Du, sag mal, das Schwert, das ihr da habt«, sagt Pötzsch plötzlich: »Kann es sein, dass das meins ist?« Das Schwert seiner Familie sei aus dem Schongauer Stadtmuseum geklaut worden und seitdem verschollen. Sollten wir unseres nicht mehr brauchen, wäre er interessiert, für Pressefotos und so.&nbsp;</p>



<p>»Auf keinen Fall«, sagt meine Mutter später und klingt gar nicht mehr beschämt über die Waffe, sondern ein bisschen stolz. »Wir behalten unser Schwert!«&nbsp;</p>



<p>Schon seltsam, niemand will es haben, es hergeben aber auch nicht. Uns scheint etwas mit dem Schwert zu verbinden. Gibt es uns ein Gefühl dafür, wie sehr unser Leben von unseren Ahnen abhängt? Wie ihre Geschichte sich auf unsere auswirkt? Die Vorstellung jedenfalls, dass es bei einer anderen Familie auf dem Speicher steht, gefällt uns nicht. Das Schwert gehört zu uns.</p>



<p>Ich steige auf den Dachboden. Es ist kalt und riecht nach alten Rohren. Ich schiebe Ferdinand und Balduin zur Seite und fasse das Schwert mit beiden Händen am Griff.&nbsp;</p>



<p>Ein graues Band windet sich um ihn, rau und fest. Es fühlt sich an wie Schlangenhaut. Das Schwert ist einen Meter lang und – ich wiege es später – zwei Kilo schwer. Wenn ich es auf seine Klinge stelle, reicht es mir bis zur Hüfte. Die goldenen Knäufe sehen aus wie Krönchen. Ich fahre mit den Fingern über die Klinge. Sie ist scharf, als hätte mein Ahne sie gestern geschwungen. An einigen Stellen haben sich Rostflecken in sie gefressen. Verschwommen kann ich mich in der Klinge spiegeln. Wer war dieser Mann? Was hat seine Geschichte mit meiner zu tun?&nbsp;</p>



<p>Ein paar Wochen später fahre ich mit meinen Eltern und dem Schwert ins Bayerische Nationalmuseum. Die Experten für Waffen und Volkskunde haben sich bereit erklärt, es sich anzusehen. Ich hoffe, sie können mir sagen, was die Waffe über den Mann erzählt, dem sie gehörte.</p>



<p>Im Auto berichtet meine Mutter von ihrer Tante. Anni Hörmann bunkerte das Schwert in ihrem Haus, bevor meine Großmutter es zu sich nahm. Als der Zweite Weltkrieg tobte, fürchtete Tante Anni, die Nazis könnten das Schwert konfiszieren, sollten sie das Haus durchsuchen. Also versteckte sie es am einzigen Ort, den sie für sicher hielt: im Misthaufen. Daher die Rostflecken. Später grub Tante Anni das Schwert wieder aus, doch wohin damit, wusste sie auch nicht. Einmal, so erinnert sich mein Vater, fiel ihm bei ihr zu Hause der Griff auf, der schräg hinter einem Schrank hervorlugte. An ihm hingen Kleiderbügel mit Tante Annis Arbeitsschürzen.&nbsp;</p>



<p>»Wo hängst du denn deine Schürzen auf?«, fragte mein Vater damals.</p>



<p>»Ach, das ist nur das Schwert vom Henker«, antwortete Tante Anni.&nbsp;</p>



<p>Vor dem Museumseingang wartet eine Schulklasse. Wir weichen den Blicken aus, als wir mit dem riesigen Schwert in seiner Scheide aus vergoldetem Messing, die ich ebenfalls auf dem Dachboden gefunden habe, unterm Arm über den Fußgängerweg laufen.&nbsp;</p>



<p>In einem Büro streifen sich zwei Wissenschaftler Einweghandschuhe über. »Prächtige Ausführung für ein Richtschwert«, sagt der Waffenexperte Raphael Beuing, als er sich über den Griff beugt. Was ich für Schlangenhaut hielt, sei die eines Rochen, damals ein leicht verfügbares Naturmaterial. Die ornamentale Gestaltung, die vergoldeten Messingbeschläge, die »gut gepflegte Klinge aus Stahl« seien relativ kostbar für einen Gebrauchsgegenstand.</p>



<p>Beuings Kollege, der Volkskundler&nbsp; Thomas Schindler, schätzt das Schwert auf etwa 200 Jahre. »Richtschwerter waren immer Privateigentum der Scharfrichter. Ihr Vorfahre hat es wahrscheinlich für seine Maße anfertigen lassen«, sagt er. München sei damals ein überschaubares Städtchen gewesen. Zwei bis drei Hinrichtungen pro Jahr, mehr habe Martin Hörmann wohl nicht zu tun gehabt. Trotzdem: Für jede Stadt sei es schwierig gewesen, einen guten Henker zu finden. »Ihr Ahne galt mit diesem Beruf als ehrlos«, sagt Schindler. »Die Menschen spuckten vor ihm auf die Straße.«&nbsp;</p>



<p>Mein Ehrgeiz, das Leben von Martin Hörmann zu rekonstruieren, ist jetzt noch größer. Zu Hause finde ich im Internet auf einer Hobby-Ahnenforscher-Seite eine Gruppe, in der haufenweise Daten über deutsche Henker zusammengetragen werden. Ein paar der Mitglieder treffen sich jährlich zur Tagung der »Nachfahren von deutschen Scharfrichtern«. Ich frage sie nach Dokumenten über Martin Hörmann. Und ich schreibe dem Bayerischen Landesverein für Familienkunde, dessen ehrenamtliche Mitglieder seit fast 100 Jahren Stammbäume aufzeichnen, Datenbanken erstellen und Familiengeschichten nachspüren. Ein paar Tage später habe ich alles, was sie über die Familie Hörmann wissen. Allmählich erwacht das Leben meines Urururgroßvaters vor mir.&nbsp;</p>



<p>Martin Hörmann wurde 1786 in München geboren, ein Pfarrer taufte ihn in der Kirche St. Peter am Marienplatz. Sein Vater war der Stadthenker Münchens, seine Mutter war Tochter des Ingolstädter Scharfrichters. Wer sonst wollte einen Henker heiraten? Außenseiter blieben unter sich. Die Gesellschaft drängte Töpfer, Gerber, Hirten, Huren und Henker an ihren Rand. Sie galten als »unehrlich«. Martin Hörmann erbte das Stigma, es blieb ihm kaum etwas anderes übrig, als das Handwerk seines Vaters zu lernen. Das Handwerk des Tötens. Ich sehe einen Eintrag des Finanzbuchhalters von König Max Joseph von Bayern aus dem Jahr 1813: </p>



<p><em>Wir verleihen die durch den Tod des Michael Hörmann erledigte Scharfrichters-Stelle im Isarkreise dem Sohne des Verstorbenen, Martin Hörmann, welcher hierinn schon Proben seiner Geschicklichkeit abgelegt hat, und bewilligen demselben zugleich den Gehalt von eintausend fünf und siebenzig Gulden, nebst dem Fortgenuß der bisherigen Wohnung.&nbsp;</em></p>



<p>Mein Urururgroßvater war also 26 Jahre alt, als er zum ersten Mal mit seinem Schwert im Dienste der Obrigkeit Köpfe abschlagen durfte. Ich lese, dass man bei einer Enthauptung den Hals zwischen dem dritten und siebten Wirbel durchtrennen muss. Wie viel Kraft er dafür aufwenden musste, lernte Martin Hörmann vorher von seinem Vater.&nbsp;</p>



<p>Auch ich hatte, als ich 26 Jahre alt war, gerade mein Studium hinter mir. Ich ging dann auf eine Journalistenschule. 200 Jahre vorher schlug sich Martin Hörmann mit seinem Schwert noch weiter ins gesellschaftliche Abseits. Er war als Scharfrichter unsichtbar: Die Bürgerrechte galten nicht für ihn. Die erhielt nur, wer Mitglied einer Zunft war, und eine Henkerszunft gab es nicht. Ohne Bürgerrechte genoss man keinen besonderen Schutz durch die Stadt, man war nur geduldet.&nbsp;</p>



<p>Das »Henkershäusl« stand isoliert von den Nachbarn an der Stadtmauer unterhalb des Sendlinger Tors. Zocker und Prostituierte trieben sich dort nachts durch die Gassen. In einem Modell der Stadt München im Bayerischen Nationalmuseum aus dieser Zeit finde ich das Haus. Zweistöckig immerhin, mit kleinem Garten. Hörmanns Lohn von 1075 Gulden war recht stattlich. »Er entsprach dem heutigen Sold eines mittleren Beamten«, sagt der Volkskundler Thomas Schindler. Ein Gehalt, das den Gesichtsverlust aufwiegen sollte.&nbsp;</p>



<p>Im 19. Jahrhundert wehte der Geist der Aufklärung nach Deutschland, auch die Justiz sollte menschenfreundlicher werden. Kurz bevor Martin Hörmann erstmals auf den Richtplatz trat, hatte Bayern die Folter abgeschafft. Anders als seine Ahnen musste er also keine Arme ausrenken, Fingernägel abreißen oder Ohren mit glühenden Zangen zwicken. Als es solche Folter noch gab, waren die Henker verpflichtet, die Gequälten zur Hinrichtung wieder ordentlich aussehen zu lassen. Durch diese Arbeit am Körper eigneten sich Scharfrichter über viele Jahrhunderte hinweg medizinische Kenntnisse an, Bürger suchten sie auf, um geheilt zu werden. Die Erfahrungen seiner Vorväter – alle Henker oder Tierverwerter, sogenannte Wasenmeister – qualifizierten Martin Hörmann für ein zweites berufliches Standbein. Der bayerische König Ludwig I. erlaubte dem Scharfrichter in einer Bekanntmachung von 1829, als städtischer Tierarzt zu arbeiten. &nbsp;</p>



<p>Ich fahre ins Archiv des Erzbistums München. Dort sind die Kirchenbücher digitalisiert, in die Pfarrer jahrhundertelang alle Taufen, Hochzeiten und Todestage eingetragen haben. Martin Hörmann starb demnach im Jahr 1841 im Alter von 54 Jahren.</p>



<p>Ich stutze und krame den von meiner Oma aufbewahrten Zeitungsartikel aus Berchtesgaden hervor. Ihm zufolge fand die skandalöse Hinrichtung mit den sieben Schlägen 1854 statt. Martin Hörmann kann sie also gar nicht vollzogen haben. Seine beiden Söhne, so steht es verzeichnet, waren ein Schreiner und ein Unteroffizier. Sie sind aus der Ständeverordnung ausgebrochen, haben den Aufstieg geschafft. &nbsp;</p>



