„Wir wollten dich nicht“

In Teilen Indiens nennen Eltern ihre Töchter „Nakusa“, „ungewollt“, um den Göttern zu zeigen, dass sie sich dringend einen Sohn wünschen. Die Mädchen erfahren früh, was es heißt, wenig wert zu sein.

von Eva Lindner, Süddeutsche Zeitung, 19. November 2016

Sie heißt Aishwarya, auf ihrem Schülerausweis steht es. Er hängt an einem Band um ihren Hals, das sie verlegen mal nach rechts, mal nach links zieht. Sie ist 13 Jahre alt und wohnt hoch oben auf einem Berg im kleinen Dorf Narafdev, 250 Kilometer von Mumbai, der Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra, entfernt. Die sandfarbene Landschaft liegt wie ein faltiger Teppich über den Hügeln am Horizont. Aishwarya hat sich fein gemacht an diesem Tag, schwarze Hose, pinkfarbene Kurta, so heißt die traditionelle indische Oberbekleidung; ein Schal liegt ihr lose über den Schultern. Sie erwartet Besuch aus der Stadt. Eine Frau will nachsehen, wie es ihr geht nach all den Jahren.

Der Name auf dem Schülerausweis bedeutet dem Mädchen alles. Er ist nicht nur Teil seiner Identität, er ist seine Legitimation. Den Namen, den die Mutter ihm gab, wollte es nicht mehr tragen. Er war der Beweis, dass seine Eltern es nie wollten. Dass sie sich einen Jungen gewünscht hatten. Deshalb nannten sie ihre Tochter „Nakusa“. Die Ungewollte.

In Indien haben Namen ihren Ursprung häufig in Mythologie und Religion. Der Name soll dem Kind seinen Weg in die Zukunft weisen, ihm helfen, seine Persönlichkeit zu entwickeln. Beliebt sind für Mädchen Lakshmi, nach der Göttin des Wohlstandes, Sunita, „höflich“, oder Kavita, „Gedicht“. In der Region Satara im Staat Maharashtra im mittleren Indien glauben Eltern, die viele Töchter haben, dass sie den Göttern mit dem Namen des Kindes ein Zeichen schicken können. Nakusa bedeutet: genug Töchter, wir wollen endlich einen Sohn.

Für einfache Familien werden Mädchen schnell zur Armutsfalle

Etwa tausend Mädchen mit dem Namen Nakusa leben in Satara, schätzt T. V. Sekher, Professor am internationalen Institut für Bevölkerungswissenschaft in Mumbai. Er hat kürzlich eine Studie herausgegeben, in der er die psychologischen Auswirkungen des Namens auf die Mädchen erforscht hat: 70 Prozent hatten Demütigungen erlebt und waren traumatisiert. „Wir blicken in Indien auf eine jahrhundertelange Diskriminierung von Mädchen zurück“, sagt er. „Was wir hier im ländlichen Maharashtra erleben, ist die grausamste Form.“

Auch Aishwarya kann davon erzählen. „,Komm her, du Ungewollte‘, riefen die anderen Kinder mich“, sagt sie, „oft ließen sie mich nicht mitspielen.“ Was Nakusa heißt, habe sie erst in der Schule erfahren, als alle Kinder die Bedeutung ihrer Namen darlegen sollten. Als sie ihren nicht erklären konnte, nahm der Lehrer die Kreide und schrieb in der Landessprache Marathi an die Tafel: „Ungewolltes Mädchen“. „Ich habe mich so schmutzig gefühlt“, sagt sie.

Mit ihren Eltern, der Großmutter und ihren Geschwistern wohnt sie in einem Raum. Die Familie lebt von der Landwirtschaft, vor der Tür sind zwei Ochsen, eine Kuh, ein Kälbchen und ein paar Ziegen angebunden. Was man im Westen als Krippenspiel zu Weihnachten kennt, ist im ländlichen Indien Alltag: Aishwarya lebt mit ihrer Familie in einem Stall, für die Frau aus der Stadt kocht ihre Mutter Tee über dem offenen Feuer.

