Mit scharfer Klinge

Dieses Schwert gehörte dem Urururgroßvater unserer Autorin. Er war der letzte Henker der Stadt München. Mehr wollte die Familie lieber nie über ihn wissen – bis jetzt

von Eva Lindner, SZ Magazin, 13. April 2018

Auf dem Dachboden meiner Eltern steht ein Schwert. Das Haus war einst, als sie noch lebte, das Haus meiner Großmutter. Seit ich denken kann, lehnt das Schwert unter der Dachschräge zwischen den Gartenzwergen meiner Mutter, Balduin und Ferdinand. Daneben steht mein altes Barbie-Wohnmobil in kreischendem Pink. Dazu eine Kiste voller Rohrteile meines Vaters, von denen er sagt, man wisse nie, ob man sie irgendwann einsetzen könne. Das Schwert – der Griff vergoldet, die Klinge glänzend – wirkt wie aus der Zeit gefallen. Als hätte ein Kämpfer aus der Vergangenheit es nach einer Schlacht hier vergessen. 

Es ist ein Henkersschwert. Und es gehörte meinem Urururgroßvater. Martin Hörmann schlug damit Mördern, Räubern und Verrätern den Kopf ab. Mehr wusste ich nicht über dieses Schwert. Meine Oma, Martin Hörmanns Urenkelin, sprach nie von ihm. Ihr Haus, in dem heute meine Eltern leben, steht in einem Dorf in Oberbayern, 1700 Einwohner, siebzig Kilometer von München und doch eine Welt entfernt. Hellbraune Kühe zermalmen Gras hinter dem Gartenzaun, am Horizont stemmt sich das verschneite Zugspitzmassiv in den Himmel. In der Dorfkirche knien die Männer in den Bänken rechts, die Frauen links. Weil das immer schon so war. 

Ich bin in München aufgewachsen. Jedes Wochenende fuhren mein Bruder und ich aufs Land. Meine Oma strich Schinkensemmeln, so viele wir essen konnten, und abends, wenn sie in ihrem Sessel eingeschlafen war, guckten wir Horrorfilme. 

Meine Oma hat versucht, das Schwert auf dem Dachboden loszuwerden. Niemand wollte es haben, ihre Schwägerin nicht, ihr Sohn nicht, meine Mutter nicht. Also blieb es, wo es war. 

Es ist, als ob eine Scham an dem Schwert klebe, die immer weitervererbt wird. Die Vorstellung, dass unser Vorfahr damit seine Mitmenschen in zwei Teile gehackt hat, lässt meine Familie noch heute erschaudern. 

Martin Hörmanns Aufgabe als Scharfrichter war es, Geschichten zu beenden. Meine Aufgabe als Journalistin ist es, Geschichten aufzurollen. Doch die blutige Vergangenheit meiner Familie zu erzählen, schreckte mich lange ab. Vor ein paar Monaten habe ich meine Meinung geändert. Vielleicht liegt es daran, dass ich schwanger bin. Bald werde ich, die Jüngste in der Familie, eine neue Generation ins Leben setzen und damit selbst um eine Generation nach hinten rutschen. Vielleicht öffnen wir uns erst für die Vergangenheit, wenn uns klar wird, dass sie unsere Zukunft jagt. Vielleicht liegt es aber auch an dem vergilbten Zeitungsartikel, den meine Mutter und ich neulich im Haus meiner Oma fanden. Sie hatte ihn vor fast 100 Jahren datiert und auf einen Lieferschein geklebt. Es ist ein Text in Frakturschrift vom 2. Mai 1931 aus einer Lokalzeitung im Berchtesgadener Land. Darin steht: 

Die letzte öffentliche Hinrichtung fand am 11. Mai 1854 in München auf dem Marsfeld, wo das neue Postgebäude steht, durch den Scharfrichter Hörmann jun. statt. Der zum Tode Verurteilte war ein 19jähriger Dienstknecht Christian Hussendörfer, der bestialisch seinen Dienstherrn ermordet und beraubt hatte. Dem Scharfrichter gelang es nicht, mit dem ersten Hieb der strafenden Gerechtigkeit zu genügen. Er musste siebenmal schlagen, ehe das Werk vollendet war. Der dabei einsetzende Skandal war für die Regierung der Grund, noch im gleichen Jahre das Fallbeil einzuführen und die öffentlichen Hinrichtungen zu verbieten. 