<p>In einem Fachbuch über Scharfrichter finde ich eine Chronik über die Henker von München. In der Tat, der Zeitungsartikel, der meine Familie fast 100 Jahre lang glauben ließ, dass Martin Hörmann als Vollstrecker versagt hat, ist falsch. Die Geschichte geht laut der Chronik so: Mein Urururgroßvater war der letzte Stadthenker von München, der mit dem Schwert richtete. Nach ihm war die Stelle vakant, die Stadt riss das Henkershäusl ab. Der Scharfrichter aus Amberg sprang später in der Residenzstadt ein. Er war es, der siebenmal über dem Hals des Dienstboten ausholte. Den die Münchner deshalb fast gelyncht hätten. Dem die Guillotine folgte.&nbsp;</p>



<p>Ich bin erleichtert. Martin Hörmann scheint ein Vollprofi gewesen zu sein. Er trug den Beinamen »Freimann im Isarkreis«. Die Stadt lieh ihn an Landgerichte in ganz Oberbayern aus. Am 8. Mai 1832 nach Dachau, wie ich in einer Aufzeichnung des Amtsgerichts lese. Bereits zwei Monate vor der Hinrichtung bat Martin Hörmann »Seine Gnaden«, den Landrichter, ihm den Tag der Hinrichtung mitzuteilen, damit »ich genau eintreffen kann«.</p>



<p>Es war ein Dienstag. Keiner musste an diesem Tag arbeiten, denn alle sollten zuschauen, wenn einer von ihnen den Kopf für seine Verbrechen hinhalten musste. Wie genau die Stimmung an diesem Tag in Dachau war, lässt sich nicht rekonstruieren, aber detaillierte Beschreibungen vergleichbarer Hinrichtungen aus dieser Zeit erinnern an einen Jahrmarkt: Männer bauen Buden auf, Kinder verkaufen Nüsse, Frauen Brot und Bier. Spieler jonglieren ihre Bälle und verspotten den Mörder. Fest steht: 36 Gendarmen und eine Kompanie aus München bewachen an diesem Tag in Dachau Flussübergänge und Kreuzungen. An der Richtstätte drängen sich die Schaulustigen um die besten Plätze.&nbsp;</p>



<p>Jakob Mayr, 20 Jahre alt, Sohn eines Zimmermanns, soll seine Großmutter ermordet und ihr 300 Gulden gestohlen haben. Ein Gnadengesuch der Mutter bei König Ludwig I. scheiterte, »weil kein Grund zur Gnade vorliege«. Es ist neun Uhr, als Martin Hörmann das Gefängnis betritt. Das Schwert, geschliffen und poliert, trägt er bei sich. Vielleicht ist er angetrunken, wie es laut Thomas Schindler vom Bayerischen Nationalmuseum die meisten Henker bei der Hinrichtung waren. Um die Seele zu betäuben.&nbsp;</p>



<p>Zwei Priester spenden Mayr die Sterbesakramente, er beichtet und empfängt die Kommunion. Hörmann schneidet Mayr laut der Überlieferung am Hinterkopf die Haare ab. Wahrscheinlich, damit er die Wirbelsäule besser sehen kann. Er zieht ihm einen grauen Sünderkittel an und hängt eine Tafel um seinen Hals. »Mörder« steht auf ihr geschrieben. Kurz darauf verkündet der Richter vor dem Rathaus das Urteil, bricht einen Stab über Mayrs Kopf und wirft ihm die zwei Teile vor die Füße. Sein Lebensfaden soll mit dem heutigen Tage zerreißen, so symbolisiert es der Brauch. Dann bringt Hörmann den Verurteilten zur Richtstätte. Die Menge klatscht und ruft dem Mörder und seinem Henker Schmähungen zu. Hörmann schleppt den jungen Mann die Treppen hoch aufs Schafott. Er fesselt ihm Hände und Füße, verbindet ihm die Augen, fixiert seinen Kopf auf einem Block. Es ist 10.43 Uhr. Was nun folgt, wird nach der Lektüre vieler Hinrichtungsbeschreibungen aus dieser Zeit in meinem Kopf zu einer blutigen Szene: Breitbeinig stellt sich Hörmann vor Mayr auf. Seine Hände schwitzen. Er legt sie nebeneinander auf den Griff. Seine Finger umschließen die Rochenhaut. Er hebt das Schwert. Schwingt es mit aller Kraft. Die Stahlklinge trifft den Hals. Durchtrennt Sehnen und Muskeln. Blut spritzt. Jakob Mayrs Kopf fällt auf den Boden. Ein Gehilfe des Scharfrichters hebt ihn auf. Zeigt ihn der grölenden Menge auf allen vier Seiten der Bühne.</p>



<p>Und ein Mörder bleibt auf dem Schafott zurück.&nbsp;</p>



<p>Ein paar Tage später beantrage ich im Stadtarchiv Martin Hörmanns polizeilichen Meldebogen, um mehr über seine Familie zu erfahren. Als ich ihn aufschlage, fällt mir ein loses Blatt in die Hand. Es ist aus Leinen, fleckig, abgegriffen. »Der Kinder« steht darauf. Es folgen 13 schwer entzifferbare, in Sütterlin geschriebene Namen. Martin Hörmann war dreimal verheiratet. Seine erste Frau Eva brachte fünf Kinder zur Welt, drei Mädchen überlebten. Als er 38 Jahre alt war, starb sie und machte ihn zum alleinerziehenden Vater.</p>



<p>Irgendwas in mir zieht sich zusammen. Die Jahre, die zwischen uns vergangen sind, kommen mir mit einem Mal nicht mehr wie eine Ewigkeit vor. Ich habe Mitleid mit ihm. Ist es möglich, über 200 Jahre hinweg Familienbande zu spüren?&nbsp;</p>



<p>Zwei Monate nach Evas Tod heiratete Martin Hörmann wieder. Es kamen in dieser Ehe fünf Kinder zur Welt, nur zwei überlebten. Ein paar Jahre später wurde er zum zweiten Mal Witwer, nun also als Vater von insgesamt fünf minderjährigen Kindern. Mit 48 Jahren heiratete er ein letztes Mal, alle drei Kinder aus dieser Ehe starben früh. Kurz vor seinem Tod kaufte er an der Sendlinger Straße, Ecke Blumenstraße, ein Haus für seine Frau und die Kinder. Sein ältester Sohn war zu diesem Zeitpunkt erst zehn Jahre alt. Martin Hörmann hat wohl geahnt, dass er seinen Beruf nicht vererben würde, er dürfte befürchtet haben, dass ein anderer in das Henkershäusl einziehen und seine Familie auf die Straße setzen würde. Also hat er vorgesorgt. Nach 28 Berufsjahren als Henker müsste er zwischen sechzig und neunzig Verurteilten das Leben genommen haben. Doch Martin Hörmann, der Schlächter, war auch ein umsichtiger Familienvater.</p>



<p>Weil ich drohe, den Überblick über die vielen Familienmitglieder zu verlieren, zeichne ich einen Stammbaum. In Ovale schreibe ich Namen, Geburts- und Todesdaten. Mit Strichen verbinde ich Kinder, Eltern, Ehepartner: Martin Hörmann, sein Sohn Joseph Ignaz, dessen Sohn Alfred – er ist der Vater meiner Oma –, sie, meine Mutter. Hinter mein eigenes Geburtsdatum ganz unten auf dem Papier ziehe ich ein Minus und lasse dahinter Platz. Irgendwann werde ich selbst für meine Nachfahren nur noch ein Oval mit Strichen sein. Die eigene Familie zu erforschen fühlt sich an, wie einen Anker auszuwerfen in den Fluss des Lebens – und gleichzeitig hinabgesaugt zu werden in den Strudel der Vergänglichkeit.&nbsp;</p>



<p>Wenn ich meine Eltern heute frage, was mit dem Schwert passieren soll, wissen sie es immer noch nicht. Die Forscher im Bayerischen Nationalmuseum sagten, sie nähmen es gern. Es würde ihre Sammlung abrunden. Auch das Stadtmuseum hätte bestimmt Interesse. Wir sind uns einig, dass es in einem Museum besser aufgehoben wäre als bei uns zu Hause. So könnten sich auch andere das Schwert ansehen. Schließlich erzählt es nicht nur unsere Familiengeschichte, sondern eine Geschichte über München, über Bayern, über Deutschland.&nbsp;</p>



<p>Bis meine Familie sich entschieden hat, wird es aber da bleiben, wo es war: auf dem Dachboden im Haus meiner Großmutter, an die Wand gelehnt, zwischen Balduin und Ferdinand. Zusammen mit all den anderen Dingen, die wir nicht mehr brauchen. Aber von denen wir uns auch nicht trennen wollen.</p>



<p><em>Foto: <a href="https://www.julianbaumann.com" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Julian Baumann (öffnet in neuem Tab)">Julian Baumann</a></em></p>



<p><em>Online auch zu lesen auf:</em> <a href="https://sz-magazin.sueddeutsche.de/familie/mit-scharfer-klinge-86620?reduced=true" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="SZ-Magazin.sueddeutsche.de (öffnet in neuem Tab)">SZ-Magazin.sueddeutsche.de</a> </p>
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		<title>Der Feind sind nicht die Juden. Der Feind ist Israel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Lindner]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Dec 2019 12:31:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[erschienen in]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Welt</p>
<p>Im Iran lebt die größte jüdische Exilgemeinde der islamischen Welt. Ihre Religion dürfen die Mitglieder offen praktizieren. Doch wer Kontakt zu den Glaubensbrüdern in Israel sucht, riskiert sein Leben.</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Im Iran lebt die größte jüdische Exilgemeinde der islamischen Welt. Ihre Religion dürfen die Mitglieder offen praktizieren. Doch wer Kontakt zu den Glaubensbrüdern in Israel sucht, riskiert sein Leben.</h2>



