Frau Kamel und der Teilchenbeschleuniger

Die Physikerin Gihan Kamel aus Ägypten forscht in Jordanien mit Kollegen aus Israel und dem Iran an einer Maschine aus dem geteilten Berlin. „Sesame“ soll die Wissenschaft im Nahen Osten beflügeln und Gegner befrieden. Kann das gelingen?

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Die Frau mit dem Kopftuch hat in ihrem Leben zwei Männer zurücklassen müssen, die nicht mit ihr gehen wollten. Dafür ist sie jetzt von 30 Männern umgeben, die schon mal über sie lachen. Wenn Gihan Kamel auf der Baustelle den Schutzhelm auf ihr Kopftuch setzt und über Kisten klettert, fühlt sie sich manchmal wie ein seltenes Tier im Zoo. Die Männer, die dann grinsen, werden erst einmal an ihrer Seite bleiben. Und Gihan Kamel wäre nicht da, wo sie heute ist, wenn sie in diesem Moment nicht mitlachen könnte.

Die Logik der Physikerin funktioniert so: Lachen die Männer, klettert sie höher. Geben sie ihr absichtlich schwere Kisten zum Tragen, stemmt sie abends im Fitnessstudio noch schwerere Gewichte. Nehmen ihre Kollegen sie als Wissenschaftlerin nicht ernst, arbeitet sie eben doppelt so hart. Kamel bedeutet im Arabischen perfekt.

Die Ägypterin hat ihre Formel gefunden, um als einziger weiblicher Wissenschaftler in einem Labor voller Männer nicht unterzugehen. Den Rest braucht nicht nur sie, sondern brauchen alle, die an dem gewagten Experiment mitarbeiten: einen starken Willen und vor allem eine Vision.

SESAME

Der Teilchenbeschleuniger liegt im Ort Allan, 35 Kilometer entfernt von der jordanischen Hauptstadt Amman.ISRAELJORDANIENWESTJORDANLANDJerusalemTotes
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Im Ort Allan, 35 Kilometer entfernt von der jordanischen Hauptstadt Amman, entsteht in einem Gebäude, das wie ein römischer Tempel anmutet, eine neue Lichtquelle. Es ist die Erste ihrer Art im Nahen Osten. Sie trägt den Namen Synchrotron Light for Experimental Science and Applications in the Middle East, kurz Sesame. Es handelt sich um einen Teilchenbeschleuniger, der Elektronen mithilfe von Magneten und elektrischen Feldern im Kreis flitzen lässt, bis sie fast so schnell sind wie Licht. Die elektromagnetische Strahlung, die sie dabei aussenden, nennen Wissenschaftler Synchrotronstrahlung. Dreizehn Jahre dauerte der Bau, Anfang Januar begann die Testphase, im Sommer starten die Experimente.

Weltweit gibt es mehr als 60 Forschungsanlagen dieser Art. Das Besondere an Sesame ist aber nicht nur der Standort im Nahen Osten. Es sind vor allem die Wissenschaftler, die hellhörig werden lassen. Im Tempel-Labor sollen sich Israelis und Iraner, Türken und Zyprioten, Pakistaner, Palästinenser und Ägypter treffen und gemeinsam forschen. Sie sollen in den Pausen zusammen essen, bei einem Kaffee plaudern und sich im Gästehaus begegnen. Unabhängig von Herkunft, Religion und der einander oft feindlich gesinnten Politik ihrer Heimatländer will Sesame ein internationales Labor für Wissensaustausch sein – und ist damit nicht weniger als eines der größten Experimente für den Frieden in der Region.

Gihan Kamel (ausgesprochen: Kamell) sitzt an ihrem Schreibtisch im ersten Geschoss oberhalb der Rotunde, durch die sich der Beschleuniger schraubt. An der Wand über ihr hängen Bilder und ein Schild mit zwei Pfeilen. „Men to the left because women are always right“, steht darauf geschrieben. Kamel trägt das dazu passende Lächeln im Gesicht, selbstbewusst; ein Hemd, grün-weiß kariert; Nagellack, schwarz. Das blau-weiß geblümte Kopftuch hat sie unter dem Kinn zusammengewurschtelt, oben spitzt der dunkle Haaransatz heraus. Warum trägt sie es? „Ich will das Vorurteil brechen, dass Frauen mit Kopftuch immer unterdrückt sind und sich nur um Haushalt und Kinder kümmern“, sagt sie. „Eine Frau mit Kopftuch kann eine erfolgreiche Wissenschaftlerin und religiös sein.“ Gihan Kamel, so viel ist klar, kämpft an mehreren Fronten.