Meine Mutter und ich starrten auf den Text. Als wäre es nicht genug, dass mein Vorfahr den brutalsten Beruf der Welt ausübte. Nein, diesen Job hat er auch noch schlecht gemacht! Ein Dilettant, der eine Krise im bayerischen Strafsystem auslöste. Ein Halbblinder, der mit sieben Schlägen ein Gemetzel anrichtete. Ein Folterer, der den Dienstknecht leiden ließ und die Münchner traumatisierte.

Ich googelte »Marsfeld München«. Die Richtstätte lag damals vor den Toren der Stadt und heißt heute Marsplatz. Er liegt zwischen Hackerbrücke und Circus Krone, ich kenne den Ort gut. Am Marsplatz 1 steht das Wittelsbacher Gymnasium. Es ist die Schule, an der ich Abitur gemacht habe. Ein Zufall, bestimmt. Und doch: Die Geschichte meines Vorfahren ist so nah an mein eigenes Leben gerückt, dass ich sie nicht mehr ruhen lassen konnte. Jetzt wollte ich alles wissen. 

Anruf bei Oliver Pötzsch. Der Autor ist Nachfahre einer Scharfrichterfamilie aus Schongau. Auch ich wurde dort geboren. Mit einer historischen Romanreihe über eine Henkerstochter aus seiner oberbayerischen Kleinstadt ist Pötzsch in der Region bekannt geworden. Meine Mutter liebt seine Bücher, sie hat mir von ihm erzählt.

Ob ihm Martin Hörmann etwas sage? 

»Ja klar, die Hörmanns waren über Jahrhunderte eine Henkersdynastie in
Bayern.« 

Wie? Es gab mehr als den einen? Meine Vorfahren, alle Mörder? 

»Du, sag mal, das Schwert, das ihr da habt«, sagt Pötzsch plötzlich: »Kann es sein, dass das meins ist?« Das Schwert seiner Familie sei aus dem Schongauer Stadtmuseum geklaut worden und seitdem verschollen. Sollten wir unseres nicht mehr brauchen, wäre er interessiert, für Pressefotos und so. 

»Auf keinen Fall«, sagt meine Mutter später und klingt gar nicht mehr beschämt über die Waffe, sondern ein bisschen stolz. »Wir behalten unser Schwert!« 

Schon seltsam, niemand will es haben, es hergeben aber auch nicht. Uns scheint etwas mit dem Schwert zu verbinden. Gibt es uns ein Gefühl dafür, wie sehr unser
Leben von unseren Ahnen abhängt? Wie ihre Geschichte sich auf unsere auswirkt? Die Vorstellung jedenfalls, dass es bei einer anderen Familie auf dem Speicher steht, gefällt uns nicht. Das Schwert gehört zu uns.

Ich steige auf den Dachboden. Es ist kalt und riecht nach alten Rohren. Ich schiebe Ferdinand und Balduin zur Seite und fasse das Schwert mit beiden Händen am Griff. 

Ein graues Band windet sich um ihn, rau und fest. Es fühlt sich an wie Schlangenhaut. Das Schwert ist einen Meter lang und – ich wiege es später – zwei Kilo schwer. Wenn ich es auf seine Klinge stelle, reicht es mir bis zur Hüfte. Die goldenen Knäufe sehen aus wie Krönchen. Ich fahre mit den Fingern über die Klinge. Sie ist scharf, als hätte mein Ahne sie gestern geschwungen. An einigen Stellen haben sich Rostflecken in sie gefressen. Verschwommen kann ich mich in der Klinge spiegeln. Wer war dieser Mann? Was hat seine Geschichte mit meiner zu tun? 

Ein paar Wochen später fahre ich mit meinen Eltern und dem Schwert ins Bayerische Nationalmuseum. Die Experten für Waffen und Volkskunde haben sich bereit erklärt, es sich anzusehen. Ich hoffe, sie können mir sagen, was die Waffe über den Mann erzählt, dem sie gehörte.