<p></p>



<p>v<em>on Eva Lindner, Die Welt ,&nbsp;</em>31. März 2017</p>



<p>Gil, schwarze Haare, schwarzes Hemd, schwarze Hose, schlängelt sich durch die Basarstraßen der Großstadt Schiras, etwa 700 Kilometer südlich von Teheran. Unauffällig wirkt der schlanke, junge Mann, ein bisschen wie der Schatten seines Selbst. Es ist Vormittag und voll in den engen Gassen. Die Basaris rufen die Preise für ihre Gewürze, ihr Brot und ihre Stoffe in die gewölbten Gänge, Frauen in schwarzen Tschadors kämpfen sich durch die Menge, es riecht nach Zimt und gegrilltem Fleisch. Ein Mann in Gils Alter kommt auf ihn zu, „Schalom, hakol beseder?“, er gibt Gil die Hand zum Gruß. „Schalom, ja, alles klar, und bei dir?“, erwidert Gil ebenfalls auf Hebräisch. Niemand der Passanten scheint sich zu wundern, dass die beiden die Sprache des Landes sprechen, dem der Iran schon häufig mit der Auslöschung gedroht hat.</p>



<p>Seit mehr als 2500 Jahren leben Juden in Persien. Gil ist einer von etwa 10.000, die heute noch im Iran wohnen. Es gibt keine offizielle Zahl, die Gemeinschaft gibt an, dass es bis zu 25.000 sein könnten. In jedem Fall ist es die größte jüdische Gemeinde der islamischen Welt. Der Westen hat bis heute Irans polternden ExPräsidenten Ahmadinedschad im Ohr, der Israel mehrmals mit Zerstörung drohte und den Holocaust als „Mythos“ bezeichnete. Bereits Ajatollah Khomeni erklärte 1979 bei seiner Machtergreifung nach der Islamischen Revolution Israels Vernichtung zum Staatsziel. Doch ebenfalls erließ er ein Dekret, dass iranische Juden nicht diskriminiert werden dürften.&nbsp;</p>



<p>Der Feind sind also nicht die Juden, die Feinde sind der israelische Staat und die Zionisten. Iran erlaubt jüdische Krankenhäuser, Schulen und koschere Restaurants. In den Synagogen, die anders als in Deutschland nicht bewacht werden müssen, darf die Gemeinde ihren Glauben praktizieren. Doch gleichberechtigt mit ihren schiitischen Nachbarn sind die iranischen Juden deshalb noch lange nicht. Hohe Posten in Politik und Verwaltung bleiben ihnen verwehrt. Und wer Kontakt zu den Glaubensbrüdern in Israel sucht, riskiert sein Leben. Das musste auch Gil erfahren.&nbsp;</p>



<p>Gil verabschiedet sich von seinem Freund auf dem Markt, er muss zur Arbeit. Am Rande des Basars in einer Hauptstraße verkauft er in einem kleinen Stand Glühlampen, Handyersatzteile, Ladegeräte. Nach seinem Ingenieursstudium hat der 21-Jährige keinen Job gefunden. „Ich habe als Jude nur einen Platz an einer schlechten Uni bekommen“, sagt Gil und hebt die Schultern. Ob er tatsächlich aufgrund seiner Religion diskriminiert wurde, ist schwer nachprüfbar. Klar ist jedoch, einfach haben es die Minderheiten in Iran nicht. Hebräisch-Unterricht ist verboten. Gil und seine Freunde sprechen deshalb nur ein paar Worte, nutzen Hebräisch wie einen Slang zur Wiedererkennung, im Alltag sprechen sie Farsi. Aus Angst vor Verfolgung will Gil weder sein Foto noch seinen richtigen Namen in der Zeitung lesen. Seine Familie und Freunde nennen ihn bei seinem hebräischen Namen, in seinem Pass steht ein anderer Name, in Farsi.&nbsp;</p>



<p>98 Prozent der Iraner sind Muslime. Die übrigen zwei Prozent sind Zoroastrier, Christen und Juden, sie alle sind im Parlament vertreten. Einfluss haben die Abgeordneten der Minderheiten kaum, sie müssen die islamischen Gesetze und Regeln befolgen. Doch die Vielfalt passt in das Image, das der Iran gern von sich hätte: Eine gemäßigte schiitische Regionalmacht in einem radikalisierten sunnitischen Umfeld. Präsident&nbsp;Hassan Ruhani twitterte, kaum kam er 2013 ins Amt, Gratulationen zum jüdischen Neujahrsfest Rosch-Haschanah in die Welt.&nbsp;</p>



<p>Freitagnachmittag kurz vor Sonnenuntergang schließt Gil seinen Laden und macht sich auf den Weg zur Synagoge. „Endlich: Shop zu, Augen zu“, sagt Gil und lacht, es ist Sabbat. Die nächsten 24 Stunden wird er sein Handy ausschalten, mit seiner Familie zu Hause auf dem Perserteppich essen und in der Thora lesen. Abseits des Stadtzentrums mit seinen funkelnden Moscheen, in einer staubigen Nebenstraße liegt das Religionsviertel. Hinter einem hohen Tor schaut der Glockenturm einer Kirche hervor, der Feuertempel der Zoroastrier steht auf einer Brache hinter einer Baustelle. Schräg gegenüber hinter hohen Mauern, ohne Hinweis auf ein religiöses Zentrum, betreten ein paar Männer ein unscheinbares Betonhaus, die Beit Knesset, den Gebetsraum. Keiner trägt Kippa oder Schläfenlocken, ein Davidstern an den Fenstergittern ist das einzige, erkennbare jüdische Symbol.&nbsp;</p>



<p>Als Israel 1948 gegründet wurde, lebten noch etwa 100.000 Juden im Iran. Nach der Revolution verschärfte sich die Situation für die Minderheiten. Viele Säkulare zogen in die USA, so auch die Eltern von Gils Vater. Sie leben wie viele Exil-Iraner in Los Angeles, das Gil und seine Freunde deshalb „Teherangeles“ nennen. Fromme, arme Juden zogen nach der Revolution vor allem nach Israel, so wie die Familie von Gils Mutter. Es ist zwei Jahre her, als Gil beschloss, seine Tanten im Heiligen Land zu besuchen. „Meine Mutter hat drei Nächte nur geweint, sie wollte mich unbedingt aufhalten“, sagt Gil. „Aber ich liebe es, zu reisen, nur wir Iraner dürfen ja kaum irgendwohin.“ Und schon gar nicht nach Israel. Die Schergen des Regimes machen unaufhörlich Jagd auf mögliche Spione des Erzfeinds. „Wenn sie mich erwischt hätten, wäre ich verschleppt worden“, sagt Gil. „Oder sie hätten mich gleich getötet.“&nbsp;</p>



<p>Doch Gil war nicht aufzuhalten. Über die Türkei flog er nach Israel, weil in seinem Pass „jüdisch“ steht, ließen die Israelis ihn einreisen. Israels Gründung basiert auf der Idee, ein Zufluchtsort für alle Juden auf der Welt zu sein. Gil besuchte Tel Aviv und Jerusalem, lernte seine ihm fast fremde Familie kennen. „Ich habe es geliebt, Israel ist ein freies Land“, sagt er.&nbsp;</p>



<p>„Frei sein“ ist für junge, liberale Iraner das erstrebenswerteste Attribut. Denn in ihrer Heimat sind sie alles andere als frei. Gil ist 21 Jahre alt, er darf weder tanzen gehen, noch Alkohol trinken,&nbsp;er darf alleine keine Mädchen treffen und draußen keinen Sport treiben. Fast alles, was jungen Leuten Spaß macht, ist verboten, es gibt kaum Cafés, keine Bars, keine Clubs. „Im Iran darf man nicht singen, nicht tanzen und nicht lachen“, sagt Gil. Und in der Tat: Wer durch den Iran reist, dem fällt die Ernsthaftigkeit der Menschen auf der Straße auf. Meist dunkel gekleidet oder in schwarze Tücher gehüllt, hasten die Menschen durch die Straße. Frei sein können sie nur zu Hause. Hinter verschlossenen Türen und zugezogenen Vorhängen.&nbsp;</p>



<p>Doch wo Grenzen eng gesteckt werden, reizt die Jugend sie erst recht aus. Am Samstagabend, als die Sonne untergegangen ist und der Sabbat vorbei ist, schaltet Gil sein Handy an und verabredet sich mit Freunden in einem Café am Stadtrand. Sein bester Freund Mohammed, ein Muslim, betreibt es. „Unsere Religionen spielen doch keine Rolle“, sagt Gil, „wir sind alle Menschen.“ Hier rauchen die jungen Leute Wasserpfeife und spielen Billard, die Mädchen tragen die Kopftücher weit hinten im Nacken, ihr Haaransatz guckt hervor. Gil trägt ein Tablett mit Teetassen an den Tisch und schenkt ein. Seine Freunde nippen an den Tassen und fangen an zu lachen. Statt eines Gewürztees hat Gil ihnen selbst gemachten Wein aufgetischt. Dafür könnte er ins Gefängnis kommen. Die rote Flüssigkeit schmeckt süß und hochprozentig, die Mädchen kichern.&nbsp;</p>



<p>Gegen ein Uhr nachts steigt Gil in sein Auto und macht sich auf den Heimweg. Ob er lieber woanders leben würde als im Iran? „Momentan nicht“, sagt der junge Mann mit der schwarzen Kleidung und den schwarzen Haaren. „Ich habe hier alles, was ich brauche, einen Job, Freunde, meine Familie.“ Nur die Freiheit, die fehle natürlich. Aber manchmal, sagt er, nimmt er sie sich trotzdem, auch wenn es gefährlich ist. Dann winkt er zum Abschied und ruft auf Hebräisch „laila tov“ – „Gute Nacht.“&nbsp;</p>



<p>Foto: Eva Lindner</p>



<p>Online auch zu lesen auf:&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" aria-label="zeit.de/zeit-wissen (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.welt.de/politik/ausland/plus163191211/Gegen-die-eigenen-Juden-hat-der-Iran-nichts.html" target="_blank">welt.de</a></p>



<p><br></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Frau Kamel und der Teilchenbeschleuniger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Lindner]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Dec 2019 13:26:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[erschienen in]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zeit Wissen Magazin</p>
<p>Die Physikerin Gihan Kamel aus Ägypten forscht in Jordanien mit Kollegen aus Israel und dem Iran an einer Maschine aus dem geteilten Berlin.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://eva-lindner.com/frau-kamel-und-der-teilchenbeschleuniger/">Frau Kamel und der Teilchenbeschleuniger</a> erschien zuerst auf <a href="https://eva-lindner.com">Eva Lindner</a>.</p>
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<p></p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Physikerin Gihan Kamel aus Ägypten forscht in Jordanien mit Kollegen aus Israel und dem Iran an einer Maschine aus dem geteilten Berlin. &#8222;Sesame&#8220; soll die Wissenschaft im Nahen Osten beflügeln und Gegner befrieden. Kann das gelingen?</h2>