Auf dem Tisch spiegelt ihre Sonnenbrille das Herbstlicht in den blauen Gläsern. Daneben liegt ein Buch von Orhan PamukDiese Fremdheit in mir, ein Roman über Zerrissenheit und die Suche nach innerer Heimat. Gihan Kamel sieht jünger aus als die 40 Jahre, die sie alt ist. In der Hand hält die Physikerin einen kurzen Bleistift. Wenn sie erklärt, warum sie an das Friedenslabor glaubt, klopft sie damit vehement auf das Blatt Papier vor ihr auf dem Tisch.

Anfangs habe sie schon Zweifel gehabt. „Ich habe mich gefragt, ob ich, eine stolze Ägypterin, zu einer neutralen Person werden kann“, sagt sie. „Kann ich meine Augen vor der Welt verschließen und einfach nur meine Experimente machen?“ Wochenlang habe sie mit sich gerungen. Ägypten hat mit Israel zwar einen Friedensvertrag und erkennt den Staat, anders als der Iran oder Pakistan, auch an, aber der Freiheitskampf der Palästinenser ist für viele die Sache aller Araber. Nach ein paar Wochen weiß sie die Antwort. Ihre tägliche Arbeit funktioniert seitdem nach einem Dreisatz: „Ich lese keine Zeitung, ich schaue keine Nachrichten, ich spreche nicht über Politik“, sagt sie und tippt mit dem Stift dicke Bleistiftpunkte auf das Blatt.

Drei Jahre lang repräsentierte Gihan Kamel Ägypten im Mitgliederkomitee von Sesame. Sie beobachtete, wie sich Palästinenser und Israelis auf Konferenzen nebeneinandersetzten, wie iranische Forscher in der Kaffeepause mit israelischen Kollegen redeten. 2015 zieht sie nach Jordanien und tritt ihre Stelle als verantwortliche Physikerin für die Infrarotstrahlung an. Sie wird schnell zur vehementesten Verteidigerin dieser „verrückten Idee“ namens Sesame, ihrer Vision vom Frieden.

„Wir spürten, dass gerade etwas Großes passiert“

Das Experiment hat seinen einzig möglichen Standort gefunden: Jordanien als letzte stabile Bastion im Nahen Osten, den Kriege und Krisen zerfressen wie ätzende Säure. Jordanien als einziges Land, in das alle Mitglieder problemlos einreisen können. Nicht über Politik zu sprechen scheint das ungeschriebene Gesetz im Labor zu sein, der Garant für das Gelingen des Experiments. Nur, ist es schon Frieden, wenn Feindschaft ignoriert wird?

Einer, der eine Antwort haben müsste, sitzt ein paar Büros weiter. Giorgio Paolucci ist seit zwei Jahren der wissenschaftliche Leiter von Sesame. Als er ankam, stand der halb fertige Teilchenbeschleuniger ohne Dach in der Wüste. Ein extremer Winter hatte Schnee nach Jordanien und das Tempeldach zum Einsturz gebracht. Ein Grund von vielen, die das Projekt um Jahre verzögert haben. Sein Büro ist im Gegensatz zu Gihan Kamels Büro leer und kahl. Es sieht nicht aus wie eines, in dem sich jemand eingerichtet hat, um zu bleiben. Paolucci kocht gerade Kaffee, italienischen natürlich. „Wissenschaft ist ein Umfeld, in dem nie über Krieg oder Frieden gesprochen wird. Die Sprache der Wissenschaft ist universell, sie führt zum Austausch, wo sonst nicht miteinander gesprochen wird“, sagt der Italiener. Es klingt wie ein Satz, den er schon sehr oft gesagt hat. Lieber spricht er über die wissenschaftlichen Chancen von Sesame.

Das Synchrotronlicht ist ein Werkzeug, das nicht nur Physiker, sondern auch Mediziner, Chemiker, Biologen, Materialforscher und Archäologen nutzen. Damit analysieren sie anderswo in der Welt zum Beispiel Luftpartikel und Bodenproben, um Umweltschäden zu erkennen. Der Infrarotstrahl ermöglicht die Forschung an lebenden Zellen und an Gewebe, das von Krebs befallen ist. Im Bau befindet sich ein drittes Strahlrohr für die sogenannte Proteinkristallografie, mit der Viren besser erforscht werden können. Militärische Forschung soll mit Sesame nicht möglich sein.

Giorgio Paolucci erzählt gerne von den Erfolgen, die italienische Forscher mithilfe von Synchrotronlicht erzielt haben. Sie entzifferten eine antike Pergamentrolle aus Pompeji, ohne sie zu öffnen und so ihre Zerstörung zu riskieren. Solche Ergebnisse wünsche er sich auch für den Nahen Osten, gerade in Jordanien gebe es zahlreiche archäologische Fundstücke. In wenigen Wochen sollen die ersten Forscherteams in Allan eintreffen. Ein strammer Zeitplan angesichts dessen, dass die Halle mit den vielen Kisten und Containern noch eher einer Baustelle als einem Labor gleicht.