Im Auto berichtet meine Mutter von ihrer Tante. Anni Hörmann bunkerte das Schwert in ihrem Haus, bevor meine Großmutter es zu sich nahm. Als der Zweite Weltkrieg tobte, fürchtete Tante Anni, die Nazis könnten das Schwert konfiszieren, sollten sie das Haus durchsuchen. Also versteckte sie es am einzigen Ort, den sie für sicher hielt: im Misthaufen. Daher die Rostflecken. Später grub Tante Anni das Schwert wieder aus, doch wohin damit, wusste sie auch nicht. Einmal, so erinnert sich mein Vater, fiel ihm bei ihr zu Hause der Griff auf, der schräg hinter einem Schrank hervorlugte. An ihm hingen Kleiderbügel mit Tante Annis Arbeitsschürzen. 

»Wo hängst du denn deine Schürzen auf?«, fragte mein Vater damals.

»Ach, das ist nur das Schwert vom Henker«, antwortete Tante Anni. 

Vor dem Museumseingang wartet eine Schulklasse. Wir weichen den Blicken aus, als wir mit dem riesigen Schwert in seiner Scheide aus vergoldetem Messing, die ich ebenfalls auf dem Dachboden gefunden habe, unterm Arm über den Fußgängerweg laufen. 

In einem Büro streifen sich zwei Wissenschaftler Einweghandschuhe über. »Prächtige Ausführung für ein Richtschwert«, sagt der Waffenexperte Raphael Beuing, als er sich über den Griff beugt. Was ich für Schlangenhaut hielt, sei die eines Rochen, damals ein leicht verfügbares Naturmaterial. Die ornamentale Gestaltung, die vergoldeten Messingbeschläge, die »gut gepflegte Klinge aus Stahl« seien relativ kostbar für einen Gebrauchsgegenstand.

Beuings Kollege, der Volkskundler  Thomas Schindler, schätzt das Schwert auf etwa 200 Jahre. »Richtschwerter waren immer Privateigentum der Scharfrichter. Ihr Vorfahre hat es wahrscheinlich für seine Maße anfertigen lassen«, sagt er. München sei damals ein überschaubares Städtchen gewesen. Zwei bis drei Hinrichtungen pro Jahr, mehr habe Martin Hörmann wohl nicht zu tun gehabt. Trotzdem: Für jede Stadt sei es schwierig gewesen, einen guten Henker zu finden. »Ihr Ahne galt mit diesem Beruf als ehrlos«, sagt Schindler. »Die Menschen spuckten vor ihm auf die Straße.« 

Mein Ehrgeiz, das Leben von Martin Hörmann zu rekonstruieren, ist jetzt noch größer. Zu Hause finde ich im Internet auf einer Hobby-Ahnenforscher-Seite eine Gruppe, in der haufenweise Daten über deutsche Henker zusammengetragen werden. Ein paar der Mitglieder treffen sich jährlich zur Tagung der »Nachfahren von deutschen Scharfrichtern«. Ich frage sie nach Dokumenten über Martin Hörmann. Und ich schreibe dem Bayerischen Landesverein für Familienkunde, dessen ehrenamtliche Mitglieder seit fast 100 Jahren Stammbäume aufzeichnen, Datenbanken erstellen und Familiengeschichten nachspüren. Ein paar Tage später habe ich alles, was sie über die Familie Hörmann wissen. Allmählich erwacht das Leben meines Urururgroßvaters vor mir. 

Martin Hörmann wurde 1786 in München geboren, ein Pfarrer taufte ihn in
der Kirche St. Peter am Marienplatz. Sein Vater war der Stadthenker Münchens, seine Mutter war Tochter des Ingolstädter Scharfrichters. Wer sonst wollte einen Henker heiraten? Außenseiter blieben unter sich. Die Gesellschaft drängte Töpfer, Gerber, Hirten, Huren und Henker an ihren Rand. Sie galten als »unehrlich«. Martin Hörmann erbte das Stigma, es blieb ihm kaum etwas anderes übrig, als das Handwerk seines Vaters zu lernen. Das Handwerk des Tötens. Ich sehe einen Eintrag des Finanzbuchhalters von König Max Joseph von Bayern aus dem Jahr 1813: 

Wir verleihen die durch den Tod des Michael Hörmann erledigte Scharfrichters-Stelle im Isarkreise dem Sohne des Verstorbenen, Martin Hörmann, welcher hierinn schon Proben seiner Geschicklichkeit abgelegt hat, und bewilligen demselben zugleich den Gehalt von eintausend fünf und siebenzig Gulden, nebst dem Fortgenuß der bisherigen Wohnung. 