<p></p>



<p><em>von Eva Lindner, Zeit Wissen Magazin, </em>21. Februar 2017</p>



<p></p>



<p>Die Frau mit dem Kopftuch hat in ihrem Leben zwei Männer zurücklassen müssen, die nicht mit ihr gehen wollten. Dafür ist sie jetzt von 30 Männern umgeben, die schon mal über sie lachen. Wenn Gihan Kamel auf der Baustelle den Schutzhelm auf ihr Kopftuch setzt und über Kisten klettert, fühlt sie sich manchmal wie ein seltenes Tier im Zoo. Die Männer, die dann grinsen, werden erst einmal an ihrer Seite bleiben. Und Gihan Kamel wäre nicht da, wo sie heute ist, wenn sie in diesem Moment nicht mitlachen könnte.</p>



<p>Die Logik der Physikerin funktioniert so: Lachen die Männer, klettert sie höher. Geben sie ihr absichtlich schwere Kisten zum Tragen, stemmt sie abends im Fitnessstudio noch schwerere Gewichte. Nehmen ihre Kollegen sie als Wissenschaftlerin nicht ernst, arbeitet sie eben doppelt so hart. Kamel bedeutet im Arabischen perfekt.</p>



<p>Die Ägypterin hat ihre Formel gefunden, um als einziger weiblicher Wissenschaftler in einem Labor voller Männer nicht unterzugehen. Den Rest braucht nicht nur sie, sondern brauchen alle, die an dem gewagten Experiment mitarbeiten: einen starken Willen und vor allem eine Vision.</p>



<p>Im Ort Allan, 35 Kilometer entfernt von der jordanischen Hauptstadt&nbsp;Amman, entsteht in einem Gebäude, das wie ein römischer Tempel anmutet, eine neue Lichtquelle. Es ist die Erste ihrer Art im Nahen Osten. Sie trägt den Namen Synchrotron Light for Experimental Science and Applications in the Middle East, kurz Sesame. Es handelt sich um einen Teilchenbeschleuniger, der Elektronen mithilfe von Magneten und elektrischen Feldern im Kreis flitzen lässt, bis sie fast so schnell sind wie Licht. Die elektromagnetische Strahlung, die sie dabei aussenden, nennen Wissenschaftler Synchrotronstrahlung. Dreizehn Jahre dauerte der Bau, Anfang Januar begann die Testphase, im Sommer starten die Experimente.</p>



<p>Weltweit gibt es mehr als 60 Forschungsanlagen dieser Art. Das Besondere an Sesame ist aber nicht nur der Standort im Nahen Osten. Es sind vor allem die Wissenschaftler, die hellhörig werden lassen. Im Tempel-Labor sollen sich Israelis und Iraner, Türken und Zyprioten, Pakistaner, Palästinenser und Ägypter treffen und gemeinsam forschen. Sie sollen in den Pausen zusammen essen, bei einem Kaffee plaudern und sich im Gästehaus begegnen. Unabhängig von Herkunft, Religion und der einander oft feindlich gesinnten Politik ihrer Heimatländer will Sesame ein internationales Labor für Wissensaustausch sein – und ist damit nicht weniger als eines der größten Experimente für den Frieden in der Region.</p>



<p>Gihan Kamel (ausgesprochen: Kamell) sitzt an ihrem Schreibtisch im ersten Geschoss oberhalb der Rotunde, durch die sich der Beschleuniger schraubt. An der Wand über ihr hängen Bilder und ein Schild mit zwei Pfeilen.&nbsp;<em>&#8222;Men to the left because women are always right&#8220;,</em>&nbsp;steht darauf geschrieben. Kamel trägt das dazu passende Lächeln im Gesicht, selbstbewusst; ein Hemd, grün-weiß kariert; Nagellack, schwarz. Das blau-weiß geblümte Kopftuch hat sie unter dem Kinn zusammengewurschtelt, oben spitzt der dunkle Haaransatz heraus. Warum trägt sie es? &#8222;Ich will das Vorurteil brechen, dass Frauen mit Kopftuch immer unterdrückt sind und sich nur um Haushalt und Kinder kümmern&#8220;, sagt sie. &#8222;Eine Frau mit Kopftuch kann eine erfolgreiche Wissenschaftlerin und religiös sein.&#8220; Gihan Kamel, so viel ist klar, kämpft an mehreren Fronten.</p>



<p>Auf dem Tisch spiegelt ihre Sonnenbrille das Herbstlicht in den blauen Gläsern. Daneben liegt ein Buch von&nbsp;Orhan<a href="https://www.zeit.de/thema/orhan-pamuk"> </a>Pamuk.&nbsp;<em>Diese Fremdheit in mir,</em>&nbsp;ein Roman über Zerrissenheit und die Suche nach innerer Heimat. Gihan Kamel sieht jünger aus als die 40 Jahre, die sie alt ist. In der Hand hält die Physikerin einen kurzen Bleistift. Wenn sie erklärt, warum sie an das Friedenslabor glaubt, klopft sie damit vehement auf das Blatt Papier vor ihr auf dem Tisch.</p>



<p>Anfangs habe sie schon Zweifel gehabt. &#8222;Ich habe mich gefragt, ob ich, eine stolze Ägypterin, zu einer neutralen Person werden kann&#8220;, sagt sie. &#8222;Kann ich meine Augen vor der Welt verschließen und einfach nur meine Experimente machen?&#8220; Wochenlang habe sie mit sich gerungen.&nbsp;Ägypten&nbsp;hat mit Israel zwar einen Friedensvertrag und erkennt den Staat, anders als der Iran oder Pakistan, auch an, aber der Freiheitskampf der Palästinenser ist für viele die Sache aller Araber. Nach ein paar Wochen weiß sie die Antwort. Ihre tägliche Arbeit funktioniert seitdem nach einem Dreisatz: &#8222;Ich lese keine Zeitung, ich schaue keine Nachrichten, ich spreche nicht über Politik&#8220;, sagt sie und tippt mit dem Stift dicke Bleistiftpunkte auf das Blatt.</p>



<p>Drei Jahre lang repräsentierte Gihan Kamel Ägypten im Mitgliederkomitee von Sesame. Sie beobachtete, wie sich Palästinenser und Israelis auf Konferenzen nebeneinandersetzten, wie iranische Forscher in der Kaffeepause mit israelischen Kollegen redeten. 2015 zieht sie nach&nbsp;Jordanien&nbsp;und tritt ihre Stelle als verantwortliche Physikerin für die Infrarotstrahlung an. Sie wird schnell zur vehementesten Verteidigerin dieser &#8222;verrückten Idee&#8220; namens Sesame, ihrer Vision vom Frieden.</p>



<p>Das Experiment hat seinen einzig möglichen Standort gefunden: Jordanien als letzte stabile Bastion im Nahen Osten, den Kriege und Krisen zerfressen wie ätzende Säure. Jordanien als einziges Land, in das alle Mitglieder problemlos einreisen können. Nicht über Politik zu sprechen scheint das ungeschriebene Gesetz im Labor zu sein, der Garant für das Gelingen des Experiments. Nur, ist es schon Frieden, wenn Feindschaft ignoriert wird?</p>



<p>Einer, der eine Antwort haben müsste, sitzt ein paar Büros weiter. Giorgio Paolucci ist seit zwei Jahren der wissenschaftliche Leiter von Sesame. Als er ankam, stand der halb fertige Teilchenbeschleuniger ohne Dach in der Wüste. Ein extremer Winter hatte Schnee nach Jordanien und das Tempeldach zum Einsturz gebracht. Ein Grund von vielen, die das Projekt um Jahre verzögert haben. Sein Büro ist im Gegensatz zu Gihan Kamels Büro leer und kahl. Es sieht nicht aus wie eines, in dem sich jemand eingerichtet hat, um zu bleiben. Paolucci kocht gerade Kaffee, italienischen natürlich. &#8222;Wissenschaft ist ein Umfeld, in dem nie über Krieg oder Frieden gesprochen wird. Die Sprache der Wissenschaft ist universell, sie führt zum Austausch, wo sonst nicht miteinander gesprochen wird&#8220;, sagt der Italiener. Es klingt wie ein Satz, den er schon sehr oft gesagt hat. Lieber spricht er über die wissenschaftlichen Chancen von Sesame.</p>



<p>Das Synchrotronlicht ist ein Werkzeug, das nicht nur Physiker, sondern auch Mediziner, Chemiker, Biologen, Materialforscher und Archäologen nutzen. Damit analysieren sie anderswo in der Welt zum Beispiel Luftpartikel und Bodenproben, um Umweltschäden zu erkennen. Der Infrarotstrahl ermöglicht die Forschung an lebenden Zellen und an Gewebe, das von Krebs befallen ist. Im Bau befindet sich ein drittes Strahlrohr für die sogenannte Proteinkristallografie, mit der Viren besser erforscht werden können. Militärische Forschung soll mit Sesame nicht möglich sein.</p>



<p>Giorgio Paolucci erzählt gerne von den Erfolgen, die italienische Forscher mithilfe von Synchrotronlicht erzielt haben. Sie entzifferten eine antike Pergamentrolle aus Pompeji, ohne sie zu öffnen und so ihre Zerstörung zu riskieren. Solche Ergebnisse wünsche er sich auch für den Nahen Osten, gerade in Jordanien gebe es zahlreiche archäologische Fundstücke. In wenigen Wochen sollen die ersten Forscherteams in Allan eintreffen. Ein strammer Zeitplan angesichts dessen, dass die Halle mit den vielen Kisten und Containern noch eher einer Baustelle als einem Labor gleicht.</p>



<p>Die Idee für einen Teilchenbeschleuniger im Nahen Osten stammt aus dem europäischen Forschungszentrum Cern und ist bereits 20 Jahre alt. Jordanien stellte schließlich das Grundstück zur Verfügung und übernahm 2003 den Bau des Tempels, die Unesco, die EU und die USA gaben Geld. Die Kosten für die Anlage sollen eigentlich die neun Sesame-Mitglieder aus der Region tragen, doch bislang haben nur&nbsp;Israel, die Türkei und Jordanien hohe Beträge bezahlt. Zu Bahrain habe man den Kontakt ganz verloren, aus Zypern, Pakistan, den palästinensischen Gebieten, dem Iran und Ägypten kam bislang wenig oder gar nichts.</p>