Samindra Bapusaheb Jadhav hat mitgeholfen, dass aus Nakusa Aishwarya werden konnte. Mit ihrer Organisation Swayamsiddha Women Development unterstützt sie junge Mädchen dabei, ihre Geburtsurkunde, Zeugnisse und Ausweise umschreiben zu lassen. 280 Nakusas durften sich mit ihrer Hilfe schon einen neuen Namen aussuchen. „Wir wollen keine ungewollten Mädchen mehr“, sagt Samindra Bapusaheb Jadhav, die selbst zwei Söhne hat, „alle sollen willkommen sein.“

Fragt man Aishwaryas Mutter, warum sie ihrer Tochter den Namen Nakusa gegeben hat, sagt sie ganz offen: „Wir haben schon sechs Mädchen gehabt, wir wollten einen Sohn.“ Aishwarya sitzt mit gesenktem Kopf reglos auf der Bastmatte, eine Träne rinnt langsam ihre Wange hinunter.

Dass indische Paare oft Söhne den Töchtern vorziehen, hat finanzielle Gründe; gerade für einfache Familien werden Mädchen schnell zur Armutsfalle. Ausbildung, Hochzeit und Mitgift (die zwar gesetzlich verboten, aber noch immer die Regel ist) kosten die Eltern viel Geld, viele müssen Kredite aufnehmen. Nach der Heirat geht die Tochter mit ihrem Besitz in das Eigentum der Familie des Bräutigams über, die Eltern bleiben beim Sohn. Weil es in Indien keine staatliche Rente gibt, sind sie im Alter finanziell von ihm abhängig.

„Warum habt ihr mich nicht einfach nach der Geburt umgebracht?“

„Söhne werden in vielen Familien bevorzugt behandelt, sie erhalten mehr Bildung und als Erste am Tisch die Mahlzeiten“, sagt der Wissenschaftler Sekher. Nicht von ungefähr gebe es das indische Sprichwort: „Eine Tochter großzuziehen, ist, wie die Blume im Garten des Nachbarn zu gießen.“ Die Söhne sind es auch, die das Grundstück der Eltern erben; hat die Familie nur Töchter, verliert sie ihr Land.

So manifestiert sich die männerdominierte Gesellschaft ökonomisch, sozial, kulturell. Das erste Kind gilt als Gottesgeschenk, sein Geschlecht spielt meist noch keine große Rolle. Das zweite Kind soll aber ein Junge werden. Nakusa heißen meist die Mädchen, die schon ältere Schwestern und noch keinen Bruder haben. „Indem Eltern ihre Tochter Nakusa nennen, flehen sie die Götter um Erbarmen an. Sie haben den Glauben, oder vielmehr den Aberglauben, dass sie dann einen Sohn bekommen“, sagt T. V. Sekher. Auch Namen wie „Grenze“ oder „Stein“ sollen ein Stopp-Zeichen für die Götter sein, aber Nakusa ist wohl das unbarmherzigste. In Sekhers Studie wird eine 32-jährige Nakusa zitiert, die gegenüber ihren Brüdern so benachteiligt wurde, dass sie ihre Eltern fragte: „Warum habt ihr mich nicht einfach nach der Geburt umgebracht?“

Umgerechnet drei Euro kostet die Namensänderung

Erst 2011 ist Sekher durch eine Umfrage des Gesundheitsministeriums auf den ungewöhnlichen Mädchennamen in der Satara-Region aufmerksam geworden. 400 Nakusas konnte er finden, die älteste ist 50 Jahre alt, „das sagt uns, dass sich der Brauch schon seit Generationen hält“. Dass Aishwaryas Mutter keinerlei Scham oder Reue wegen der Namensgebung zeigt, erstaunt Sekher nicht. „Der Glaube wiegt gerade bei armen, bildungsschwachen Familien viel schwerer als die Vernunft.“

Als Aishwaryas Lehrer ihre Eltern auf die Möglichkeit aufmerksam machte, ihren Namen zu ändern, hatten sie immerhin nichts dagegen. Die Organisation half, die Dokumente zu beantragen und kam für die Kosten in Höhe von 200 Rupien auf, umgerechnet knapp drei Euro. Die Mitarbeiter besuchen die Familien auch, um zu prüfen, ob sich nicht nur auf dem Dokument etwas geändert hat und die Familien ihre Töchter auch wirklich bei ihrem neuen Namen nennen.