Mein Urururgroßvater war also 26 Jahre alt, als er zum ersten Mal mit seinem Schwert im Dienste der Obrigkeit Köpfe abschlagen durfte. Ich lese, dass man bei einer Enthauptung den Hals zwischen dem dritten und siebten Wirbel durchtrennen muss. Wie viel Kraft er dafür aufwenden musste, lernte Martin Hörmann vorher von seinem Vater. 

Auch ich hatte, als ich 26 Jahre alt war, gerade mein Studium hinter mir. Ich ging dann auf eine Journalistenschule. 200 Jahre vorher schlug sich Martin Hörmann mit seinem Schwert noch weiter ins gesellschaftliche Abseits. Er war als Scharfrichter unsichtbar: Die Bürgerrechte galten nicht für ihn. Die erhielt nur, wer Mitglied einer Zunft war, und eine Henkerszunft gab es nicht. Ohne Bürgerrechte genoss man keinen besonderen Schutz durch die Stadt, man war nur geduldet. 

Das »Henkershäusl« stand isoliert von den Nachbarn an der Stadtmauer unterhalb des Sendlinger Tors. Zocker und Prostituierte trieben sich dort nachts durch die Gassen. In einem Modell der Stadt München im Bayerischen Nationalmuseum aus dieser Zeit finde ich das Haus. Zweistöckig immerhin, mit kleinem Garten. Hörmanns Lohn von 1075 Gulden war recht stattlich. »Er entsprach dem heutigen Sold eines mittleren Beamten«, sagt der Volkskundler Thomas Schindler. Ein Gehalt, das den Gesichtsverlust aufwiegen sollte. 

Im 19. Jahrhundert wehte der Geist der Aufklärung nach Deutschland, auch die Justiz sollte menschenfreundlicher werden. Kurz bevor Martin Hörmann erstmals auf den Richtplatz trat, hatte Bayern die Folter abgeschafft. Anders als seine Ahnen musste er also keine Arme ausrenken, Fingernägel abreißen oder Ohren mit glühenden Zangen zwicken. Als es solche Folter noch gab, waren die Henker verpflichtet, die Gequälten zur Hinrichtung wieder ordentlich aussehen zu lassen. Durch diese Arbeit am Körper eigneten sich Scharfrichter über viele Jahrhunderte hinweg medizinische Kenntnisse an, Bürger suchten sie auf, um geheilt zu werden. Die Erfahrungen seiner Vorväter – alle Henker oder Tierverwerter, sogenannte Wasenmeister – qualifizierten Martin Hörmann für ein zweites berufliches Standbein. Der bayerische König Ludwig I. erlaubte dem Scharfrichter in einer Bekanntmachung von 1829, als städtischer Tierarzt zu arbeiten.  

Ich fahre ins Archiv des Erzbistums München. Dort sind die Kirchenbücher digitalisiert, in die Pfarrer jahrhundertelang alle Taufen, Hochzeiten und Todestage eingetragen haben. Martin Hörmann starb demnach im Jahr 1841 im Alter von 54 Jahren.

Ich stutze und krame den von meiner Oma aufbewahrten Zeitungsartikel aus Berchtesgaden hervor. Ihm zufolge fand die skandalöse Hinrichtung mit den sieben Schlägen 1854 statt. Martin Hörmann kann sie also gar nicht vollzogen haben. Seine beiden Söhne, so steht es verzeichnet, waren ein Schreiner und ein Unteroffizier. Sie sind aus der Ständeverordnung ausgebrochen, haben den Aufstieg geschafft.  