<p>Gihan Kamel weiß, dass Ägypten in einer tiefen Krise steckt. Während ihre Heimat, wie sie sie kannte, unterging, stieg sie selbst in der Wissenschaft auf. Als ihre Freunde 2011 in Kairo anfangen, gegen das Regime Mubaraks auf die Straße zu gehen, beendet die Physikerin ihre Doktorarbeit an einer Universität in Rom und löst gerade ihre zweite Verlobung auf. Die erste scheiterte, als sie ihren Master machte. &#8222;Beide Männer konnten nicht ertragen, dass ich erfolgreicher war als sie. Daran sind beide Beziehungen zerbrochen&#8220;, sagt sie.</p>



<p>Als sie mit ihrem Doktortitel nach Hause kam, sei die Stimmung im Land wahnsinnig aufregend gewesen. Es war der Beginn des Arabischen Frühlings in Ägypten. &#8222;Wir liefen auf den Tahrir-Platz und feierten und demonstrierten. Wir spürten, dass gerade etwas Großes passiert.&#8220; Dann brach die Gewalt herein, Hunderte Menschen starben. Ein paar Wochen später&nbsp;trat<a class="" rel="noreferrer noopener" href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2013-11/chronologie-aegypten" target="_blank"> </a>Mubarak<a class="" rel="noreferrer noopener" href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2013-11/chronologie-aegypten" target="_blank"> </a>zurück. Sie sei so erleichtert gewesen. &#8222;Es ist ein bisschen wie mit Sesame&#8220;, sagt sie, &#8222;du arbeitest ewig lange an etwas, was unerreichbar scheint, und wenn du dann tatsächlich am Ziel ankommst, merkst du, dass du wirklich etwas verändert hast.&#8220; Das Problem sei nur, die freigesetzte Energie im Nachhinein zu kontrollieren. Sie als Physikerin muss es wissen.</p>



<p>&#8222;Wir können nicht leugnen, dass es in den Mitgliedsländern viele Probleme gibt&#8220;, sagt Giorgio Paolucci, der gerade seinen Espresso austrinkt. &#8222;Die Wissenschaftler der Mitgliedsländer sollen trotzdem hier forschen, auch wenn sie noch nicht alle bezahlen.&#8220; Finanziell springen erst einmal alte Bekannte ein. Die EU will nachlegen, Italien und Deutschland ebenso.</p>



<p>Ist Sesame ein vom Westen angeschubstes Friedensprojekt, in das die Mitglieder selbst nicht investieren können oder gar wollen? Nicht mehr als ein schönes Symbol unter der Schirmherrschaft der Unesco?</p>



<p>Einer, der seit vielen Jahren Erfahrung mit internationalen Forscherteams hat, ist überzeugt von Sesames Strahlkraft für die Völkerverständigung. Rolf-Dieter Heuer war sieben Jahre lang Generaldirektor des&nbsp;Cern. Im kommenden Jahr wird der deutsche Physiker Präsident des Aufsichtsrats von Sesame. Das Cern habe ihm gezeigt, dass Wissenschaftler, die ein gemeinsames Ziel haben, einander unabhängig von ihrer Herkunft akzeptieren. Ab 1954 sind sich in dem Schweizer Labor zum ersten Mal nach dem&nbsp;Zweiten<a href="https://www.zeit.de/thema/zweiter-weltkrieg"> </a>Weltkrieg&nbsp;wieder deutsche und jüdische Wissenschaftler begegnet. Auch den Eisernen Vorhang in Europa hätten die Forscher mit ihrer Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg durchlöchert. &#8222;Ich bin überzeugt, dass die Wissenschaft zum Frieden zwischen den Völkern beitragen kann&#8220;, sagt er.</p>



<p>Schon bald sollten die Mitgliedsländer selbst die Leitung von Sesame übernehmen. &#8222;Bisher haben sie sich nicht rangetraut, weil ihnen die Erfahrung fehlt&#8220;, sagt Rolf-Dieter Heuer, &#8222;das muss sich aber ändern, sobald Sesame läuft.&#8220; Also schnell.</p>



<p>Neben Giorgio Paolucci, dem Italiener, steht momentan ein Deutscher als technischer Leiter an der Spitze des Strahlenexperiments: Erhard Huttel pendelt jeden Monat zwischen dem Synchrotron Anka in Karlsruhe und Sesame hin und her. Fragt man ihn, ob Sesame Frieden stiften kann, hebt er die Schultern und lässt sie wieder fallen. Glaubensfragen sind nicht seine Welt. Er ist ein Mann der Zahlen. Die Anlage sei mit 20 Millionen US-Dollar sehr billig, eine Maschine in Europa koste das Fünffache. Der Grund für die Ersparnis stehe da unten. Huttel zeigt von seinem Büro im ersten Stock hinunter.</p>



<p>Wer dem technischen Direktor durch das Labor folgt, darf hinter die drei Meter dicke Betonwand spähen, die vor Strahlen schützen soll, und auch hinter Türen mit Warnschildern wie &#8222;Hochspannung! Vorsicht, Lebensgefahr!&#8220;. Dann steht man im Herzen der Anlage und trifft auf eine Berlinerin. &#8222;Das ist Bessy I&#8220;, stellt Huttel die rote Stahlröhre vor. Sie ist ein Teil des Beschleunigungsrings, der in&nbsp;Berlin&nbsp;1999 ausgemustert und ein paar Jahre später Sesame geschenkt wurde. Das Cern des Nahen Ostens – eine 35 Jahre alte Secondhand-Anlage? &#8222;Eigentlich kann an so einer Maschine nicht viel kaputtgehen&#8220;, sagt Huttel und klopft Bessy auf den Stahlrahmen, er habe nur ein paar Netzteile ausgetauscht. Auf die Frage, ob die aufgepeppte alte Dame mit den 60 Konkurrenten weltweit mithalten könne, sagt er: &#8222;Das ist wie bei den Autos: Es gibt welche, mit denen fährt man Formel 1, und welche, mit denen fährt man zum Brötchenholen.&#8220; Letztere brauche man aber auch, schiebt er schnell hinterher.</p>



<p>Was der Nahe Osten vor allem brauche, sei ein solides Labor, das die jungen, talentierten Wissenschaftler in der Region halte. Wissenschaftler wie Gihan Kamel sollen zukünftig nicht mehr an Synchrotronanlagen im Westen forschen, sondern an Sesame, und so ihre Heimat stärken.</p>



<p>Sie sei froh, wieder näher an Ägypten zu wohnen, sagt die Physikerin. Eines Tages möchte sie zurückkehren. Bis dahin sei die Wissenschaft bei Sesame ihr Zuhause und auch ihr Baby. Jeder müsse in seinem Leben eine Vision haben, sagt Kamel, jeder sollte etwas verfolgen, wofür er kämpfe und woran er bedingungslos glaube. Gihan Kamel lebt mit ihrer Mutter und zwei Katzen zusammen. Die beiden Katzen kann man als Symbol interpretieren für die vielen Identitäten dieser Frau. Die eine Katze stammt aus Jordanien. Die andere aus Ägypten.</p>



<p>Foto: <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Jonas Opperskalski (öffnet in neuem Tab)" href="http://www.jonasopperskalski.com" target="_blank">Jonas Opperskalski</a></p>



<p>Online auch zu lesen auf: <a href="https://www.zeit.de/zeit-wissen/2017/02/wissenschaft-naher-osten-jordanien-frauen-physik-teilchenbeschleuniger/komplettansicht" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="zeit.de/zeit-wissen (öffnet in neuem Tab)">zeit.de/zeit-wissen</a></p>
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		<title>„Wir wollten dich nicht“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Lindner]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Dec 2019 18:15:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[erschienen in]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Süddeutsche Zeitung</p>
<p>In Teilen Indiens nennen Eltern ihre Töchter „Nakusa“, „ungewollt“, um den Göttern zu zeigen, dass sie sich dringend einen Sohn wünschen. Die Mädchen erfahren früh, was es heißt, wenig wert zu sein.</p>
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<h2 class="wp-block-heading">In Teilen Indiens nennen Eltern ihre Töchter „Nakusa“, „ungewollt“, um den Göttern zu zeigen, dass sie sich dringend einen Sohn wünschen. Die Mädchen erfahren früh, was es heißt, wenig wert zu sein.</h2>



<p></p>



<p><em>von Eva Lindner</em>, <em>Süddeutsche Zeitung, 19. November 201</em>6</p>



<p></p>



<p>Sie heißt Aishwarya, auf ihrem Schülerausweis steht es. Er hängt an einem Band um ihren Hals, das sie verlegen mal nach rechts, mal nach links zieht. Sie ist 13 Jahre alt und wohnt hoch oben auf einem Berg im kleinen Dorf Narafdev, 250 Kilometer von Mumbai, der Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra, entfernt. Die sandfarbene Landschaft liegt wie ein faltiger Teppich über den Hügeln am Horizont. Aishwarya hat sich fein gemacht an diesem Tag, schwarze Hose, pinkfarbene Kurta, so heißt die traditionelle indische Oberbekleidung; ein Schal liegt ihr lose über den Schultern. Sie erwartet Besuch aus der Stadt. Eine Frau will nachsehen, wie es ihr geht nach all den&nbsp;Jahren.</p>



<p>Der Name auf dem Schülerausweis bedeutet dem Mädchen alles. Er ist nicht nur Teil seiner Identität, er ist seine Legitimation. Den Namen, den die Mutter ihm gab, wollte es nicht mehr tragen. Er war der Beweis, dass seine Eltern es nie wollten. Dass sie sich einen Jungen gewünscht hatten. Deshalb nannten sie ihre Tochter &#8222;Nakusa&#8220;. Die&nbsp;Ungewollte.</p>



<p>In Indien haben Namen ihren Ursprung häufig in Mythologie und Religion. Der Name soll dem Kind seinen Weg in die Zukunft weisen, ihm helfen, seine Persönlichkeit zu entwickeln. Beliebt sind für Mädchen Lakshmi, nach der Göttin des Wohlstandes, Sunita, &#8222;höflich&#8220;, oder Kavita, &#8222;Gedicht&#8220;. In der Region Satara im Staat Maharashtra im mittleren Indien glauben Eltern, die viele Töchter haben, dass sie den Göttern mit dem Namen des Kindes ein Zeichen schicken können. Nakusa bedeutet: genug Töchter, wir wollen endlich einen&nbsp;Sohn.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Für einfache Familien werden Mädchen schnell zur Armutsfalle</h3>