Die Idee für einen Teilchenbeschleuniger im Nahen Osten stammt aus dem europäischen Forschungszentrum Cern und ist bereits 20 Jahre alt. Jordanien stellte schließlich das Grundstück zur Verfügung und übernahm 2003 den Bau des Tempels, die Unesco, die EU und die USA gaben Geld. Die Kosten für die Anlage sollen eigentlich die neun Sesame-Mitglieder aus der Region tragen, doch bislang haben nur Israel, die Türkei und Jordanien hohe Beträge bezahlt. Zu Bahrain habe man den Kontakt ganz verloren, aus Zypern, Pakistan, den palästinensischen Gebieten, dem Iran und Ägypten kam bislang wenig oder gar nichts.

Gihan Kamel weiß, dass Ägypten in einer tiefen Krise steckt. Während ihre Heimat, wie sie sie kannte, unterging, stieg sie selbst in der Wissenschaft auf. Als ihre Freunde 2011 in Kairo anfangen, gegen das Regime Mubaraks auf die Straße zu gehen, beendet die Physikerin ihre Doktorarbeit an einer Universität in Rom und löst gerade ihre zweite Verlobung auf. Die erste scheiterte, als sie ihren Master machte. „Beide Männer konnten nicht ertragen, dass ich erfolgreicher war als sie. Daran sind beide Beziehungen zerbrochen“, sagt sie.

Als sie mit ihrem Doktortitel nach Hause kam, sei die Stimmung im Land wahnsinnig aufregend gewesen. Es war der Beginn des Arabischen Frühlings in Ägypten. „Wir liefen auf den Tahrir-Platz und feierten und demonstrierten. Wir spürten, dass gerade etwas Großes passiert.“ Dann brach die Gewalt herein, Hunderte Menschen starben. Ein paar Wochen später trat Mubarak zurück. Sie sei so erleichtert gewesen. „Es ist ein bisschen wie mit Sesame“, sagt sie, „du arbeitest ewig lange an etwas, was unerreichbar scheint, und wenn du dann tatsächlich am Ziel ankommst, merkst du, dass du wirklich etwas verändert hast.“ Das Problem sei nur, die freigesetzte Energie im Nachhinein zu kontrollieren. Sie als Physikerin muss es wissen.

„Wir können nicht leugnen, dass es in den Mitgliedsländern viele Probleme gibt“, sagt Giorgio Paolucci, der gerade seinen Espresso austrinkt. „Die Wissenschaftler der Mitgliedsländer sollen trotzdem hier forschen, auch wenn sie noch nicht alle bezahlen.“ Finanziell springen erst einmal alte Bekannte ein. Die EU will nachlegen, Italien und Deutschland ebenso.

Ist Sesame ein vom Westen angeschubstes Friedensprojekt, in das die Mitglieder selbst nicht investieren können oder gar wollen? Nicht mehr als ein schönes Symbol unter der Schirmherrschaft der Unesco?

Einer, der seit vielen Jahren Erfahrung mit internationalen Forscherteams hat, ist überzeugt von Sesames Strahlkraft für die Völkerverständigung. Rolf-Dieter Heuer war sieben Jahre lang Generaldirektor des Cern. Im kommenden Jahr wird der deutsche Physiker Präsident des Aufsichtsrats von Sesame. Das Cern habe ihm gezeigt, dass Wissenschaftler, die ein gemeinsames Ziel haben, einander unabhängig von ihrer Herkunft akzeptieren. Ab 1954 sind sich in dem Schweizer Labor zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wieder deutsche und jüdische Wissenschaftler begegnet. Auch den Eisernen Vorhang in Europa hätten die Forscher mit ihrer Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg durchlöchert. „Ich bin überzeugt, dass die Wissenschaft zum Frieden zwischen den Völkern beitragen kann“, sagt er.

Das Cern des Nahen Ostens

Schon bald sollten die Mitgliedsländer selbst die Leitung von Sesame übernehmen. „Bisher haben sie sich nicht rangetraut, weil ihnen die Erfahrung fehlt“, sagt Rolf-Dieter Heuer, „das muss sich aber ändern, sobald Sesame läuft.“ Also schnell.