Auch das zweite Mädchen, nach dem Samindra Bapusaheb Jadhav an diesem Tag sieht, heißt jetzt Aishwarya. Der Name ist beliebt, die Bollywood-Schauspielerin und ehemalige Miss World Aishwarya Rai ist für viele ein Vorbild. Die Welt der 15 Jahre alten Aishwarya ist dagegen eher klein, sie kommt gerade vom Wäschewaschen am Brunnen. „Meinen alten Namen mochte ich nicht, der neue ist viel schöner“, sagt sie. Wenn sie erwachsen ist, will sie Ärztin werden. Leicht wird das nicht; wie die meisten Nakusa-Mütter kann auch Aishwaryas Mutter weder lesen noch schreiben, der Vater ging nur wenige Jahre zur Schule. Das Mädchen hat ein fröhliches Lächeln, goldene Ringe glänzen an seinen Ohrläppchen, das traditionelle Geschenk der Mütter an ihre Töchter. Vielen Nakusas bleibt diese Gabe verwehrt, ähnlich wie das Namensfest kurz nach der Geburt.

Aishwaryas Großmutter, eine runzelige Frau mit eisblauen Augen und einem Gehstock, der fast so hoch ist wie sie selbst, steht wackelig vor dem Haus und sieht den Kindern beim Fangspiel zu. Sie hat ihrer Enkelin, es war bereits die fünfte, den Namen Nakusa gegeben. Nach den Gründen hat Aishwarya sie nie gefragt. In der Schule war es schwer für sie, auch sie wurde gehänselt. „Wenn du zu Hause petzt, rufen wir die Polizei und sagen ihr, dass du sowieso nicht gewollt bist. Dann schleppen sie dich weg“, riefen die Mitschüler. Die Polizei kam nie. Was Aishwarya aber in der Schule ertragen musste, hat ihre Seele krank gemacht.

Schon jetzt leben in Indien 30 Millionen mehr Männer als Frauen

Die Tochter Nakusa zu nennen, ist nur eine von vielen fragwürdigen Methoden, die Eltern in Indien ergreifen, um endlich einen Sohn zu bekommen. Schon seit mehr als 20 Jahren ist die pränatale Geschlechtsbestimmung von Kindern verboten, aber viele bestechen den Arzt, um notfalls abtreiben zu können. Auch nach der Geburt sind Mädchen nicht sicher, oft werden sie vernachlässigt, manche verhungern. Schon jetzt leben in Indien 30 Millionen mehr Männer als Frauen. Das massive Ungleichgewicht der Geschlechter hat absurde Auswirkungen. Mancherorts teilen sich Brüder eine Ehefrau. Und aus dem bitterarmen Norden werden Frauen in den Süden verkauft.

Der Bevölkerungsforscher T. V. Sekher sieht die Lösung in Finanzierungsprogrammen für Mädchen, damit ihr materieller und immaterieller Wert in der Gesellschaft wächst. Mit einer solchen Idee experimentiert das Dorf Piplantri in Rajasthan bereits: Jedes Mal, wenn im Ort ein Mädchen geboren wird, pflanzen die Einwohner 111 Bäume. Außerdem eröffnen sie einen Fonds, in den sie und die Eltern umgerechnet etwa 400 Euro einbezahlen. Diese Summe wird für 20 Jahre als Festgeld für das Mädchen, seine Krankenversicherung, Hochzeit und Mitgift angelegt. Im Gegenzug müssen die Eltern ihre Tochter zu Schule schicken und dürfen sie erst verheiraten, wenn sie volljährig ist. Die Bäume dienen den Dorfbewohnern unterdessen als Einnahmequelle: Aus der Aloe-Vera-Pflanze gewinnen sie Produkte, die sie anschließend verkaufen. Eine Gewinnkette für alle, die ihren Anfang in der Geburt eines Mädchens hat.

Wenn man Aishwarya aus Narafdev fragt, wie viele Kinder sie mal haben will, denkt sie erst lange nach. Dann sagt sie: „Ich will einen Sohn und eine Tochter haben. Das Mädchen soll Shrutika heißen.“ Shrutika ist ein anderer Name für die oberste Hindu-Göttin Parvati. Sie ist die Frau des Gottes Shiva, und sie wurde ihr Leben lang geliebt.

Fotos: Eva Lindner & Damijan Pezdiček

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