<p>Etwa tausend Mädchen mit dem Namen Nakusa leben in Satara, schätzt T. V. Sekher, Professor am internationalen Institut für Bevölkerungswissenschaft in Mumbai. Er hat kürzlich eine Studie herausgegeben, in der er die psychologischen Auswirkungen des Namens auf die Mädchen erforscht hat: 70 Prozent hatten Demütigungen erlebt und waren traumatisiert. &#8222;Wir blicken in Indien auf eine jahrhundertelange Diskriminierung von Mädchen zurück&#8220;, sagt er. &#8222;Was wir hier im ländlichen Maharashtra erleben, ist die grausamste&nbsp;Form.&#8220;</p>



<p>Auch Aishwarya kann davon erzählen. &#8222;,Komm her, du Ungewollte&#8216;, riefen die anderen Kinder mich&#8220;, sagt sie, &#8222;oft ließen sie mich nicht mitspielen.&#8220; Was Nakusa heißt, habe sie erst in der Schule erfahren, als alle Kinder die Bedeutung ihrer Namen darlegen sollten. Als sie ihren nicht erklären konnte, nahm der Lehrer die Kreide und schrieb in der Landessprache Marathi an die Tafel: &#8222;Ungewolltes Mädchen&#8220;. &#8222;Ich habe mich so schmutzig gefühlt&#8220;, sagt&nbsp;sie.</p>



<p>Mit ihren Eltern, der Großmutter und ihren Geschwistern wohnt sie in einem Raum. Die&nbsp;Familie&nbsp;lebt von der Landwirtschaft, vor der Tür sind zwei Ochsen, eine Kuh, ein Kälbchen und ein paar Ziegen angebunden. Was man im Westen als Krippenspiel zu Weihnachten kennt, ist im ländlichen Indien Alltag: Aishwarya lebt mit ihrer Familie in einem Stall, für die Frau aus der Stadt kocht ihre Mutter Tee über dem offenen&nbsp;Feuer.</p>



<p>Samindra Bapusaheb Jadhav hat mitgeholfen, dass aus Nakusa Aishwarya werden konnte. Mit ihrer Organisation Swayamsiddha Women Development unterstützt sie junge Mädchen dabei, ihre Geburtsurkunde, Zeugnisse und Ausweise umschreiben zu lassen. 280 Nakusas durften sich mit ihrer Hilfe schon einen neuen Namen aussuchen. &#8222;Wir wollen keine ungewollten Mädchen mehr&#8220;, sagt Samindra Bapusaheb Jadhav, die selbst zwei Söhne hat, &#8222;alle sollen willkommen&nbsp;sein.&#8220;</p>



<p>Fragt man Aishwaryas Mutter, warum sie ihrer Tochter den Namen Nakusa gegeben hat, sagt sie ganz offen: &#8222;Wir haben schon sechs Mädchen gehabt, wir wollten einen Sohn.&#8220; Aishwarya sitzt mit gesenktem Kopf reglos auf der Bastmatte, eine Träne rinnt langsam ihre Wange&nbsp;hinunter.</p>



<p>Dass indische Paare oft Söhne den Töchtern vorziehen, hat finanzielle Gründe; gerade für einfache Familien werden Mädchen schnell zur Armutsfalle. Ausbildung, Hochzeit und Mitgift (die zwar gesetzlich verboten, aber noch immer die Regel ist) kosten die Eltern viel Geld, viele müssen Kredite aufnehmen. Nach der Heirat geht die Tochter mit ihrem Besitz in das Eigentum der Familie des Bräutigams über, die Eltern bleiben beim Sohn. Weil es in Indien keine staatliche Rente gibt, sind sie im Alter finanziell von ihm&nbsp;abhängig.</p>



<h3 class="wp-block-heading">&#8222;Warum habt ihr mich nicht einfach nach der Geburt umgebracht?&#8220;</h3>



<p>&#8222;Söhne werden in vielen&nbsp;Familien&nbsp;bevorzugt behandelt, sie erhalten mehr Bildung und als Erste am Tisch die Mahlzeiten&#8220;, sagt der Wissenschaftler Sekher. Nicht von ungefähr gebe es das indische Sprichwort: &#8222;Eine Tochter großzuziehen, ist, wie die Blume im Garten des Nachbarn zu gießen.&#8220; Die Söhne sind es auch, die das Grundstück der Eltern erben; hat die Familie nur Töchter, verliert sie ihr&nbsp;Land.</p>



<p>So manifestiert sich die männerdominierte Gesellschaft ökonomisch, sozial, kulturell. Das erste Kind gilt als Gottesgeschenk, sein Geschlecht spielt meist noch keine große Rolle. Das zweite Kind soll aber ein Junge werden. Nakusa heißen meist die Mädchen, die schon ältere Schwestern und noch keinen Bruder haben. &#8222;Indem Eltern ihre Tochter Nakusa nennen, flehen sie die Götter um Erbarmen an. Sie haben den Glauben, oder vielmehr den Aberglauben, dass sie dann einen Sohn bekommen&#8220;, sagt T. V. Sekher. Auch Namen wie &#8222;Grenze&#8220; oder &#8222;Stein&#8220; sollen ein Stopp-Zeichen für die Götter sein, aber Nakusa ist wohl das unbarmherzigste. In Sekhers Studie wird eine 32-jährige Nakusa zitiert, die gegenüber ihren Brüdern so benachteiligt wurde, dass sie ihre Eltern fragte: &#8222;Warum habt ihr mich nicht einfach nach der Geburt&nbsp;umgebracht?&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Umgerechnet drei Euro kostet die Namensänderung</h3>



<p>Erst 2011 ist Sekher durch eine Umfrage des Gesundheitsministeriums auf den ungewöhnlichen Mädchennamen in der Satara-Region aufmerksam geworden. 400 Nakusas konnte er finden, die älteste ist 50 Jahre alt, &#8222;das sagt uns, dass sich der Brauch schon seit Generationen hält&#8220;. Dass Aishwaryas Mutter keinerlei Scham oder Reue wegen der Namensgebung zeigt, erstaunt Sekher nicht. &#8222;Der Glaube wiegt gerade bei armen, bildungsschwachen Familien viel schwerer als die&nbsp;Vernunft.&#8220;</p>



<p>Als Aishwaryas Lehrer ihre Eltern auf die Möglichkeit aufmerksam machte, ihren Namen zu ändern, hatten sie immerhin nichts dagegen. Die Organisation half, die Dokumente zu beantragen und kam für die Kosten in Höhe von 200 Rupien auf, umgerechnet knapp drei Euro. Die Mitarbeiter besuchen die Familien auch, um zu prüfen, ob sich nicht nur auf dem Dokument etwas geändert hat und die Familien ihre Töchter auch wirklich bei ihrem neuen Namen&nbsp;nennen.</p>



<p></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1086" height="724" src="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/Nakusa-Eva-Lindner-Journalistin-Indien-2.jpg" alt="Eva Lindner Indien Nakusa" class="wp-image-234111" srcset="https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/Nakusa-Eva-Lindner-Journalistin-Indien-2.jpg 1086w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/Nakusa-Eva-Lindner-Journalistin-Indien-2-980x653.jpg 980w, https://eva-lindner.com/wp-content/uploads/2020/03/Nakusa-Eva-Lindner-Journalistin-Indien-2-480x320.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1086px, 100vw" /></figure>



<p>Auch das zweite Mädchen, nach dem Samindra Bapusaheb Jadhav an diesem Tag sieht, heißt jetzt Aishwarya. Der Name ist beliebt, die Bollywood-Schauspielerin und ehemalige Miss World Aishwarya Rai ist für viele ein Vorbild. Die Welt der 15 Jahre alten Aishwarya ist dagegen eher klein, sie kommt gerade vom Wäschewaschen am Brunnen. &#8222;Meinen alten Namen mochte ich nicht, der neue ist viel schöner&#8220;, sagt sie. Wenn sie erwachsen ist, will sie Ärztin werden. Leicht wird das nicht; wie die meisten Nakusa-Mütter kann auch Aishwaryas Mutter weder lesen noch schreiben, der Vater ging nur wenige Jahre zur Schule. Das Mädchen hat ein fröhliches Lächeln, goldene Ringe glänzen an seinen Ohrläppchen, das traditionelle Geschenk der Mütter an ihre Töchter. Vielen Nakusas bleibt diese Gabe verwehrt, ähnlich wie das Namensfest kurz nach der&nbsp;Geburt.</p>



<p>Aishwaryas Großmutter, eine runzelige Frau mit eisblauen Augen und einem Gehstock, der fast so hoch ist wie sie selbst, steht wackelig vor dem Haus und sieht den Kindern beim Fangspiel zu. Sie hat ihrer Enkelin, es war bereits die fünfte, den Namen Nakusa gegeben. Nach den Gründen hat Aishwarya sie nie gefragt. In der Schule war es schwer für sie, auch sie wurde gehänselt. &#8222;Wenn du zu Hause petzt, rufen wir die Polizei und sagen ihr, dass du sowieso nicht gewollt bist. Dann schleppen sie dich weg&#8220;, riefen die Mitschüler. Die Polizei kam nie. Was Aishwarya aber in der Schule ertragen musste, hat ihre Seele krank&nbsp;gemacht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Schon jetzt leben in Indien 30 Millionen mehr Männer als Frauen</h3>



<p>Die Tochter Nakusa zu nennen, ist nur eine von vielen fragwürdigen Methoden, die Eltern in Indien ergreifen, um endlich einen Sohn zu bekommen. Schon seit mehr als 20 Jahren ist die pränatale Geschlechtsbestimmung von Kindern verboten, aber viele bestechen den Arzt, um notfalls abtreiben zu können. Auch nach der Geburt sind Mädchen nicht sicher, oft werden sie vernachlässigt, manche verhungern. Schon jetzt leben in Indien 30 Millionen mehr Männer als Frauen. Das massive Ungleichgewicht der Geschlechter hat absurde Auswirkungen. Mancherorts teilen sich Brüder eine Ehefrau. Und aus dem bitterarmen Norden werden Frauen in den Süden&nbsp;verkauft.</p>



<p>Der Bevölkerungsforscher T. V. Sekher sieht die Lösung in Finanzierungsprogrammen für Mädchen, damit ihr materieller und immaterieller Wert in der Gesellschaft wächst. Mit einer solchen Idee experimentiert das Dorf Piplantri in Rajasthan bereits: Jedes Mal, wenn im Ort ein Mädchen geboren wird, pflanzen die Einwohner 111 Bäume. Außerdem eröffnen sie einen Fonds, in den sie und die Eltern umgerechnet etwa 400 Euro einbezahlen. Diese Summe wird für 20 Jahre als Festgeld für das Mädchen, seine Krankenversicherung, Hochzeit und Mitgift angelegt. Im Gegenzug müssen die Eltern ihre Tochter zu Schule schicken und dürfen sie erst verheiraten, wenn sie volljährig ist. Die Bäume dienen den Dorfbewohnern unterdessen als Einnahmequelle: Aus der Aloe-Vera-Pflanze gewinnen sie Produkte, die sie anschließend verkaufen. Eine Gewinnkette für alle, die ihren Anfang in der Geburt eines Mädchens&nbsp;hat.</p>