Neben Giorgio Paolucci, dem Italiener, steht momentan ein Deutscher als technischer Leiter an der Spitze des Strahlenexperiments: Erhard Huttel pendelt jeden Monat zwischen dem Synchrotron Anka in Karlsruhe und Sesame hin und her. Fragt man ihn, ob Sesame Frieden stiften kann, hebt er die Schultern und lässt sie wieder fallen. Glaubensfragen sind nicht seine Welt. Er ist ein Mann der Zahlen. Die Anlage sei mit 20 Millionen US-Dollar sehr billig, eine Maschine in Europa koste das Fünffache. Der Grund für die Ersparnis stehe da unten. Huttel zeigt von seinem Büro im ersten Stock hinunter.

Wer dem technischen Direktor durch das Labor folgt, darf hinter die drei Meter dicke Betonwand spähen, die vor Strahlen schützen soll, und auch hinter Türen mit Warnschildern wie „Hochspannung! Vorsicht, Lebensgefahr!“. Dann steht man im Herzen der Anlage und trifft auf eine Berlinerin. „Das ist Bessy I“, stellt Huttel die rote Stahlröhre vor. Sie ist ein Teil des Beschleunigungsrings, der in Berlin 1999 ausgemustert und ein paar Jahre später Sesame geschenkt wurde. Das Cern des Nahen Ostens – eine 35 Jahre alte Secondhand-Anlage? „Eigentlich kann an so einer Maschine nicht viel kaputtgehen“, sagt Huttel und klopft Bessy auf den Stahlrahmen, er habe nur ein paar Netzteile ausgetauscht. Auf die Frage, ob die aufgepeppte alte Dame mit den 60 Konkurrenten weltweit mithalten könne, sagt er: „Das ist wie bei den Autos: Es gibt welche, mit denen fährt man Formel 1, und welche, mit denen fährt man zum Brötchenholen.“ Letztere brauche man aber auch, schiebt er schnell hinterher.

Was der Nahe Osten vor allem brauche, sei ein solides Labor, das die jungen, talentierten Wissenschaftler in der Region halte. Wissenschaftler wie Gihan Kamel sollen zukünftig nicht mehr an Synchrotronanlagen im Westen forschen, sondern an Sesame, und so ihre Heimat stärken.

Sie sei froh, wieder näher an Ägypten zu wohnen, sagt die Physikerin. Eines Tages möchte sie zurückkehren. Bis dahin sei die Wissenschaft bei Sesame ihr Zuhause und auch ihr Baby. Jeder müsse in seinem Leben eine Vision haben, sagt Kamel, jeder sollte etwas verfolgen, wofür er kämpfe und woran er bedingungslos glaube. Gihan Kamel lebt mit ihrer Mutter und zwei Katzen zusammen. Die beiden Katzen kann man als Symbol interpretieren für die vielen Identitäten dieser Frau. Die eine Katze stammt aus Jordanien. Die andere aus Ägypten.

Sychrotronstrahlung

DAS LICHT DER ERKENNTNIS

Die Entdeckung der Synchrotronstrahlung begann mit einem Ärgernis: Als Physiker nach dem Zweiten Weltkrieg immer größere Teilchenbeschleuniger bauten, um die Welt der Atomkerne zu erkunden, stießen sie auf ein Problem. Je schneller die atomaren Teilchen im Kreis flitzten, desto stärker schienen sie von einem unsichtbaren Widerstand gebremst zu werden. Die Fachleute rätselten – und fanden eine Erklärung: Wenn die elektrisch geladenen Elektronen oder Protonen mit hoher Geschwindigkeit um die Kurve rasen, senden sie Licht aus. Infrarotes oder sichtbares Licht, UV-Licht oder Röntgenlicht, je nach Geschwindigkeit. Dadurch verlieren sie Energie und werden langsamer.

Pech für die Teilchenphysiker. Glück für den Rest. Biologen, Materialforscher, Chemiker und Physiker verfügten nun über Synchrotronstrahlung, die viel intensiver und besser steuerbar ist als das Licht herkömmlicher Quellen. Anfangs bohrten sie Löcher in die Ummantelung der Beschleuniger, um das Licht für ihre Experimente abzuzweigen. „Parasiten- Modus“ sagten Kollegen dazu, weil die Synchrotronforscher vom Abfall der Teilchenphysik profitierten.

Seit Ende der sechziger Jahre jedoch werden eigens Elektronenbeschleuniger gebaut, die nur noch einem einzigen Zweck dienen: Synchrotronstrahlung zu erzeugen. Damit untersuchen Biologen etwa die Struktur von Proteinen und anderen Riesenmolekülen. Chemiker filmen Reaktionen auf der Oberfläche von Katalysatoren, Materialforscher durchleuchten Schweißnähte und neue Werkstoffe, Physiker studieren Supraleiter, Archäologen antike Vasen. Mehr als 60 Anlagen stehen den Forschern weltweit zur Verfügung. Mit Sesame kommt das Synchrotronlicht in den Nahen Osten.