Sicherheit geht vor

Die Sicherheitsleute am Flughafen Ben Gurion sammeln Büstenhalter. Gerücht? Verschwörungstheorie? Wahrheit? Jeder, der schon mal von Israel nach Hause geflogen ist, hat Geschichten zu erzählen. Die allererste ist aber meistens nicht die vom Besuch des Tempelbergs, der Geburtskirche oder des Toten Meeres. Die erste Geschichte handelt meistens vom Flughafen Ben Gurion und den dortigen Sicherheitskontrollen. Eigentlich nicht der Rede wert, könnte man meinen. Doch jeder, der einmal ins Visier der Wachleute geraten ist, weiß, das diese die aufregendste Geschichte von allen ist:

Kürzlich war ich wieder einmal vom Ben Gurion Flughafen auf dem Weg nach Hause, als eine junge Sicherheits-Chefin entschieden hat, dass ich diesmal die Auserwählte sein sollte. Ich konnte noch beobachten, wie der Kollege auf seine Uhr verwies, schließlich bin ich schon extra knapp zum Flughafen gekommen, um der Befragung zu entgehen (2 Stunden vor Abflug, nicht wie empfohlen 3 Stunden vorher). Den Flug lassen sie mich nämlich nur verpassen, wenn sich der Verdacht erhärtet, dass ich ein Sicherheitsrisiko darstelle. Besonders schlau, dachte ich – besonders doof, wie sich herausstellte. Innerhalb kürzester Zeit stehe ich nämlich vor dem Check-In und damit auch schon mitten im Löwenkäfig.

Einlass ins Heilige Land: Das Visum

Zwei Männer, beide deutlich jünger als ich, bitten mich höflich zur Seite und schnell ist klar: Der eine ist in der Ausbildung, der andere betreut ihn. Der Kleine muss üben, heute, jetzt, an mir. Und ich bin seine Probandin. Weil ich gerade da bin. Die Auswahl fällt zufällig. Zumindest diesmal. Es ist kein Geheimnis, dass Fluggäste arabischer Herkunft besonders häufig kontrolliert werden. Ich habe eine australische Freundin, die in Jerusalem Arabisch lernt. Vermutlich weil ihre Eltern aus Ägypten stammen, ihre Haare schwarz und ihre Augen dunkel sind, wird sie jedes Mal bei der Ein- und Ausreise intensiv kontrolliert. Letztens musste sie sich bis auf die Unterwäsche ausziehen. Ihr BH wurde einbehalten. „Er ist ein Sicherheitsrisiko“, hieß es von den Behörden. „Er ist von Calvin Klein!“, schrieb mir meine Freundin daraufhin empört in einer Nachricht.

In der nächsten Stunde werde ich also ausgefragt. Wo waren Sie? Mit wem? Was haben Sie gemacht? Beschreiben Sie jeden einzelnen Tag Ihres 10-tägigen Aufenthaltes. Unglücklicherweise habe ich meine 10 Tage bei einem Medienprojekt in der Westbank verbracht. Die Herren sind alarmiert. Junge, alleinreisende, Palästina-affine Frauen fallen in die Gefahrengruppe. Schließlich liegt es nahe, dass ich dem Charme und der Ideologie eines fundamentalistischen Palästinensers verfalle, mir ein Palästinensertuch um den Hals binde und als Terroristin zurückkomme. Ich muss Emails aufrufen mit meiner Einladung, mein Netzwerk offen legen, Telefonnummern, Anruflisten und meinen Journalistenausweis zeigen.

Wer hier ist, hat es geschafft: Wartehalle

Der Kleine fragt scheinbar zu zögerlich und weil wir ja unter Zeitdruck stehen, übernimmt der Ältere. Nun rattern die Fragen auf mich ein: Warum findet das Projekt ausgerechnet während der jüdischen Feiertage statt? Warum nicht in Israel, sondern in der Westbank? Wer bezahlt für meine Reise? Mein Puls pocht in meinem Ohr wie der Hammer Thors. Meine Beine zittern und unter meinem Pulli bildet sich ein Angstsee. Wie lautet die Adresse von meiner australischen Freundin? Warum bin ich schon das vierte Mal in Israel? Warum ist mein Hebräisch so schlecht? (Die Erklärung kann man hier nachlesen: https://eva-lindner.com/wordpress/2013_11_01_archive.html) Während Sie hier sind, verdienen Sie kein Geld, wie geht das? Sie sind doch selbstständig und müssen Geld verdienen? Ich sage ihm, dass meine Mutter mich das gleiche gefragt hat. Er muss grinsen. Aber nur kurz. Dann soll ich Belege zeigen. Wild tippe ich auf meinem Laptop rum und beantworte gleichzeitig im Akkord seine Fragen. Obwohl ich nichts Unrechtes gemacht habe, fühle ich mich schlecht. Wie schafft er das nur? Jede Frage klingt wie eine Unterstellung. Du lügst doch bestimmt, aber wir werden dich überführen!

 

Und tatsächlich: Obwohl ich normalerweise nicht mal die GEZ anschwindele, fange ich an, Dinge nicht zu erzählen und zu behaupten, dass meine australische Freundin, bei der ich übernachtet habe, Hebräisch studiere, nicht Arabisch. Ich sage den beiden nicht, dass ich im Westjordanland auch in Jenin war, der Stadt, die auch „suicide city“ genannt wird, weil von dort während der zweiten Intifada viele Selbstmordattentäter stammten. Ich sage es nicht und lüge, weil ich weiteren Fragen entgehen will. Weil ich nicht noch mehr Verdacht sähen will, weil ich will, dass es endlich aufhört. Machen die Sicherheitsleute mich zur Lügnerin? Oder bin ich eine Lügnerin, die Israel verrät? Wie dem auch sei, klar ist, wenn meine beiden neuen Freunde mich dabei ertappen, dass ich mir selbst widerspreche, gibt es Ärger.

30 Minuten vor meinem Abflug und kurz bevor mein Lügennetz droht, zu reißen, lassen die beiden locker. Zeit, um meinen BH zu untersuchen, bleibt nicht. Ich bin entlassen. Danke, für Ihre Kooperation. Bitte, gern geschehen. Ich renne die Halle entlang zu meinem Gate, schwitze noch mehr und falle in meinen Sitz. Die schicke Israelin neben mir, wendet sich ab. Ist mir egal. Ich bin gerade der größten Gefahr für meine Sicherheit entkommen, der ich während meines 10-tägigen Aufenthalts ausgesetzt war. Ich will einfach nur nach Hause.

 

Auf der Nahost-Nachrichtenseite „Mondoweiss“ hat die Tochter eines palästinensischen Vaters und einer jüdischen Mutter ihre Erfahrung am Ben Gurion Flughafen beschrieben. Auch sie hat einen BH in die Sammlung beigesteuert: http://mondoweiss.net/2013/10/big-hold