<p>Wenn man Aishwarya aus Narafdev fragt, wie viele Kinder sie mal haben will, denkt sie erst lange nach. Dann sagt sie: &#8222;Ich will einen Sohn und eine Tochter haben. Das Mädchen soll Shrutika heißen.&#8220; Shrutika ist ein anderer Name für die oberste Hindu-Göttin Parvati. Sie ist die Frau des Gottes Shiva, und sie wurde ihr Leben lang&nbsp;geliebt.</p>



<p><em>Fotos: Eva Lindner &amp; Damijan Pezdiček</em></p>



<p><em>Online auch zu lesen auf:</em>&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" aria-label=" (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.sueddeutsche.de/leben/indien-wenn-eltern-mit-dem-vornamen-stigmatisieren-1.3254110" target="_blank">süddeutsche.de</a></p>
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		<title>Ein Lied von Blut und Frieden</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Lindner]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Dec 2019 13:22:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[erschienen in]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Süddeutsche Zeitung</p>
<p>Miri Aloni war eine berühmte Sängerin in Israel. Kurz bevor Jitzchak Rabin 1995 ermordet wurde, stand sie mit ihm auf der Bühne. Heute ist sie fast vergessen.</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Miri Aloni war eine berühmte Sängerin in Israel. Kurz bevor Jitzchak Rabin 1995 ermordet wurde, stand sie mit ihm auf der Bühne. Heute ist sie fast vergessen.</h2>



<p></p>



<p><em>von Eva Lindner, Süddeutsche Zeitung, 30. Oktober 2015</em></p>



<p></p>



<p><em>&#8222;Lasst die Sonne aufgehen, den Morgen zu erleuchten!</em></p>



<p><em>Selbst das reinste Gebet wird uns nicht zurückbringen.&#8220;</em></p>



<p>Wenn Miri Aloni zur ihrem Auftritt kommt, wartet kein Publikum auf sie. Lediglich ein paar Passanten drehen sich nach ihr um, als die Frau, die Schultern nach vorne gebeugt, leicht hinkend, ihren Rollwagen über die Allenby-Straße zieht. &#8222;Starvoice&#8220; steht auf ihrem Lautsprecher, wie eine Erinnerung an alte Zeiten. Sie bleibt auf dem Platz vor dem Carmel-Markt stehen, stellt ihren Wagen ab und atmet tief ein und aus. Ihr Parfum verströmt den Geruch von Blumenwiese in der Tel Aviver&nbsp;Stadtluft.</p>



<p>Es gab eine Zeit, da warteten Tausende, um Miri Aloni zu hören. Es war die Zeit, als Israel mit dem Frieden flirtete. Weiter träumen, weiter hoffen. Das Land war süchtig nach dem Song, der dieser Sehnsucht Ausdruck verlieh. Aloni stand auf den größten Bühnen des Landes, um den Israelis das &#8222;Lied für den Frieden&#8220;&nbsp;vorzusingen.</p>



<p>Heute rollt sie einen blauen Teppich auf dem Asphalt aus und stellt einen Klappstuhl darauf. Fußgänger schauen auf sie herunter, werfen ein paar Schekel in ihren Gitarrenkoffer. Von ihrer Band ist nur ein CD-Spieler für die Hintergrundmusik geblieben. Sie hängt Blumenketten um den Mikrofonständer und stellt Noten und Gitarre neben sich, um ein wenig Distanz zu den Passanten zu schaffen. Aloni dreht die Musik auf, Mambo-Rhythmen heizen über den Platz. Die Sängerin wirkt wie angeknipst. Sie wippt die Schultern hin und her, klatscht zum Takt, schunkelt sich in Stimmung. Die ersten Marktbesucher bleiben stehen, als Aloni beginnt zu singen. Es geht um &#8222;Ahava&#8220;, die Liebe, &#8222;Schemesch&#8220;, die Sonne und &#8222;Schalom&#8220;, den&nbsp;Frieden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die beste Band des Landes sollte es spielen, die schönste Stimme Israels sollte es singen</h3>



<p>Könnte Barbie altern, würde sie vielleicht aussehen wie Miri Aloni: rote Sonnenbrille, weißblondes langes Haar, Blumen auf dem blauen Jackett, Schlaghose. An dem karierten Hut glitzert eine Strass-Schnalle, an der Nase ein dünner Silberring, die Fingernägel sind rot lackiert mit Glitzer. Ihre Lippen hat sie dunkelrot nachgezogen, die Augen dramatisch umrandet, in den Stirnfalten sammeln sich Puderreste. Auf ihrem linken Unterarm trägt sie eine Tätowierung, Blumen und Herzen, Love and&nbsp;Peace.</p>



<p>Die Sängerin wurde am 25. Dezember 1949 geboren, ein Jahr nach der Staatsgründung Israels. &#8222;Es ist der Tag, an dem auch Jesus geboren wurde&#8220;, sagt sie ernst. Aloni scheut keine Vergleiche mit großen Namen. &#8222;Menschen, die an diesem Tag geboren sind, verfolgen ein Ziel, für das sie kämpfen und für das sie sich opfern. Sie gehen ihren Weg bis zum Ende, auch wenn es bitter ist.&#8220; Aloni glaubt an das Schicksal und an&nbsp;Horoskope.</p>



<p>Sie war 17 Jahre alt, sehr blond und sehr schön, als sie Mitglied in der&nbsp;<em>Nachal-Troup</em>, der Militärband Israels, wurde. Der Staat war jung und abgeriegelt, selten ließ er internationale Künstler ins Land. Nicht einmal die&nbsp;<em>Beatles</em>&nbsp;durften auftreten. Die Regierung fürchtete einen &#8222;negativen Einfluss auf Israels Jugend&#8220;. Also blieben der israelischen Musikszene nur die eigenen Leute. Die Militärband war die Kaderschmiede. Sie brachte alle großen Volkssänger&nbsp;hervor.</p>



<p>Auf der Hülle der ersten Nachal-Platte sieht man die Stars in jungen Jahren, die meisten von ihnen in Uniform, dunkle Haare, dunkle Bärte. Aloni trägt einen blauen Rock und ein weißes Oberteil, das blonde Haar weht um ihre feinen Gesichtszüge. Kurz darauf wurde sie die Solistin der Band, ihre tiefe, klare Stimme war&nbsp;unverwechselbar.</p>



<p>1967 war ein junger Offizier namens Yaakov Rotblit beeindruckt von Amerikas Hippies und den Protesten gegen den Vietnamkrieg. Er selbst hatte im Sechs-Tage-Krieg ein Bein verloren. Inspiriert von John Lennons &#8222;Give peace a chance&#8220; und dem Musical &#8222;Hair&#8220; schrieb er ein Lied. Es sollte wie der Hair-Klassiker &#8222;Let the sunshine in&#8220; mit den Worten &#8222;Lasst die Sonne aufgehen&#8220; beginnen. Er nannte es Shir la Shalom, &#8222;Lied für den Frieden&#8220;. Die beste Band des Landes sollte es spielen, die schönste Stimme Israels sollte es&nbsp;singen.</p>



<p>Dass die Band der israelischen Streitkräfte ein Friedenslied sang, scherte kaum jemanden. Israel ist ein Land voller Widersprüche. Das &#8222;Lied für den Frieden&#8220; wurde zur zweiten Nationalhymne. Radiosender spielten es rauf und runter, alle sangen mit, Kinder, Soldaten, orthodoxe Juden. Israel war verliebt in den Frieden. Und in Miri Aloni, die&nbsp;Friedenssängerin.</p>



<p>Im Fernsehen gab es zwei Kanäle, Aloni lief ständig. Damals in den Siebzigern sei es leicht gewesen, berühmt zu werden, sagt sie heute. Sie spielte in Musicals und Filmen, sang den Titel für die bekannteste israelische Soap und gründete&nbsp;<em>Apocalypse</em>, eine israelische Rockband. Auch als es später ruhiger um Aloni wurde, rief man sie, wann immer es darum ging, für Frieden zu werben. Frieden mit Ägypten, Frieden mit Jordanien, Frieden mit den Palästinensern. Das Lied war ihre Bestimmung und sollte zu ihrer Bürde&nbsp;werden.</p>



<p>Wenn man Aloni fragt, was sie persönlich über die Palästinenser denkt, sagt sie, dass es ihr größter Wunsch wäre, den Friedensschluss noch zu erleben. Sie bezeichnet sich als stolze, nichtreligiöse Israelin, die wie alle in ihrem Volk von der Angst zerfressen sei, ausgelöscht zu&nbsp;werden.</p>



<p><em>&#8222;Den, dessen Licht erloschen, der im Staub begraben liegt</em></p>



<p><em>wird bitteres Weinen nicht erwecken, nicht zurückbringen.&#8220;</em></p>



<p>Am 4. November 1995 strömen mehr als 100&nbsp;000 Menschen zu einer Kundgebung in Tel Aviv, um Premier Jitzchak Rabins Einsatz für den Frieden mit den Palästinensern zu unterstützen. Galt der Politiker noch während der ersten Intifada als Hardliner, der den Palästinensern &#8222;Arme und Beine brechen&#8220; wollte, vertritt er inzwischen die Meinung, dass der Volksaufstand nicht militärisch niederzuschlagen sei. Sein Name steht für die Oslo-Abkommen, die den Nahostkonflikt beenden sollen. 1994 erhält er dafür zusammen mit Außenminister Schimon Peres und dem Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde, Jassir Arafat, den Friedensnobelpreis. Noch im September 1995 unterschreiben Rabin und Arafat das Oslo-II-Abkommen, das dem Großteil der Palästinenser Autonomie&nbsp;zuspricht.</p>



<p>&#8222;Er hatte ein schweres Jahr hinter sich&#8220;, sagt Aloni. Die rechte Opposition protestiert heftig: Rabin setze die Sicherheit Israels aufs Spiel, verschenke das Heilige Land an den Feind. Auf Plakaten bilden sie ihn in SS-Uniform ab, mit der Kufija, dem Palästinensertuch, tragen einen Sarg mit seinem Bild durch die Straßen. Ende 1995 vergeht kein Abend, an dem die Demonstranten nicht vor seinem Haus stehen und ihren Hass zu ihm hinaufschreien. Am 4. November will die Friedensbewegung Rabin auf dem Platz der Könige Israels zeigen, dass sie hinter ihm&nbsp;steht.</p>