In einem Fachbuch über Scharfrichter finde ich eine Chronik über die Henker von München. In der Tat, der Zeitungsartikel, der meine Familie fast 100 Jahre lang glauben ließ, dass Martin Hörmann als Vollstrecker versagt hat, ist falsch. Die Geschichte geht laut der Chronik so: Mein Urururgroßvater war der letzte Stadthenker von München, der mit dem Schwert richtete. Nach ihm war die Stelle vakant, die Stadt riss das Henkershäusl ab. Der Scharfrichter aus Amberg sprang später in der Residenzstadt ein. Er war es, der siebenmal über dem Hals des Dienstboten ausholte. Den die Münchner deshalb fast gelyncht hätten. Dem die Guillotine folgte. 

Ich bin erleichtert. Martin Hörmann scheint ein Vollprofi gewesen zu sein. Er trug den Beinamen »Freimann im Isarkreis«. Die Stadt lieh ihn an Landgerichte in ganz Oberbayern aus. Am 8. Mai 1832 nach Dachau, wie ich in einer Aufzeichnung des Amtsgerichts lese. Bereits zwei Monate vor der Hinrichtung bat Martin Hörmann »Seine Gnaden«, den Landrichter, ihm den Tag der Hinrichtung mitzuteilen, damit »ich genau eintreffen kann«.

Es war ein Dienstag. Keiner musste an diesem Tag arbeiten, denn alle sollten zuschauen, wenn einer von ihnen den Kopf für seine Verbrechen hinhalten musste. Wie genau die Stimmung an diesem Tag in Dachau war, lässt sich nicht rekonstruieren, aber detaillierte Beschreibungen vergleichbarer Hinrichtungen aus dieser Zeit erinnern an einen Jahrmarkt: Männer bauen Buden auf, Kinder verkaufen Nüsse, Frauen Brot und Bier. Spieler jonglieren ihre Bälle und verspotten den Mörder. Fest steht: 36 Gendarmen und eine Kompanie aus München bewachen an diesem Tag in Dachau Flussübergänge und Kreuzungen. An der Richtstätte drängen sich die Schaulustigen um die besten Plätze. 

Jakob Mayr, 20 Jahre alt, Sohn eines Zimmermanns, soll seine Großmutter ermordet und ihr 300 Gulden gestohlen haben. Ein Gnadengesuch der Mutter bei König Ludwig I. scheiterte, »weil kein Grund zur Gnade vorliege«. Es ist neun Uhr, als Martin Hörmann das Gefängnis betritt. Das Schwert, geschliffen und poliert, trägt er bei sich. Vielleicht ist er angetrunken, wie es laut Thomas Schindler vom Bayerischen Nationalmuseum die meisten Henker bei der Hinrichtung waren. Um die Seele zu betäuben. 

Zwei Priester spenden Mayr die Sterbesakramente, er beichtet und empfängt die Kommunion. Hörmann schneidet Mayr laut der Überlieferung am Hinterkopf die Haare ab. Wahrscheinlich, damit er die Wirbelsäule besser sehen kann. Er zieht ihm einen grauen Sünderkittel an und hängt eine Tafel um seinen Hals. »Mörder« steht auf ihr geschrieben. Kurz darauf verkündet der Richter vor dem Rathaus das Urteil, bricht einen Stab über Mayrs Kopf und wirft ihm die zwei Teile vor die Füße. Sein Lebensfaden soll mit dem heutigen Tage zerreißen, so symbolisiert es der Brauch. Dann bringt Hörmann den Verurteilten zur Richtstätte. Die Menge klatscht und ruft dem Mörder und seinem Henker Schmähungen zu. Hörmann schleppt den jungen Mann die Treppen hoch aufs Schafott. Er fesselt ihm Hände und Füße, verbindet ihm die Augen, fixiert seinen Kopf auf einem Block. Es ist 10.43 Uhr. Was nun folgt, wird nach der Lektüre vieler Hinrichtungsbeschreibungen aus dieser Zeit in meinem Kopf zu einer blutigen Szene: Breitbeinig stellt sich Hörmann vor Mayr auf. Seine Hände schwitzen. Er legt sie nebeneinander auf den Griff. Seine Finger umschließen die Rochenhaut. Er hebt das Schwert. Schwingt es mit aller Kraft. Die Stahlklinge trifft den Hals. Durchtrennt Sehnen und Muskeln. Blut spritzt. Jakob Mayrs Kopf fällt auf den Boden. Ein Gehilfe des Scharfrichters hebt ihn auf. Zeigt ihn der grölenden Menge auf allen vier Seiten der Bühne.