<p>Es ist warm an diesem Novemberabend, als Rabin gegen 20 Uhr auf die Bühne tritt, um eine kurze Rede zu halten. Drei Hubschrauber kreisen über dem Platz, Scharfschützen sind auf den umliegenden Hausdächern positioniert. &#8222;Diese Regierung&#8220;, sagt der 73-jährige Premier, &#8222;hat sich entschieden, dem Frieden eine Chance zu geben &#8211; einem Frieden, der die meisten Probleme Israels lösen&nbsp;wird.&#8220;</p>



<p>Dann ist Miri Aloni an der Reihe. Noch nie hat sie vor so vielen Menschen gesungen. Begleitet von arabischen Geigen und Gitarren, stimmt sie das Lied für den Frieden an, erst auf Arabisch, dann auf Hebräisch. Jitzchak Rabin und Schimon Peres stehen am Bühnenrand, als Aloni sie zu sich heranwinkt. &#8222;Das hätte sich sonst niemand getraut&#8220;, sagt sie heute, aber es habe sich in diesem Moment einfach richtig angefühlt. Rabin, als schüchterner und bescheidener Mann bekannt, liest den Refrain von einem Zettel ab und brummt leise in das Mikrofon, das Aloni ihm unter die Lippen&nbsp;hält:</p>



<p><em>&#8222;Darum singt einfach dem Frieden ein Lied, und flüstert ein Gebet,</em></p>



<p><em>doch besser: Singt mit lautem Schreien ein Lied für den Frieden.&#8220;</em></p>



<p>Während Rabin wenig später am Bühnenrand das Liedblatt zusammenfaltet und in seine Brusttasche steckt, umarmt Aloni die Frau des Premiers. &#8222;Pass gut auf ihn auf&#8220;, sagt Aloni zu ihr. &#8222;Ich gebe mein Bestes&#8220;, antwortet Lea Rabin. Aloni nimmt ihre beiden Söhne Yossef und Jeremia an der Hand und verlässt gegen 21.45 Uhr mit ihrem Mann Schmulik die Bühne. Die Rabins folgen ihr nur kurz darauf. Nach ein paar Metern fallen drei Schüsse. &#8222;Pah, pah, pah&#8220;, ahmt Aloni sie nach. Ihre Augen sind weit aufgerissen, Tränen haben sich darin gesammelt. Ihre Hand formt zitternd eine Pistole, die Neun-Millimeter-Baretta, mit der der nationalreligiöse Jurastudent Jigal Amir Premier Rabin auf dem Weg zu seinem Auto in den Rücken geschossen hat. &#8222;Wir haben uns auf den Boden geworfen, mein Sohn Jeremia schrie &#8218;Mami, ich will nicht sterben'&#8220;, erinnert sie&nbsp;sich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">&#8222;Niemand wird uns zurückführen aus dem tiefen, dunklen Grab&#8230;&#8220;</h3>



<p>Aloni stützt ihre Stirn in die Hand. Sie zittert. &#8222;Dann rief jemand, &#8218;es ist nichts passiert'&#8220;. Sie sieht eine Menschentraube, Autos, die schnell abfahren. Aloni nimmt ihre Kinder und eilt davon. Später stellt sich heraus, dass es der Attentäter selbst war, der die vermeintliche Entwarnung gab. Er hatte Rabin mit zwei Schüssen in Lunge und Wirbelsäule getroffen. Als Aloni gegen 22.15 Uhr zu Hause den Fernseher anschaltet, ist Jitzchak Rabin tot. &#8222;Wir sind zusammengebrochen&#8220;, sagt sie mit belegter Stimme, &#8222;wir schrien und weinten so laut, bis unsere Söhne uns anflehten aufzuhören. Unser Herz war gebrochen.&#8220; Die Zeilen ihres Liedes zählten zu Rabins letzten Worte, sie stehen auf einem blutgetränkten Zettel aus seiner&nbsp;Brusttasche.</p>



<p><em>&#8222;Niemand wird uns zurückführen aus dem tiefen, dunklen Grab;</em></p>



<p><em>Hier helfen weder Siegesjubel noch Freudenlieder.&#8220;</em></p>



<p>Der Terroranschlag traumatisiert das Land. Dass ein Jude einen Juden umbringt, war unvorstellbar. Mit Jitzchak Rabin stirbt der Traum vom Frieden in Nahost. Und für Miri Aloni beginnt eine neue Zeitrechnung. Der Tag, der der Höhepunkt ihrer Karriere werden sollte, wird zu ihrer größten Niederlage. Der Punkt, von dem an alles bergab ging, so sieht sie es&nbsp;heute.</p>



<p>Sie sitzt in ihrer Wohnung in Tel Aviv auf einem Lehnstuhl, den sie Prinzessinnenstuhl nennt, und hört ihre eigenen Lieder. Es ist die bequemste Sitzmöglichkeit in der Eineinhalbzimmerwohnung, in der sie mit ihrem Mann lebt. 35 Quadratmeter; Küche, Esstisch und Alonis Bett sind in einem Raum, ihr Mann Schmulik schläft im Nebenzimmer. Die Wand ist kaum zu sehen. An nahezu jeder Stelle hängen Bilderrahmen mit Fotos von der Familie, der Sängerin, Erinnerungen und&nbsp;Souvenirs.</p>



<p>Nach Rabins Tod bittet Miri Aloni den Autor des Friedensliedes, eine Zeile umzuschreiben. Sie will nicht mehr singen &#8222;lasst die Gegangenen hinter euch&#8220;, sondern &#8222;gedenkt der Gegangenen&#8220;. Rotbilt willigt&nbsp;ein.</p>



<p>Über Nacht wird Aloni das Symbol für die nationale Tragödie. In einem Land, in dem die Einwohner ständig darum ringen, die permanente Bedrohung, die Anschläge und den Krieg zu vergessen, wird die Sängerin Teil der kollektiven Verdrängung: &#8222;Niemand wollte mehr das Friedenslied hören, kein Radiosender hat mehr meine Platten&nbsp;gespielt.&#8220;</p>



<p>Ende der Neunzigerjahre steht die Sängerin vor dem finanziellen Ruin, als ein Anruf aus Deutschland kommt. Ob sie ein Konzert zur Jüdischen Woche in Berlin singen wolle? Jiddische Lieder, Chansons, Klezmer-Stücke, Interpretationen von Bertolt Brecht und Kurt Weill aus der Dreigroschenoper und natürlich das Lied für den Frieden. Aloni nimmt dankbar an, ihr Auftritt wird ein Erfolg. Sie bleibt in Deutschland, wo sie als &#8222;israelischer Weltstar&#8220; angekündigt wird. &#8222;Die Entscheidung war schwer, ich wollte meine Familie nicht zurücklassen, aber ich musste doch Geld verdienen&#8220;, sagt sie. Doch der Durchbruch gelingt ihr auch in Deutschland nicht&nbsp;mehr.</p>



<p>Und in Tel Aviv gerät ihre Familie in Schwierigkeiten. Ihr Mann muss für eine Operation ins Krankenhaus, die Söhne kommen erst ins Internat, später schaltet sich das Jugendamt ein. Aloni holt Yossef, ihren jüngeren Sohn, nach Berlin, Jeremia bleibt in Israel. &#8222;Er hat sich verraten und verlassen gefühlt&#8220;, sagt sein Bruder Yossef heute. &#8222;Das habe ich auch, aber trotzdem wollte ich bei meiner Mutter sein.&#8220; Yossef, 28 Jahre alt, ist heute Musiker. Er nimmt gerade eine Platte auf, seine Mutter soll darauf im Hintergrund singen. Ab und zu werden die beiden auf Konzerte eingeladen, meistens zu einem Gastauftritt, oft vor weniger als hundert&nbsp;Zuhörern.</p>



<p>An einer der Wände hängt ein ausgeblichenes Foto. Ein junger Mann, ernster Blick, rasiertes Haar, freier Oberkörper, dicke Goldkette. Jeremia ist Rapper. Er will zu seinen Eltern Kontakt haben. &#8222;Ich werde es mir nie verzeihen, dass ich meine Kinder verlassen habe&#8220;, sagt seine Mutter. &#8222;Jeremia ist sehr wütend auf mich, und ich verstehe ihn. Ich wünsche mir so sehr, dass er nach Hause kommt.&#8220; Wäre der 4. November 1995 nicht gewesen, sagt sie, könnte Jeremia noch bei ihnen&nbsp;sein.</p>



<p><em>&#8222;Erhebt eure Augen in Hoffnung, schaut nicht durch Zielfernrohre,</em></p>



<p><em>singt ein Lied der Liebe, nicht des Krieges.&#8220;</em></p>



<p>Nach einigen Jahren kehrt Aloni nach Israel zurück. Wieder steht sie vor dem Nichts. Freunde erzählen ihr von dem Künstlermarkt an der Carmel-Straße. Seit mehr als zehn Jahren singt die 65-Jährige &#8211; sofern es ihre Bronchitis zulässt &#8211; zweimal in der Woche am Eingang des Marktes ihre Lieder. &#8222;Als ich sie da zum ersten Mal gesehen habe, war ich geschockt&#8220;, sagt der bekannte Radio-Moderator Yoav Kutner. &#8222;Ich dachte, sie bettelt jetzt, ich habe mich für sie geschämt. Aber als sie eine Weile beobachtet habe, dachte ich, sie macht das mit Würde. Sie gibt sich nicht&nbsp;auf.&#8220;</p>



<p>Seit 46 Jahren singt sie das Friedenslied. Immer wieder fragen die Menschen danach. &#8222;Es vergeht kein Tag in meinem Leben, an dem ich nicht auf Rabin angesprochen werde&#8220;, sagt sie. Der Frieden in Nahost ist fern, die Gespräche stagnieren, das Misstrauen in der Gesellschaft nimmt zu. Miri Aloni, die heute noch vom Frieden träumt, sitzt auf der Straße. Die Israelis werfen ein paar Schekel, die Mühe ist lobenswert, aber illusorisch. Vor ein paar Jahren hat Miri Aloni ein Lied geschrieben, es heißt &#8222;Lashir ad&nbsp;Klot&#8220;:</p>



<p><em>&#8222;Sing, bis zum letzten Atemzug</em>!&#8220;</p>



<p><em>Foto: Sebastian Cunitz</em></p>



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