Und ein Mörder bleibt auf dem Schafott zurück. 

Ein paar Tage später beantrage ich im Stadtarchiv Martin Hörmanns polizeilichen Meldebogen, um mehr über seine Familie zu erfahren. Als ich ihn aufschlage, fällt mir ein loses Blatt in die Hand. Es ist aus Leinen, fleckig, abgegriffen. »Der Kinder« steht darauf. Es folgen 13 schwer entzifferbare, in Sütterlin geschriebene Namen. Martin Hörmann war dreimal verheiratet. Seine erste Frau Eva brachte fünf Kinder zur Welt, drei Mädchen überlebten. Als er 38 Jahre alt war, starb sie und machte ihn zum alleinerziehenden Vater.

Irgendwas in mir zieht sich zusammen. Die Jahre, die zwischen uns vergangen sind, kommen mir mit einem Mal nicht mehr wie eine Ewigkeit vor. Ich habe Mitleid mit ihm. Ist es möglich, über 200 Jahre hinweg Familienbande zu spüren? 

Zwei Monate nach Evas Tod heiratete Martin Hörmann wieder. Es kamen in dieser Ehe fünf Kinder zur Welt, nur zwei überlebten. Ein paar Jahre später wurde er zum zweiten Mal Witwer, nun also als Vater von insgesamt fünf minderjährigen Kindern. Mit 48 Jahren heiratete er ein letztes Mal, alle drei Kinder aus dieser Ehe starben früh. Kurz vor seinem Tod kaufte er an der Sendlinger Straße, Ecke Blumenstraße, ein Haus für seine Frau und die Kinder. Sein ältester Sohn war zu diesem Zeitpunkt erst zehn Jahre alt. Martin Hörmann hat wohl geahnt, dass er seinen Beruf nicht vererben würde, er dürfte befürchtet haben, dass ein anderer in das Henkershäusl einziehen und seine Familie auf die Straße setzen würde. Also hat er vorgesorgt. Nach 28 Berufsjahren als Henker müsste er zwischen sechzig und neunzig Verurteilten das Leben genommen haben. Doch Martin Hörmann, der Schlächter, war auch ein umsichtiger Familienvater.

Weil ich drohe, den Überblick über die vielen Familienmitglieder zu verlieren, zeichne ich einen Stammbaum. In Ovale schreibe ich Namen, Geburts- und Todesdaten. Mit Strichen verbinde ich Kinder, Eltern, Ehepartner: Martin Hörmann, sein Sohn Joseph Ignaz, dessen Sohn Alfred – er ist der Vater meiner Oma –, sie, meine Mutter. Hinter mein eigenes Geburtsdatum ganz unten auf dem Papier ziehe ich ein Minus und lasse dahinter Platz. Irgendwann werde ich selbst für meine Nachfahren nur noch ein Oval mit Strichen sein. Die eigene Familie zu erforschen fühlt sich an, wie einen Anker auszuwerfen in den Fluss des Lebens – und gleichzeitig hinabgesaugt zu werden in den Strudel der Vergänglichkeit. 

Wenn ich meine Eltern heute frage, was mit dem Schwert passieren soll, wissen sie es immer noch nicht. Die Forscher im Bayerischen Nationalmuseum sagten, sie nähmen es gern. Es würde ihre Sammlung abrunden. Auch das Stadtmuseum hätte bestimmt Interesse. Wir sind uns einig, dass es in einem Museum besser aufgehoben wäre als bei uns zu Hause. So könnten sich auch andere das Schwert ansehen. Schließlich erzählt es nicht nur unsere Familiengeschichte, sondern eine Geschichte über München, über Bayern, über Deutschland. 

Bis meine Familie sich entschieden hat, wird es aber da bleiben, wo es war: auf dem Dachboden im Haus meiner Großmutter, an die Wand gelehnt, zwischen Balduin und Ferdinand. Zusammen mit all den anderen Dingen, die wir nicht mehr brauchen. Aber von denen wir uns auch nicht trennen wollen.

Foto: Julian Baumann

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